# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1859_S179 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Gedanken über die moderne Theologie. 179 Hinsicht. Allerdings gehört es ja zur Aufgabe der theologischen Wissenschaft, auch eine immer vollendetere Darstellungsform anzustreben, um ihren Ge⸗ genstand immer reicher, tiefer und bestimmter zum Verständniß zu bringen. Da aber Inhalt und Form sich gegenseitig bedingen, und die Abschwächung und Alteration des Inhalts auch deteriorirend auf die Form zurückwirkt, so muß es ihr Hauptziel bleiben, die göttliche Wahrheit nach ihrem eigenen Wesen und allen Momenten in solcher Gestalt darzulegen, daß darin der göttliche Gedanke auch wirklich seinen adäquaten Ausdruck findet. Das that die alte Dogmatik. Ihre Losung war: Tene rem, et verba sequentur (halte die Sache fest und die Worte werden folgen). Hat demnach auch die alte Dogmatik in formeller Beziehung das Ideal noch nicht erreicht, was die Wis⸗ senschaft doch auch immer nur relativ erlangen kann, so bleibt sie doch darin für unsere Zeit ein Vorbild, daß sie mit unverbrüchlicher Strenge an dem Inhalte der Offenbarung festhielt und nichts davon veruntreute, weshalb sie freilich als Wächterin der „reinen Lehre“ noch heutzutage Schmach genug zu leiden hat. Dazu haben die alten Dogmatiker noch einen bedeutenden Vorzug. Sie standen aus innerster Ueberzeugung auf dem festen Grunde des kirchlichen Bekenntnisses. Sie hielten an der Analogie des Glaubens mit heiliger Ge⸗ wissenhaftigkeit fest. Damit gewannen die verschiedensten Gaben und man⸗ nigfaltigsten Kräfte eine gemeinsame Basis für ihre wissenschaftliche Thätig⸗ keit. Jeder Nachfolgende trat in die Arbeit seines Vorgängers ein, eignete sich die gewonnenen Resultate der Forschungen desselben an und baute auf dem vorgefundenen schriftmäßigen Grunde weiter. So ergab sich in der That ein organischer Fortschritt in der Lehrentwickelung. So kam es in der Dog⸗ matik zu einem einheitlichen harmonischen Gesammtwerke, woran die erleuch⸗ tetsten und begabtesten Geister einer reichgesegneten zweihundertjährigen Kir⸗ chenzeit in gemeinsamem Einverständnisse gearbeitet haben. Ganz anders die moderne Theologie. Es ist schon bemerkt, wie sie den Inhalt der Offenbarung mannigfach negirt, abschwächt und mit fremden Bestandtheilen versetzt. In dem Maße, als sie dies thut, wird natürlich auch die Form afficirt. Und in der That, die Corruption des Inhalts findet eine nur zu getreue Abspiegelung in der modernen corrupten Darstellung, da sie von den getrübten Ideen der Offenbarung auch nur in verworrener Sprache ein unklares Bild giebt. Dazu kommt nun noch die subjectivistische Willkür und Zerfahrenheit der modernen Theologen. Keiner ist mit dem andern einig, jeder hat sein besonderes System und bewegt sich in einem eigenthümlichen Ideenkreise, weshalb er sich auch eine ganz besondere wissenschaftliche Sprache ausprägt, welche ihm eigentlich wohl nur selbst verständlich ist, wenn sie das ist. So herrscht auf dem Gebiete der modernen Theologie eine wahrhaft babylonische Sprachverwirrung. Und da nun für dieselbe die Analogie des Glaubens, das Schriftprincip und das Bekenntniß, sowie die ältere Dogmatik als längst überwundene Standpuncte gelten, so ist es oft sehr schwer, in den Sinn ihrer