# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1859_S204 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 204 Ueber Bibelpredigten. 69. Psalms V. 10. hin, an welche die Jünger bei der Reinigung des Tem⸗ pels dachten (Joh. 2, 17.), indem er spricht: „Hier siehet man dennoch, daß in diesem Volk die heil. Schrift wohl wird sein bekannt gewesen, und daß sie mit Fleiß in den Synagogen und Schulen getrieben worden sei. Sonderlich aber hat man den Psalter dem Volke vorgelegt und bekannt gemacht, daß sie haben die Psalmen gelesen, geprediget und gehandelt, daß man wohl siehet, daß in allen Städten und Flecken sind Priester und Leviten gewesen, die haben ihre Pfarren, Kirchen und Schulen (welche man Synagogen nennet) gehabt, dahin sich das Volk, Gottes Wort zu hören und zu lernen, versammelt hat, und sie also sind versorget gewesen, daß die Schrift der Propheten und die Psalmen fleißig sind ausgeleget. — — Also fein waren die Kirchen bestellet und geordnet in diesem Volke, die Schrift täglich gehandelt, daß auch die Einfältigen davon einen ziemlichen Verstand hätten, was in den Psalmen und Propheten geschrieben stünde und könnten's behalten. — — Also siehet man dennoch, was die Zucht und Vermahnung zum göttlichen Wort thut, wenn man die Leute treulich und fleißig unterrichtet und die Leute auch mit Fleiß zuhören.“ In den ersten Zeiten der neutestamentlichen Kirche waren es namentlich folgende Väter, welche biblische Bücher ausgelegt haben; unter den Griechen: Origenes im dritten Jahrhundert, Chrysostomus, Cyrillus von Alexandrien und Theodoretus, unter den Lateinern: Ambrosius, Hieronymus, Augustinus im vierten und fünften Jahrhundert. Unter den spätern Lehrern erwähne ich nur noch Beda Venerabilis im achten und Haymo im neunten Jahrhun⸗ dert; denn die Scholastiker vom zwölften Jahrhundert an predigten lieber über die Sittenlehre des Aristoteles oder über die Legenden der päpstlichen Heiligen, wie ja natürlich mit dem Zunehmen des Papstthums die Predigt Gottes Worts immer mehr abnehmen mußte. Es ist auch leicht erklärlich, warum wir in dieser ganzen Zeit, sowohl bei den einzelnen Zeugen der Wahrheit in ihren heißen Kämpfen gegen die Irrlehre, als auch bei den so⸗ genannten Mystikern bei ihrer Vorliebe zum beschaulichen Leben fast gar keine Spuren von schriftauslegenden Predigten finden. Mit dem Anfange der heilsamen Kirchenreformation fing auch die Bibel wieder zu grünen an, wie wir davon in der Kirchenpostille am zweiten Advent die schöne Deutung lesen: „Das Gleichniß vom Feigenbaum siehet mich an, als sei es die heilige Schrift, die bisher unter der Bank gelegen ist, die schläget aus, hat Blätter gewonnen, das ist, ihr Wort, das bricht aus; denn in zwölfhundert Jahren ist sie nicht so ferne heraus, die Sprache auch nicht also bekannt gewesen.“ Insonderheit läßt sich der hocherleuchtete Mann Gottes in seiner Schrift von Ordnung des Gottesdienstes vom Jahre 1523