# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 09 29_S19 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) feſſionell⸗praktiſche Reform ihres ganzen Kirchen⸗ weſens möglichſt bald und möglichſt gründlich zu bewerkſtelligen. Denn ohne dieſe heilſame und nothwendige Folge bliebe jene Verpflichtung ein mehr todter, formeller Act, durch den der luthe⸗ nichen Kirche in Ohio kein ſonderlicher Segen nzugewendet würde, vielmehr würde dann nur der gefährliche und die Gewiſſen ſchwer verletzende Wahn erzeugt, als könne man auf allerlei Weiſe in beſonderen Fällen der Lehre, des Gottesdienſtes, der Seelſorge, der Zucht und des Regiments wi⸗ der das kirchliche Bekenntniß handeln oder die eniſchiedenſten Mängel fortbeſtehen laſſen, wenn man ſich nur mit dem Munde auf das Bekennt⸗ niß verpflichte. — — 2+* * Erinnerungen aus der Zeit des dreißigjäh⸗ rigen Krieges. Schon im vorigen Jahrgange des Lutheraner, Seite 85, hat der theure verehrte Senior unſerer Synode, Paſtor Löber in Altenburg, daran erin⸗ nert, daß mit dem 24ſten dieſes Monats das zweite Jahrhundert nach Schluß des ſogen annten Weſt⸗ phäliſchen Friedens abgelaufen iſt. Er hat es der lutheriſchen Kirche dieſes Landes zu beden⸗ ken gegeben, ob dieſelbe nicht auch ſchuldig ſei, das Gedächtniß dieſes für die geſammte lutheriſche Kirche ſo unberechenbar wichtigen Ereiguiſſes durch eine angemeſſene Säcularfeier zu begehen. Wer die an dem angezogenen Orte dafür vorge⸗ legten Gründe erwogen hat, wird von der Ange⸗ meſſenheit einer ſolchen Feier auch hier unter uns überzeugt worden ſein. Da nun aber nur der⸗ jenige zum Andenlen an jenen Friedens ſchluß recht von Herzen ein dankbares Jubelfeſt feiern kann, welcher von den Drangſalen des Krieges einen lebendigen Eindruck bekommen hat, der durch jenen Frieden beendigt wurde, ſo haben wir uns entſchloſſen, da nicht andere geſchicktere Hände die Feder ergreifen,“) wenigſtens einige Trauerſcenen aus der Zeit jenes Krieges mitzutheilen. — Ehe wir jedoch damit beginnen, wollen wir für die, welche es etwa noch nicht wiſſen ſollten, nur mit wenigen Worten angeben, wie es zu dieſem Kriege gekommen ſei und um was es ſich dabei eigentlich gehandelt habe. Jeder Leſer wird wiſſen: als der Mann Gottes Luther vor mehr als 300 Jahren das vergraben geweſene Evangelium wieder an den Tag brachte, und es aus Gottes Wort der Welt offenbarte, daß das Pabſtthum das antichriſtiſche Reich ſei, da nahm ein großer Theil der Chriſtenheit in Deutſch⸗ land das theure Evangelium nicht an, ſondern blieb theils muthwillig, theils von Prieſtern und Biſchöfen verführt, unter der Herrſchaft des Pab⸗ ſtes. So entſtanden denn in Deutſchland zwei *) Die Synode hatte Paſtor Löber, welcher bekanntlich ſchon eine vortreffliche Säcularſchrift: „Deukmal der Augs⸗ burgiſchen Conftſſion“, geſchrieben hat, das Verſprechen abgenommen, auch eine kurze Geſchichte des 30jährigen Krieges mit beſonderer Rückſicht auf die Schickſale der Kirche während desſelben für den Lutheraner zu ſchreiben: Itider iſt aber unſer lieber Löber durch Krankheit und andere Um⸗ ſtände gehindert worden, den Wunſch der Synode zu er⸗ füllen. 19 große Partheien, die der Lutheraner oder Proteſtan⸗ ten einerſeits, und die der Papiſten oder Römiſch⸗ Katholiſchen andererſeits. Da aber die Römiſch⸗ Katholiſchen den. Kaiſer und mehrere mächtige Fürſten auf ihrer Seite hatten, ſo benutzten dieſe ihre größere Macht dazu, den Lutheranern die freie Ausübung ihrer Religion zu verbieren und ſie daran auf alle Weiſe zu hindern. Schon zu Luthers Lebzeiten drohte daher ein Krieg zwiſchen den Papiſten und Lutheranern auszubrechen. Doch Luther hatte es ſich von Gott erbeten, daß ſeine Augen die-Gräuel eines Religions⸗ Krieges nicht ſehen ſollten. Er ſtarb in Frieden. Kaum hatte er aber am 18ten Februar 1546 ſeine Augen geſchloſſen, ſo brach das Kriegsfeuer, das ſchon lange unter der Aſche geglimmt hatte, mit Macht hervor und ſetzte in kurzer Zeit ganz Deutſch⸗ land in helle Flammen. Zwar kamen ſchon nach dieſem ſogenannten ſchmalkaldiſchen oder deutſchen Krieg zwei wichtige Friedensſchlüſſe zwiſchen den Päbſtlichen und den Lutheranern in Deutſchland, nemlich der Paſſauer Vertrag im Jahr 1552 und der Augsburger Religionsfriede im Jahre 1555, zu Stande; allein trotz dieſer Friedensſchlüſſe blieben die Päbſtlichen noch im⸗ mer in großem Vortheil. Der Bedrückungen und Bedrängungen der in den römiſch-katholiſchen Ländern wohnenden Lutheraner war kein Ende. Inſonderheit hatten dieſelben in den Kaiſerlichen Erblanden und vor allen in Böhmen, welches ebenfalls dem Kaiſer zugehörte, nicht wenig zu leiden. Im Jahre 1609 wirkten ſich zwar die Lutheraner in Böhmen von Kaiſer Rudolph II. einen Majeſtätsbrief aus, nach welchem den Städten und dem Ritterſtande die Freiheit und das Recht gegeben wurde, Kirchen und Schulen zu erbauen; wie wenig ernſtlich es aber damit gemeint war, zeigte ſich nur zu bald und zu deut⸗ lich.“) Als unter Anderem proteſtantiſche Bürger in der Stadt Kloſtergrab, das dem Erzbiſchof zu Prag, und Einwohner zu Braunau, das dem Abt dieſes Kloſters zugehörte, zwei neue Kirchen gebaut hatten, ſo wurde alsbald die letztere mit Beſchlag belegt und die Erbauer derſelben in das Gefäng⸗ niß geworfen, die nene Kirche zu Kloſtergrab aber geſchleift und dem Erdboden gleich gemacht. Ent⸗ rüſtet wendeten ſich vornehme böhmiſche Proteſtan⸗ ten wegen dieſer Verletzung des erhaltenen Maje⸗ ſtätsbriefes an den damals regierenden Kaiſer Matthias. Anſtatt einer Genugthuung erhielten aber ſelbige einen harten Verweis, ja die ernſtlich⸗ ſten Drohungen zur Antwort. Man konnte ſich nicht denken, daß die erhaltene Antwort wirklich von dem Kaiſer herrühre, und hatte mehrere Kai⸗ *) Die heilig und theuer beſchwornen und verbrieften Verträge zu Ungunſten der Lutheraner durch gottloſe So⸗ phiſtereien ungültig zu machen, das war damals, wie im⸗ mer, das Werk der gewiſſenloſen Ahitophels, der Jeſuiten und ihrer Freunde. So ſchrieb J. P. Windeck, Canonicus zu Marchdorf, im Jahr 1616 in ſeinem Prognosticon futuri status ecelesiè: „Der Paſſauiſche Vertrag und der Religionsfriede ſei nichts gültig; man habe denſelben dem Kaiſer mit Gewalt abgenöthigt; der Pabſt habe ihn auch nicht beſtätigt; und durch das Concilium zu Trident ſei er ohnedies aufgehoben.“ Hieraus iſt unſchwer abzunehmen, wem man das erſchreckliche Unglück auch des 30jährigen Kriegts tigentlich zu danken habe — nemlich den Jeſuiten. Deutſchland gebracht worden war. ſerliche Räthe in Verdacht, daß dieſe die Urheber des widerrechtlichen Beſcheides ſeien. Als daher am 23ten Mai 1618 die Kaiſerlichen Räthe auf dem Schloſſe zu Prag (in Böhmen) verſammelt waren, erſchienen plötzlich Abgeſandte der proteſtan⸗ tiſchen böhmiſchen Landſtände bewaffnet in dem Verſammlungsſaal, den Näthen die Frage vor⸗ legend, ob nicht ſie Urheber des angeblichen Kai⸗ ſerlichen ſchriftlichen Beſcheides ſeien? Zwei der Räthe, W. Slawata und Martinitz mit ſeinem Schreiber Ph. Fabricius, geben hierauf trotzige Antworten, und dadurch werden die Abgeordneten ſo heftig gereizt, daß ſie die beiden Räthe ſchnell ergreifen und durch das geöffnete Fenſter in den tiefen Schloßgraben hinabwerfen. Zum Glück fallen die Herrn auf einen Kehrichthaufen, daher ſie ohne beträchtliche Verletzung davon kommen. So unbedeutend nun dieſer, für die Proteſtanten allerdings nicht ehrenvolle, Vorfall zu ſein ſchien, ſo wurde er doch wider alles Erwarten eben die traurige Veranlaſſung zu jenem langwierigſten und grauſamſten Religionskrieg, der je geführt worden iſt, zu jenem Kriege zwiſchen Proteſtanten und Römiſch⸗Katholiſchen, der erſt im Jahre 1648, alſo erſt nach dreißig Jahren, durch den zu Mün⸗ ſter und Osnabrück am 24ten October des ge⸗ nannten Jahres geſchloſſenen ſogenannten Weſt⸗ phäliſchen Frieden ſein Ende erreichte, nach⸗ dem dadurch unbeſchreiblicher Jammer über Beſonders harte Drangſale haben die bis dahin ſo blühenden lutheriſchen Gemeinden in Böhmen erdulden müſſen; und davon wollen wir diesmal den Leſern ein merkwürdiges Beiſpiel vorführen. Friedland, eine Stadt mit Schloß in der Herrſchaft gleiches Namens in Böhmen, an der Gränze der Oberlauſitz und Schleſiens, gehört zu denjenigen böhmiſchen Städten, in welchen das Licht des Evangeliums, welches Gott der Chri⸗ ſtenheit durch die Reformation ſo reichlich ſchenkte, am erſten aufging. Gewiß iſt wenigſtens, daß in dieſer Stadt ſchon im Jahre 1534 ein von allen päbſtlichen Gräueln gereinigter evangeliſcher Gottesdienſt angerichtet und ein rechtgläubiger lutheriſcher Prediger angeſtellt war. Die reine ſeligmachende Lehre wurde in dieſer Gegend mit ſo großem Segen gepredigt, daß Friedland in ſpätern Jahren der Sitz einer nicht unbedeutenden lutheriſchen Superintendentur mit einigen und zwanzig derſelben zugehörigen Pfarreien wurde. Kurz vor Beginn des dreißigjährigen Krieges hatte Gott hier recht eigentlich ſeine Wohnung mit ſeinem reinen Wort und Sacrament aufge⸗ ſchlagen. Im Jahre 1615 wurde nemlich ein überaus treuer und eifriger Diener der Kirche aus Mü⸗ geln in Sachſen, Namens M. Wolfgang Günther, durch den Freiherrn von Redern (da⸗ maligen Herrn auf Friedland, Reichenberg und Seidenberg) zum Paſtorat und zur Superinten⸗ dentur in Friedland berufen. Dieſer theure Mann ließ es ſich hoch angelegen ſein, das geiſtliche Wachsthum ſowohl der ihm anvertrauten Stadt⸗ gemeinde als aller Gemeinden ſeiner Diöceſe auf alle Weiſe zu fördern. Er hielt mit den ihm zur