# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1859_S220 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 220 Der Agendenstreit in Baden. Stücken des lutherischen und Stücken des heidelberger Katechismus besteht; das ist das eben nicht wohlthuende Abbild der positiven Union, welche hier von neuem bewiesen hat, daß es etwas anderes ist, sich eine schöne Idee von der Union zu entwerfen und eine solche Union auszuführen. Die Einheit beider Kirchen ist weder gefunden noch vorhanden, sie kann also auch nicht verwirklicht oder dargestellt werden. Wo aber zwei widerstrebende Größen vereinigt und zusammengeschweißt werden sollen, da wird die eine immer ein Streben haben, die andere auszu⸗ stoßen. Das ist in Baden geschehen. Die lutheranisirende Anschauung hat ihre Wurzeln nur zum kleinsten Theile in den Gemeinden; dagegen steht das Volk mit einer großen Zahl angesehener Führer auf Seiten der reformirten, oder besser gesagt, rationalisirenden und rationalistischen Anschauung. Die⸗ ser herrschende Theil hat sich widersetzt und das lutherische Wesen ausgesto⸗ ßen, weil er in der Uebermacht ist. Er will von einer positiven Union nichts wissen. Ihm ist die Union das Mittel, sich einiges kirchlichen Ballastes und altfränkischer Satzungen zu entledigen. Hat er die neue Freiheit geschmeckt, so wird er sich nicht wieder einigen hübschen Anschauungen zu Liebe einfan⸗ gen lassen. Wer will ihn zwingen? Die Lehrfreiheit hat durch eben jene Synode von 1855 wieder Vorschub erhalten, nur daß niemand entschieden lutherisch lehren darf. Hundshagen und Rothe haben ihren gan⸗ zen Einfluß dafür aufgeboten. Genau genommen ist es also ein Unrecht, daß man den Gottesdienst einengen und einen freien Schriftforscher, der ganz andre Anschauungen gewonnen hat, zwingen will, im Gottesdienste lutherisch zu fühlen, zu beten und zu bekennen. Es ist überhaupt nicht ein⸗ zusehen, wie da noch von Union die Rede sein kann, wo nicht blos zwei Kir⸗ chen zusammengeworfen werden, sondern allerlei Denkweisen, welche waren, sind und sein werden, Bürgerrecht erhalten. Wenn man nun doch hinter⸗ her nur geschichtlichkirchliche Anschauungen zur Herrschaft bringen will, so hat man es sich selber zuzuschreiben, wenn man bitter enttäuscht wird. Es ist ja einerseits wahr, daß dieselben Kräfte, welche den baierschen Unfug an⸗ richteten, auch in Baden thätig gewesen sind. Aber wenn das baiersche Oberconsistorium weichen mußte, so konnte es sagen, daß es nicht vorher den Boden unter seinen eigenen Füßen wankend gemacht hatte. In Baden da⸗ gegen versuchte man etwas, das im voraus als sehr gewagt und bedenklich erscheinen mußte, weil nicht in aller Weise das formelle Recht dazu vorhan⸗ den war. Vielleicht dient dies aber, zu der Erkenntniß zu verhelfen, daß das kirch⸗ liche Proletariat, der große Haufen der Gesinnungstüchtigen, die Schrift nennt es die Welt, mit allen Zugeständnissen und Anbequemungen nicht ge⸗ wonnen wird. Man komme der Zeit entgegen, so viel man will, die Gesin⸗ nungstüchtigen werden die Zugeständnisse dankbarst hinnehmen, aber nicht eher zufrieden sein, als bis man ihnen zu Rock und Mantel auch das Hemd vom Leibe gegeben hat und mit ihnen in den löblichen Naturzustand zurück⸗ kehrt. Den Lutherischen hat man vorgeworfen, daß sie keinen Boden und