# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 09 29_S21 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) onnte ihn nun keine noch ſo große Gefahr, der er ſich dadurch augenſcheinlich ausſetzte, abhalten, —auch gegen den erhaltenen hohen Befehl ſein Amt nach wie vor zu verwalten. Noch ſelbigen Tages copulirte er daher ein Paar junge Eheleute. Mit Betrübniß mußte er jedoch ſehen, daß ſeine Gemeinde nur zu bald zaghaft wurde und daß er über die meiſten ſeiner Zuhörer mit dem Prophe⸗ Iten klagen mußte: „Sie bekehren ſich, aber nicht ncht, ſondern ſind wie ein falſcher Bogen“, der, wenn man ihn aufziehen und damit ſchießen will, zerbricht. Hoſ. 7, 16. Die verſprochene Suppli⸗ cation nemlich unterblieb. Als daher kurz darauf, am Freitag den 10ten Mai, der monatliche Buß⸗ tag zu feiern war, nahm Günther auf die gegen⸗ wärtigen Umſtände ſeiner Gemeinde in ſeiner Bußpredigt Rückſicht. Nachdem er im Eingange die Gegenwart mit jener Zeit verglichen hatte, wo der Prophet Amos (7, 10. ff.) durch Verhetzung des Amazias, des abgöttiſchen Prieſters zu Bethel, von dem König in Jsrael, Jerobeam, vertrieben vurde, ſo führte er nach Anleitung ſeines Textes 2 Moſ. 33, 1—7. 34, 4 — 10. folgende drei Stücke vor: „1. Wie Gott mit ſeinem Wort und Tempel von ſeinem Volke zu weichen aus gerechtem Zorne angefangen; 2. wie der ewige Sohn Gottes und ſein treuer Diener Moſes Gott mit dem Gebete aufgehalten, und 3. wie Gott umzukehren und bei ſeinem Volke mit ſeinem Tempel und Worte fer⸗ ner zu verbleiben auch endlich verwilliget habe“. Eine große Menge Volks ging an dieſem Tag zum Tiſche des HErrn und am nächſten Sonntag war die Zahl der Communicanten ſo groß, daß das Amt der Communion Morgens von 4 bis 9 Uhr währte. Doch Tags darauf, am Montag den 13ten Mai, brach endlich der eigentliche Tag der Prüfung an. Schon am frühen Morgen wurde es nemlich kund, daß an dieſem Tage der obengenannte Com⸗ miſſarius Kottwa mit einem römiſch-katholiſchen Prieſter ankommen und denſelben in das Fried⸗ länder Pfarramt feierlich einweiſen werde. Gün⸗ ther hielt daher am Morgen noch einmal Gottes⸗ dienſt, hielt es ſeinen Zuhörern vor, wie er zwar bereit geweſen ſei, bei ihnen auszuharren, es gehe ihm auch, wie Gott wolle; da ſie aber aus ſünd⸗ flicher Menſchenfurcht nichts gethan hätten, die be⸗ drohte Freiheit des reinen Gottesdien ſtes ſich zu erhalten, ſo ſehe er ſich genöthigt, von ihnen Ab⸗ ſchied zu nehmen; doch das ſollten ſie wiſſen, woll⸗ ten ſie doch nun endlich mit ihm feſtſtehen für Gottes reines Wort und ſich dasſelbe nicht neh⸗ men laſſen, ſo ſei er auch jetzt noch erbötig, nicht vom Platze zu weichen und des Ausgangs zu er⸗ warzen. Alles ſchweigt, und traurig geht Gün⸗ ther in ſeine Wohnung. Was geſchieht? Die betrübte Kunde wird zur Wahrheit. Am Nachmittag kommt wirklich der Domherr Kottwa mit etlichen römiſchen Prieſtern zu Roß und Wagen in Begleitung von fünfzig Mucketieren in großem Pomp in Friedland einge⸗ zogen und begibt ſich mit ſeinem ganzen Gefolge auf das Schloß, wohin ſogleich die Kirchenväter, Bürgermeiſter und Richter gefordert werden, die gewiſſe Inſtructionen erhalten, welche ſie zu er⸗ 210 füllen augenblicklich verwilligen müſſen. Mit welchen bangen Erwartungen die Friedländer dem folgenden Tage entgegen ſahen, kann ſich der Leſer wohl denken. Der Tag bricht an und ſogleich er⸗ geht ein Gebot an die Jüngſten in allen Zünften, mit allen Glocken zu läuten. Dieſelben weigern ſich zwar anfänglich, dem Gebote zu gehorſamen, als aber Kottwa der Weigerung Drohung harter Strafen entgegenſetzt, fügen ſich die Aufgebote⸗ nen leider endlich dem Befehle, obwohl mit ſchwe⸗ rem Herzen. So wird denn hierauf der neue Pfarrer und Dekan, der vormalige Prieſter zu Königshain, mit Namen Sebaſtian Balthaſar, von zwei Fürſtlichen Commiſſarien und den dazu genöthigten Bürgermeiſtern und Stadtrichtern un⸗ ter dem Geläute aller Glocken in einer ſolennen Prozeſſion mit großer Pracht und Herrlichkeit in die Friedländiſche Stadtkirche, die die Kirchen⸗ väter öffnen müſſen, eingeführt, dieſelbe mit den gebräuchlichen abergläubiſchen papiſtiſchen Cere⸗ monien von ihrer angeblichen Verunreinigung durch den evangeliſchen Gottesdienſt gereinigt und aufs neue geweiht, der Pfaffe inveſtirt und hierauf die erſte roͤmiſch-katholiſche Predigt und das ab⸗ göttiſche Meßopfer wieder gehalten. Nach Ver⸗ richtung deſſen führt man den Prieſter ins Pfarr⸗ haus und präſentirt ſelbigen dem Rathe, der ihm Schutz, Ehre und Unterhalt zuſagen muß, von wo die Commiſſarien mit den geiſtlichen Herren wieder in das Schloß zurückkehren und ſich da gütlich thun laſſen. Günther mußte von dieſem allem meiſtentheils ſelbſt Zeuge ſein; nur wenige Getreue waren in dieſer Zeit der Noth um ihn. Kottwa hatte ein Kaiſerliches Schreiben mitgebracht, in welchem als Urſache der Entſetzung der lutheriſchen Prediger angegeben war, daß dieſelben durch verdächtige Predigten das Volk verführt, zum Ungehorſam gegen ihre Obrigkeit aufgewiegelt und zum Auf⸗ ruhr Gelegenheit gegeben hätten; dieſes Schrei⸗ ben theilte Kottwa den Gliedern des Stadtraths und des Kirchenvorſtandes mit und beſchwerte ſich zugleich gegen dieſelben, daß inſonderheit Günther ſich als einen argen Feind der Katholi⸗ ſchen erwieſen und es dahin gebracht hätte, daß keine Friedländiſchen Bürger ihre Kinder auf die Schule zu Gitſchin hätten thun wollen. Günther, dem dies berichtet wurde, ſendete hierauf einen ſchriftlichen Proteſt gegen die erſtgenannte Beſchul⸗ digung der Aufruhrſtiftung auf das Schloß, erbot ſich zu mündlicher Verantwortung und erklärte, daß er nicht weichen könnie, es ſei denn, daß man ihm ſeinen Abſchied ſchriftlich gebe und die wahre Urſache ſeiner Enturlaubung hinein ſetzen würde. Alle Verſuche, ein mündliches Verhör zu erhalten, waren vergeblich, endlich aber erhielt Günther einen ſchriftlichen Abſchied, darin als Urſache ſei⸗ ner Abſetzung angegeben war: „daß er ſich der Jurisdiction (geiſtlichen Gerichtsbarkeit) des Erz⸗ biſchofs von Prag und den Ceremonieen der ka⸗ tholiſchen Kirche nicht habe unterwerfen wollen“. Getroſt nahm Gün ther dieſen Beſcheid an, und da am Nachmittag die Geiſtlichkeit ſich nach Rei⸗ chenbach begab, blieb er noch bis zum nächſten Morgen bei einem treugeſinnten Bürger in Fried⸗ land. Nun aber, nachdem ihm Kirche und Pfarr⸗ wohnung mit Gewalt genommen, ein anderer Prediger an ſeiner Statt eingeſetzt und ihm der obrigkeitliche Befehl publizirt worden war, daß alle lutheriſche Prädicanten ungeſäumt Stadt und Land zu räumen hätten, auch ſeine Gemeinde kein Mittel wiſſen wollte, ihn bei ſich zu behalten, — nun hatte auch für ihn die Stunde des Abſchieds geſchlagen. Doch noch einmal verſammelte der treue Hirte die theure Heerde um ſich; es war am Morgen des 15ten Mai 1624 um die zehnte Stunde, da trat er noch einmal auf offenem Markte unter ſie — mehrere Tauſende hatten ſich ſchon mit Tagesanbruch ſowohl aus der Stadt als aus dem Lande hier verſammelt — und be⸗ zeugte ihnen zuerſt nochmals, daß er für ſeine Perſon Willens ſei zu bleiben, wo ſie zuläſſige Mittel und Wege ihn zu behalten wüßten. Als aber der Rath und mehrere aus der Bürgerſchaft zur Antwort gaben: „Sie müßten jetzt die Sache dem lieben Gott befehlen, doch hofften ſie ihn bald mit Freuden wieder zu holen“; ſo erwiederte Günther mit gebrochener Stimme: „Des HErrn Wille geſchehe; ſo ſcheide ich denn mit euer aller Wiſſen von euch mit Schmerzen, lebet wohl!“ Hierauf brach die ganze verſammelte Menge in lautes Weinen aus und Günther ging nun zu Fuße zur Stadt hinaus, begleitet von mehreren Rathsherrn, der ganzen Bürgerſchaft, und einer großen Anzahl von der Landſchaft, im Ganzen gegen 2000 Perſonen, welche ihm ſchluchzend und jammernd bis auf die von der Stadt eine halbe Stunde weit entfernte Cunnersdorfer Höhe uach⸗ folgten. Günther ſelbſt ſchreibt in ſeinem Berichte hier⸗ von: „Was ich unterwegs hierbei gedacht und geredet, das iſt dem lieben Gott bewußt, und gebe es frommen Chriſten zum Nachdenken, ſintemal es nicht kann beſchrieben werden.“ Auf der Höhe angekommen, blieb Günther ſtill ſtehen, bis die ganze Menge ihm nachgekommen war, und nachdem ein Kreis geſchloſſen worden war, trat der ehrwürdige Exulant in die Mitte und that ſeine Valetpredigt. Zum Grunde legte er Ap. Geſch. 20, 17—38. und ſtellte daraus vor den Abſchied des heiligen Apoſtels von den Aelte⸗ ſten zu Epheſus, wie derſelbe auf ſeine richtige Lehre und unſträfliches Leben, ſo er unter ihnen geführt, ſich berufen, 2. bei erkannter Wahrheit ſtandhaft zu bleiben, und vor falſchen. Lehrern und Lehren ſich fleißig zu hüten, ſie treulich ermah⸗ net, und endlich 3. ihnen allen einen herzlichen Valeiſegen gegeben und der Gnade Gottes ſie befohlen habe; was Günther alles auf ſeinen letzten Abſchied von ſeinen lieben Friedländern anwendete. Von dieſer herrlichen, rührenden, ſchrift- und geiſtreichen Abſchiedspredigt theilen wir nur einige Proben mit. Der Eingang lautet folgendermaßen: „O ihr meine Herzens⸗ und Schmerzenskinder (1 Moſ. 35, 18.), nunmehro ge⸗ weſenen lieben und gewünſchten Zuhörer (Phil. 4, 1.), die ihr mir jetzt bis an dieſe ungewöhn⸗ liche Stelle in großer Menge zu meinem traurigen Exilio das Geleite gegeben! Welchen betrübten Gang haben wir jetzo gethan! Unſere Füße ſind