# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1859_S182 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 182 Wie soll sich ein Seelsorger am Krankenbette seiner Gemeindeglieder verhalten? feste, geschriebene, unveränderliche, evangelische Gnaden⸗ und Verheißungs⸗ wort im Alten und Neuen Testament weiset, das auch an ihn gerichtet sei; daß all seine Sünde lange vor seiner Geburt am Stamme des Kreuzes von Christo gebüßt und gesühnet sei; daß er des unendlichen und allerheiligsten Verdienstes Christi schon in der heil. Taufe theilhaftig geworden, darin Gott mit ihm einen Gnadenbund geschlossen habe, der auch, trotz seiner mannigfaltigen Untreue, von Seiten Gottes noch fest stehe, dessen Gaben und Berufung ihn nicht gereue; daß er ja durch Erneuerung der Buße und des Glaubens in rechtschaffener Bekehrung den treuen Bundesgott wiederum gesucht und ge⸗ funden habe; daß dieser auch heute zu seiner Seele spreche durch den Mund seines Knechtes: „„Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir verge⸗ ben,““ und diese gnaden⸗ und trostreiche Absolution durch seinen wahren Leib und Blut im heil. Abendmahle in mündlicher Nießung bestätige und versiegele. Summa, die Herrlichkeit der auch für ihn, den Traurigen, eben so sehr und gewiß, als für Alle geschehenen großen Gnadenthaten Gottes, Kraft und Wirksamkeit der dieselben auch ihm darreichenden und aneignen⸗ den und versiegelnden Gnadenmittel des HErrn stellt der lutherische Seelsorger also tröstlich den Betrübten vor Augen und legt sie ihm so eindringlich und liebreich ans Herz, daß es nicht seine Schuld ist, wenn der Traurige nicht fröhlich und freudig wird in dem HErrn.—“ Es findet sich nun aber nicht selten, daß die kräftigsten Trostsprüche, die liebreichsten Zusagen Gottes in seinem Worte, daß er so gerne Gnade erthei⸗ len und Sünde vergeben, mit einem Worte, den Sünder selig machen wolle, nichts auszurichten und die Anfechtung nicht zu vertreiben im Stande zu sein scheinen: — jedoch soll man nicht verzagen, im Muth zusprechen nicht matt und im Vorhalten der Barmherzigkeit Gottes in Christo Jesu nicht müde werden; und es erfordert dann die seelsorgerliche Liebe, solchen Kranken so oft als möglich zu besuchen, auch die Angehörigen des Letzteren recht zu bitten und zu vermahnen, den Kranken nicht allein zu lassen, und ihm öfters ein zu bezeichnendes Lied, wie „Schwing dich auf zu deinem Gott,“ oder „Ist Gott für mich, so trete“ und ähnliche, oder einen Psalm, z. B. den 91sten, oder ein Cap. der heil. Schrift, z. B. Röm. 8, 33 ff., Joh. 3 und andere, vor⸗ zulesen. Auch ist es gewiß hier am Orte, mit solchem Kranken zusammen herzlich zu beten, was er gewißlich stets mit großer Freude annehmen wird. Obgleich aber ein Seelsorger vor dem Krankenbette eines Angefochtenen durch Anwendung des Gesetzes denselben noch mehr zu ängstigen sich hüten soll: so soll er doch deßhalb das Gesetz nicht gänzlich ignoriren, und die Sün⸗ den, darüber der Angefochtene klagt, nicht verkleinern. Auf Sünde folgt aller⸗ dings Strafe und Verwerfung vor Gottes Angesicht, und hätte Gott der HErr wohl Ursache genug uns zu verlassen und von sich zu stoßen; weßhalb auch die Anfechtung, als hätte uns Gott verlassen, als ein kleines Pröbchen der für den Sünder allerdings schrecklichen Gerechtigkeit Gottes anzusehen ist. Sol⸗ ches und ähnliches kann und soll ein Seelsorger dem angefochtenen Beichtkinde