# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1859_S309 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Wird Röm. 11, 25. 26. 27. eine noch zu erwartende solenne ꝛc. 309 Mangel an Begierde nach Wahrheit und an Eifer sie zu erforschen irre gehen, theils die Dunkelheit der Schrift an manchen Orten sogar als eine willkommene Gelegenheit benutzen, die göttliche Rede muthwillig zu verkehren; so widerfährt es mitunter auch aufrichtigen Lesern und Auslegern der Schrift, daß sie über solcher Dunkelheit als über einem Stein aus Schwachheit und Unvorsichtigkeit straucheln. Nie aber trägt die Beschaffenheit der Schrift selbst die Schuld. Ihre Dunkelheit ist nicht eine objective, sondern eine subjective. „Es ist nehmlich, wie wiederum Quenstedt schreibt, zwischen der Dunkelheit, die in dem zu erkennenden Object ist, und der Dunkelheit, die in dem erkennenden Subject ist, zu unterscheiden. Die Schrift wird zufälliger Weise dunkel wegen Unfähigkeit und Blindheit des menschlichen Verstandes und Bosheit der Ketzer und Irrgläubigen, welche zur natürlichen Blindheit eine freiwillige hinzuthun und vor dem so hellen Glanze der Schrift die Augen ihres Verstandes boshafter Weise verschließen. 2 Cor. 4, 3.“ (Ib. fol. 171.) Hierzu kommt die Unkenntniß der Sprache, da, wie Melanchthon vollkommen richtig schreibt, „die Schrift nicht theologisch verstanden werden kann, wenn man sie nicht vorher grammatisch verstanden hat.“ Luther, nachdem er die Nothwendigkeit der Sprachkenntniß zur Schriftauslegung nachgewiesen hat, fährt daher fort: „Derhalben haben auch die Sophisten gesagt, die Schrift sei finster; haben gemeinet, Gottes Wort sei von Natur so finster, und rede so seltsam. Aber sie sehen nicht, daß aller Mangel liegt an den Sprachen; sonst wäre nichts leichteres je geredt denn Gottes Wort, wo wir die Sprachen verstünden. Ein Türke muß mir wohl finster reden, welchen doch ein türkisch Kind von sieben Jahren wohl vernimmt, weil ich die Sprache nicht kenne.“ (Schrift an die Rathsherrn ꝛc. X. 551. 552.) Und noch mehr. Christus spricht: Ἐρευνᾶτε τὰς γραφάς, suchet, forschet in der Schrift, grabet darin nach wie in einem Schachte, die Wahrheit zu finden; — er spricht nicht blos: Leset in der Schrift! Thun das Bibel⸗Leser und ⸗Ausleger nicht, so kann es nur zu leicht geschehen, daß sie den Schriftsinn nicht heraus, sondern ihren eigenen Sinn hinein tragen. „Der beste Lehrer der heiligen Schrift ist aber, wie Hilarius sagt, jener, welcher das Verständniß der Aussprüche mehr von den Aussprüchen erwartet, als hinein trägt, und mehr heraus holt, als herzu bringt, und nicht erzwingt, daß der Sinn in den Aussprüchen enthalten zu sein scheine, von dem er vor dem Lesen meinte, daß er darin enthalten sein müsse.“*) Darum so viel auch der Ursachen sind, warum selbst aufrichtige, der Wahrheit offene Leser und Ausleger einen falschen Verstand aus der Schrift schöpfen, die Hauptursache ist, daß sie die Schriftstelle, um die es sich handelt, nicht genau ansehen, darin nicht wie in einem Schachte „nachgraben.“ Unter den zu beobachtenden hermeneutischen *) Optimus ille S. S. lector est, qui dictorum intelligentiam exspectat potius ex dictis, quam importat, et retulerit magis, quam attulerit, neque hoc cogit videri dictis contineri, quod ante lectionem praesumserat intelligendum.