# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 09 15_S12 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) genommen werden von einer ſich bildenden Welt⸗ kirche, — das Alles iſt gar nicht in Anſchlag zu bringen in Vergleich mit den drückenden Verhält⸗ niſſen, wie wir ſie hatten, wo die Kirche, eben weil ö ſie von oben her als Staatsanſtalt angeſehen wurde, und weil ſie von unten her von der Maſſe derer, die von ihrem Princip abgefallen waren, ja es ſelbſt nicht einmal kannten, gehemmt wurde, ſich nicht in ihren eignen, ihr von Gott gebotenen Geſetzen frei bewegen konnte außer der Predigt und der Seelſorge an den Einzelnen. Ich will Dir nur mittheilen, wie etwa dem Anſcheine nach die Ver—⸗ hältniſſe bei uns in Hannover ſich geſtalten wer⸗ den. Vor etlichen Tagen war hier die große Pa— ſtoralconferenz verſammelt, dieſes Mal ſo zahl⸗— reich, wie ſonſt noch nie, weil doch alle Ernſten fühlen, daß es ſich in dieſem Zeitmomente um ein Bedeutendes, um die Lebensfrage handele. Da trug nun Paſtor Petri ſeine Anſicht dermaßen vor: ſobald auch formell der Staat das Chriſtenthum als die Grundbedingung ſeiner Exiſtenz von ſich gewieſen — ſobald erliſcht das Recht der Regierung, das Kirchenregiment zu führen; vorläufig aber meinte er, ſoweit ich mich noch erinnere, ſeien die an ſich ungültigen Maßregeln von oben her durch Annahme von unſerer Seite zu legaliſiren, wenn ſie nicht etwa den unverkümmerten Beſtand des Bekenntniſſes antaſteten: er ſchien zu meinen, daß die Einleitung zu einer zuſammentretenden Synode, die die Regierung trifft, von unſrer Seite müßte angenommen werden, damit auf dieſe Weiſe ein Uebeigang aus dem bisherigen Regiment in ein neues rein kirchliches angebahnt werde. Und das ſchien auch die überwiegende Meinung aller Verſammelten zu ſein, wenigſtens iſt mir keine Stimme dagegen erinnerlich. Petri ward ermächtigt, ſobald ihm, der an der nächſten Quelle ſitzet, Maßregeln bekannt würden, die ein ſchnelles Handeln nöthig machten, alsbald davon Nach⸗ richt zu geben, und eine ähnliche Berſammlung wie die Pfingſteonferenz einzuladen. Die Inten⸗ tion unſers Cultusminiſteriums (der ehemalige Cabinetsrath Braun ſteht an der Spitze) iſt die: eine Commiſſion, die jetzt ſchon zuſammengetreten iſt, ſoll die Einleitung zu einer demnächſt zuſam⸗ mentretenden Vorſynode berathen; dieſe Vorſynode wird etwa aus ebenſoviel Geiſtlichen wie Welt— lichen beſtehen; ſoweit ich mich noch erinnere, ſollte jeder Geiſtliche und ein Mitglied der Ge— meinde zu einer ſolchen Synode wählen (2). Dieſe Vorſynode wird dann über zu treffende Synodal⸗ und Presbyterialverfaſſung berathen. Ein ähnlicher Gang ſcheint auch in Preußen ein⸗ geſchlagen zu werden; in Preußen iſt die Verwir— rung der Union wegen freilich heilloſer als bei uns. Zwanzig bis dreißig Paſtoren auf der Conferenz zu Gnadau ſollen den Miniſter erſucht haben, die Union aufzulöſen. Auch in Breslau ſoll durch Oehler eine lutheriſche Seceſſion vor⸗ bereitet werden; daruͤber weiß ich aber nichts Ge— naueres. Jedenfalls wird die Union in Preußen, dies künſtliche Gebäude, wie mir ſcheint, unter den gegenwärtigen Verhaͤltniſſen zuſammenbrechen. Von unſerm hannoverſchen Cultusminiſterium ſind vorläufig ſchon ziemlich eingreifende kirchliche 12 Maßregeln getroffen, nämlich: es ſollen von nun an vom Conſiſtorium den Gemeinden je drei Candidaten zur beliebigen Auswahl vorgeſchlagen werden; das Miniſterium hat hierbei das Con⸗ ſiſtorium gar nicht befragt, angeblich, weil es keine reine kirchliche Angelegenheit ſei, wenigſtens nicht eine ſolche, die kirchliche Zuſtimmung erforderlich mache. Wenn unſere lutheriſche Kirche demnächſt nur aus ihrem jetzigen Staatsverbande gelöſ't iſt, ſo wird ohne Frage auch eine organiſche Verbindung mit der lutheriſchen Kirche aller Landen ſich her⸗ ſtellen, auch denke ich, iſt es nicht anders möglich, als daß alle bisherigen chriſtlichen Privatvereine zu Zwecken der Miſſion, Barmherzigkeit ꝛc. orga⸗ niſch der Kirche eingegliedert werden. — Prof. Dor⸗ ner, jetzt in Bonn, hat in dieſer Zeit eine Brochüre herausgegeben, in der er die Grundriſſe zu einer zu geſtaltenden deutſch-evangeliſchen National⸗— kirche zeichnet, im Grunde aber will er nichts an⸗ deres, als eine großartige Union aller vorhandenen proteſtantiſchen Bekenutniſſe und aller noch ent⸗ ſtehenden, wie er ſagt, im evangeliſchen Prinzip mit der bisherigen einigen, wenn er auch nicht mit bewußter Abſicht dieſes Ziel erſtrebt. Alle Con⸗ feſſionen ſollen ihre Sondergeſtalt beibehalten, dennoch aber ſich zu einem gemeinſamen Bekennt⸗ niſſe, das lediglich den Conſenſus enthält, und zu einer gemeinſchaftlichen Central-Repräſentation und Central-Regimente zuſammenthun, ſo daß nach ſeiner Meinung Beſonderheit und Gemein⸗ ſamkeit ſchön mit einander verknüpft ſind. Daß kein ehrlicher Lutheraner auf ſolche Vorſchläge eingehen wird, verſteht ſich von ſelbſt. Wir werden uns in keinerlei Weiſe durch die Noth der Zeit drängen laſſen, um quantitativ bedeutender zu ſein, auch nur indirect von unſerm Bekennt⸗ niſſe etwas Preis zu geben. Alle Schroffheit ſei fern von uns in dieſer Zeit gemeinſamer Noth; mir däucht aber, daß die Liebe, die wir auch den Reformirten als Chriſten ſchuldig ſind, dann erſt rein und ungeſtört ſein kann, wenn wir uns nicht wider Gott mit ihnen zur Kirchengemeinſchaft verbinden. Solche Vorſchläge, wie der Dorner⸗ ſche, beruhen am Ende doch darauf, daß der ſoge⸗ nannte Conſenſus oder ziemlich lebloſe Ertract aus den divergirenden Bekenntniſſen das Allge⸗ meinere und darum Höhere iſt, in dem ſich das Beſondere allmählich ausgleichen muß, damit es zur ſogenannten höheren Einheit gelange. Petri iſt in dieſer Zeit von großer Wichtigkeit durch ſein ſo bedeutendes kybernatiſches Talent (Regierungsgabe); er iſt gegenwärtig auch, wie es ſcheint, der Vermittelungspunkt, durch den wir hannoveriſchen Lutheraner mit denen aller andern lutheriſchen Länder Deutſchlands vorzugsweiſe in Verbindung ſtehen. Unſer Conſiſtorium iſt jetzt rath⸗ und hülflos, wie es mir ſcheint; „es iſt zu ſpät“ — dieſes verhängnißvolle Wort ſcheint auch ihm zu gelten; gebe Gott, daß etliche Perſonen aus demſelben durch die Noth der Zeit zu ent⸗— ſchiedenem Glaubensakte gelangen. reden, errungen. (Eingeſandt von P. Brohm.) Wie ſoll ein Chriſt die bekannten Ereigniſſe in Europa, ſonderlich in Deutſchland, anſehen? (Fortſetzung.) Wir haben im Vorigen darzuthun geſucht, wa⸗ um ein Chriſt ſich der ſogenannten Freiheits⸗ beſtrebungen in Deutſchland nicht mitfreuen könne,! nemlich ſchon ihres revolutionären Charakters hal⸗ ber nicht; wir ſetzen nun noch hinzu, auch darum nicht, weil ſie die reif gewordene Frucht eines böſen Baumes ſind, des Unglaubens. Das iſt nicht ſchwer nachzuweiſen. Revolution kann an ſich ſchon nimmer eine Frucht des Glaubens ſein; denn ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen und ein böſer Baum kann nicht gutt 44 Früchte bringen; daß aber Revolution keine gurt H Frucht iſt, haben wir oben bewieſen. Ein Volk, das ſich demüthig unter Gottes Wort beugt, wird ſich nie empören, ſelbſt wenn es unter einer harten Regierung ſteht; iſt aber der Glaube verſchwunden, ſo iſt's natürlich, daß die Gelüſte des Stolzes, des Eigenwillens, der Willkür in Empörung ausbrechen. Dieſer Geiſt des Unglaubens thut ſich jetzt auch in allen öffentlichen Handlungen in Deutſchland kund. Nichts als Vernunftideen durchwehen die geiſtige Atmoſphäre, alle die ſtimmſührenden Männer, die an der Umgeſtaltung Deutſchlands arbeiten, ſind entſchiedene „Lichtfreunde“; in den Reichs⸗ tagsverhandlungen wird mit keinem Worte Gott die Ehre gegeben, noch Gott um ſeinen Segen angerufen; die alten ebrwürdigen Huldigungs⸗ ceremonien ſind abgeſchafft und etwa ein: es lebe N. N.! oder ein Hurrah! vertritt die Stelle feier⸗ licher Eide; alle Welthändel werden betrieben, als ſeien ſie das höchſte Gut; der deutſche Reichs⸗ tag hat in ſeinen Fortſchrittebeſtrebungen die Todesſtrafe abgeſchafft; in derſelben Verſamm⸗ lung fielen die ſcandalöſeſten Zänkereien und Schimpfereien und ſelbſt Herausforderungen zu Duellen vor; unbärtige Knaben, Studenten und Gymnaſiaſten, ſtatt den Aelteſten unterthan zu. E. ſein, wie Petrus ermahnt, geberden ſich als die Herren und die Heilande Deutſchlands. Hand! in Hand mit den politiſchen Umwälzungen geht eine völlige Vernichtung alles deſſen, was in der Kirche vom Glauben der Väter noch übrig wat; man fordert Aufhebung der kirchlichen Symbole da, wo ſie noch dem Namen nach beſtanden; ſelbſt die Forderung der Trennung der Kircht vom Staate, ſo wünſchenswerth ſie unter jetzigen Umſtänden ſein mag, hat ihren Grund nicht in der Ueberzeugung von der ſchriftwidrigen Ver⸗ miſchung des geiſtlichen und weltlichen Regiments, oder von der Unfähigkeit der ungläubigen Obrig⸗ keiten, Vorſteher und Säugammen der Kirche zu ſein, ſondern vielmehr im Streben nach maaß⸗ loſer Willkür in Glaubensſachen. Die Licht— freunde haben ſich ein Recht, in der Kirche zu Man ſiehet die Aexte oben her blicken, wie man in einen Wald hauet, und zer⸗ hauen alle ſeine Tafelwerke mit Beil und Barten. 1 Man wird nicht ruhen, wenus anders der HErr zuläßt, bis ſie Jeruſalem zu einem Steinhaufen