# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1859_S229 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. 229 Die treibende Kraft des Irrthums. Nachdem Pfarrer Löhe seine Predigt von dem Entgegenkommen zur Auferstehung veröffentlicht hat, finden sich nun schon „Lu⸗ theraner“, welche noch weiter gehen. Zu denselben gehört der Herausgeber des Pilgers aus Sachsen. In der Nummer dieses Blattes vom 23. April d. J. berichtet er nun von zwei Fällen, in denen man die Gräber nicht lange vorher beerdigter eifriger Christen geöffnet und — leer gefunden. An die Spitze dieser Geschichten setzt er die Worte: „Von einer ersten Auferstehung erzählt St. Matthäus im 27. Cap. V. 52. und 53. Ob auch das Folgende für eine solche zu halten ist?“ Den ersten Fall betreffend, berichtet der Redacteur des Pil⸗ gers von dem Prediger Spleiß, der denselben erlebte: „Pfarrer Spleiß war tief ergriffen von dieser Thatsache; sie war ihm die Bestätigung einer Ahnung über die Offenb. 20, 5. 6. erwähnte erste Auferstehung, die ihm jetzt (!) zur Gewißheit geworden war. Die Verwe⸗ sung des Grabes, sagte er, ist ein Verbrennungsproceß, worin die groben, von der Sünde verunreinigten Theile des sinnlichen Leibes allmälig verzehrt werden, dagegen der geistliche Auferstehungsleib frei wird.“ (Wenn dem so, so wäre die Sache offenbar leichter zu er⸗ zielen, wenn man das heidnische Verbrennen der Leiber wieder einführte; auch ist hiernach offenbar nicht nöthig, daß die in den Gräbern sind des Sohnes Gottes Stimme hören; die Auferstehung ist dann nur ein chemischer Proceß.) „Ein Körper aber verbrennt um so voll⸗ kommener und um so mehr ohne allen groben Rückstand, je mehr er sich leidend und hinge⸗ bend gegen die höhere Lebensmacht verhält.“ (Blühender Unsinn! Hiernach muß selbst der Leichnam Glaube und Liebe haben!) „Menschenleiber also, die in ihrem Erdenleben schon durch die Kraft des Blutes und Geistes Christi in einem hohen Grade geheiligt und gereinigt worden, mögen jenen Läuterungsproceß des Grabes früher vollendet haben und somit früher als Andere Theil haben an der Auferstehung der Gerechten.“ (Gott gebe, daß nicht die Papisten dieses Geheimniß erfahren, denn damit wäre ihnen ein ganz neuer Weg gewiesen, mit Sicherheit zu erfahren, wenn sie zu canonisiren hätten; sie dürften nur die Gräber un⸗ tersuchen. Das wäre auch ein Mittel, zu beweisen, daß Joseph, David, Luther u. A. in der Heiligung schlechte Fortschritte gemacht haben.) Es ist tief betrübend, zu sehen, wie Männer, denen man etwas besseres zugetraut hätte, in diesen letzten Zeiten so schnell von einem Irrthum bezaubert werden und in die albernste Schwärmerei gerathen können. Einen Schlüssel zu dieser Erscheinung in Betreff des Redacteurs des Pilgers gibt, daß derselbe kurz vorher in Neuendettelsau war und von da berauscht wieder gekommen war. Chiliasmus. Hierüber spricht sich Pfarrer Diedrich, Verfasser des Schriftchens: „Wider den Chiliasmus,“ in der luth. Dorfkirchenzeitung u. A. folgendermaßen aus: „Auch der Schreiber dieses ist mit der Löwenberger Synodal⸗Versammlung (Sept. v. J.) der Meinung, „„daß man keinesweges jeden Chiliasten wegen seines Chiliasmus in Zucht nehmen und eventuell (im Verfolg) ausschließen solle,““ obwohl er nicht recht ver⸗ steht, was das heißt, daß „„„Chiliasten“““, welche die Nicht⸗Chiliasten nicht verwerfen und außerdem auch die „„„Grundlehren unsers Bekenntnisses“““ nicht verwerfen, wohl zu dulden seien: denn ist einer Chiliast, so hält er eben den Chiliasmus für Gottes Wort und die Bestreiter desselben für solche, welche bewußt oder unbewußt wider Gottes Wort fechten. Verwirft einer nicht den Widerstreit gegen den Chiliasmus, dann ist er wenigstens kein Chi⸗ liast, wenn er auch vielleicht noch keine feste Meinung gewonnen hat. Ferner weiß ich nicht: Soll „„„Grundlehren unsers Bekenntnisses“““ etliche hauptsächliche Lehren unsrer Symbole bezeichnen — oder ist der Sinn: die Grundlehren sind eben unsre Symbole? — Ist das letztere der Fall, wie wir annehmen, so fragt sich, welcher Chiliasmus kann sich mit den Symbolen vertragen? Wir behaupten mit unsern ältern Lehrern: keiner. Die ganze Grundanschauung unsrer Kirche vom Evangelium und von der Sündhaftigkeit dieser Welt verträgt gar keinen, man müßte denn etwas Chiliasmus nennen, was sonst kein Mensch so genannt hat. Ebenso wenig wollen wir an Absetzung von Pastoren gehen; doch verstehen wir nicht, was es heißt: Einer läßt den Chiliasmus „„eine freie Meinung““ sein. Meinetwegen mag es für einen Theologen eine freie Meinung sein, ob die Erde um die Sonne oder die Sonne um die Erde geht, nimmer wird aber der Chiliasmus eine freie Meinung dadurch, wenn jemand in Schüchternheit und Unklarheit oder aus steifer Beharrlichkeit sagt: „„Mir ist er eine freie Meinung.““ Das hängt überhaupt nicht vom Willen der Menschen ab, wie weit eine Lehre ihre Wirkung erstrecken soll, sondern das liegt immer in der Sache selbst. Darum hilft's auch zu nichts, daß einer sagt: der Gekreuzigte ist meine Weis⸗ heit u. s. w. — das sagen bekanntlich alle römische Reformirte Wiedertäufer und andere Secten. Es fragt sich nur: berührt der Chiliasmus das Herz des Christenthums oder nicht? — Wir meinen, das Christenthum ist nicht ein Ding, wie ein Stück Land oder wie ein Haus, da ein Stück angegriffen oder verdorben werden kann, während die andern ganz unberührt bleiben; sondern es ist wie ein lebendiger Leib, der ganz und gar krank wird, wenn ein Glied vergiftet wird. Es ist ein Zeichen großer Oberflächlichkeit und einer überhaupt mehr äußerlichen Stellung zum HErrn, wenn man meint, man könne etliche Lehren als freie Meinung neben anderen haben oder nicht haben. Ist's so, dann fragten unsre Väter mit Unrecht so viel nach der Lehre. Freilich gebe ich zu, daß der Geist, welcher sich in jedem