# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1859_S206 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 206 Ueber Bibelpredigten. Wie fleißig und gewaltig Dr. Luther über viele biblische Bücher gepredigt hat, davon zeugen seine Schriften. Er hat damit bereits im Jahre 1523 und zwar mit dem ersten Buche Mosis den Anfang gemacht und das zweite im folgenden Jahre vorgenommen, worauf er dann, wie er selbst sagt, die übrigen drei auf gleiche Weise ausgelegt hat, obgleich die Predigten über 2 Mos. Cap. 21—40., so wie die über das dritte und vierte Buch Mosis mit Ausnahme eines über den Kirchensegen leider nicht mehr vorhanden sind. Außerdem hat er über die Evangelien Matthäi und Johannis, so wie über die Briefe Petri gepredigt und viele andere biblische Bücher in seinen öffent⸗ lichen Vorlesungen ausgelegt und den Studirenden damit einen zwiefachen Dienst erwiesen, sowohl für ihren Christen⸗ als auch für ihren Predigerberuf. Neben Dr. Luther haben sich besonders Brentius, Matthesius und Cyr. Span⸗ genberg und unter den spätern Selneccer als schriftauslegende Prediger aus⸗ gezeichnet. Welchen Fleiß die Diener Gottes auch im siebenzehnten Jahrhundert auf Bibelpredigten gewendet haben, zeigt ein Blick in die Kirchen⸗ und Lite⸗ raturgeschichte. So wurden in Nürnberg vom Sonntag bis zum Sonnabend 35, in Magdeburg 50 Predigten gehalten. Nur waren dieselben bisweilen allzu ausführlich. So hielt Welhammer in Nürnberg über die ersten eilf Capitel des ersten Buchs der Könige binnen drei Jahren 90 Predigten. An⸗ dere hatten eine besondere Vorliebe für die apocryphischen Bücher, z. B. Kerner in Ulm, der über das Buch Tobias 364 Predigten hielt. Daß der Pietismus vom Ende des 17. Jahrhunderts an einen sehr nachtheiligen Einfluß auf die Auslegung biblischer Bücher und namentlich der geschicht⸗ lichen haben mußte, sieht man schon aus dem Urtheile Spener's: „Ich traue, was in der ganzen Hälfte der Schrift oder vielleicht drei Quarten derselben sich findet, woraus ein Einfältiger, deren Art stets die allermeisten Glieder der Kirche sind, sich eigentlich im Glauben und Leben erbauen kann, in nicht viel Bogen zusammenziehen ließe, auf's Wenigste in der übrigen Hälfte oder Quart der Schrift also ersetzt sich finden würde, daß ein solcher der übrigen ohne Abbruch entrathen könnte.“ Daraus ist zu erklären, daß Spener kein Buch des Alten Testaments und unter den neutestamentlichen nur einige apostolische Briefe erklärt hat. Während nun die Bibelpredigten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhun⸗ derts immer seltner wurden, in welchem Zeitraum sich besonders noch V. E. Löscher auszeichnete, indem er während seiner fünfzigjährigen Amtsführung über alle biblische Bücher gepredigt hat, so vollendete der Rationalismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, was der Pietismus angefangen hatte. Davon sagt Kliefoth: „Obgleich beide Richtungen ihrem Wesen nach weit von einander verschieden sind, so treffen sie doch in ihrem Gegensatz gegen die heilsame Form und Norm der lutherischen Kirche zusammen. Wenn z. B. Spener sich herausgenommen hatte, nach eignem Gutdünken die heilige Schrift in vier Quart zu theilen und mit Ausnahme von einem Quart die drei andern als unpraktisch zu bezeichnen, wenn er nach seinen Ansichten es