# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1859_S322 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 322 Wird Röm. 11, 25. 26. 27. eine noch zu erwartende solenne ꝛc. Judenbekehrung hoffen, meinen in der Regel dadurch manchen Einwürfen, die ihnen dabei ihr eigenes christliches Bewußtsein macht und die sie von anderen dabei vermuthen, zu begegnen, wenn sie sagen: Wir hoffen natürlich nicht, daß alle Juden ohne Ausnahme bis auf den letzten Mann, sondern nur, daß eine sehr große Anzahl werde bekehrt werden, so daß man dann synekdochisch wird sagen können, ganz Israel sei bekehrt worden. — Weit entfernt nun, daß dieses Zugeständniß die beliebte Auslegung der Stelle probabel machen sollte, so geht vielmehr schon daraus deutlich hervor, daß in unserem Texte etwas anderes enthalten sein müsse, als diejenigen glauben, welche auf Grund desselben eine noch bevorstehende solenne Judenbekehrung hoffen wollen. Denn es steht eben in unserem Texte nicht: eine sehr große Anzahl Juden, sondern: „ganz Israel!“*) — Die Ausflucht nehmlich, daß hier synekdochisch das Ganze für einen großen Theil gesetzt werde, ist hier nicht möglich. Es ist ja freilich wahr, daß die Figur der Synekdoche, nach welcher das Ganze genannt und nur ein großer Theil damit bezeichnet werden soll, in der Schrift vorkommt. So enthalten z. B. die Worte (neben einer Metonymie d. i. derjenigen Figur, nach welcher das Enthaltende genannt und das Enthaltene gemeint wird) offenbar eine Synekdoche: „Da ging zu ihm hinaus die Stadt Jerusalem und das ganze jüdische Land,“ Matth. 3, 5. In unserer Stelle hingegen wird „Israel eines Theils“ dem „ganzen Israel“ offenbar entgegengesetzt. In solchem Falle aber ist die Annahme einer Synekdoche schlechterdings unstatthaft. Einen Theil einem Theile entgegen zu setzen wäre eine Ungereimtheit. Diejenigen, welche aus unserer Stelle eine noch bevorstehende solenne Judenbekehrung beweisen wollen, befinden sich daher in dem Dilemma, entweder anzunehmen, daß man hier von den klaren Worten abgehen müsse, weil sich der hl. Apostel einer Absurdität des Ausdrucks schuldig gemacht habe, oder anzunehmen, daß eine Zeit zu erwarten sei, in welcher alle Juden ohne Ausnahme, Mann für Mann, werden selig werden, also nicht etwa nur äußerlich zum Bekenntniß der christlichen Religion, sondern zum wahren Glauben gebracht und bis ans Ende darin erhalten werden. Die erstere Annahme ist aber wider die göttliche Würde und objective Klarheit der Schrift, und die letztere Annahme läuft ganz unleugbar der Analogie des Glaubens, namentlich der Lehre von der Gnadenwahl (ἐκλογή = Auswahl) zuwider. Leider! haben wir es jedoch selbst erlebt, daß einem sonst redlichen, gelehrten und scharfsinnigen Theologen die Hoffnung der Judenbekehrung so unentbehrlich geworden war, daß er, als wir ihm jenes Dilemma nachwiesen, zwar, um den Trost zu haben, daß er von dem buchstäblichen Verstand der Schrift nicht abgehe, die erste Annahme von sich wies, aber in die andere flüchtete und so den obersten hermeneutischen Kanon preisgab: „Hat jemand Weissagung, so sei sie dem Glauben ähnlich“, Röm. 12, 7. So weit können vorgefaßte Meinungen und Lieblingsideen führen! — *) Daß eine Auslegung falsch sein müsse, welche die inspirirten Worte abschwächen muß, um sich zu behaupten, bedarf wohl keines Beweises.