# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1859_S177 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Gedanken über die moderne Theologie. 177 christlichen Lehre ihnen zukommt. Kurz es begegnet einem selten eine Schrift, worin eine göttliche Wahrheit in ihrer Erhabenheit über die Vernunft, in ihrer ursprünglichen Fülle und geoffenbarten scharfen Bestimmtheit unge⸗ theilte Anerkennung fände. In der Regel zeigt sich ein Streben, subjectivi⸗ stischen Gelüsten zu Liebe die Wahrheit abzustumpfen, abzuschwächen und abzubrechen, wodurch dann eine solche Verdünnung des Gedankens entsteht, daß man bald inne wird, man habe hier nur noch gespreizte, hohle Menschen⸗ weisheit vor sich. Ein anderer Grundschaden der modernen Theologie ist unserer Meinung nach, daß zwischen Philosophie und Theologie, Vernunft und Offenbarung keine scharfe Grenzlinie gezogen wird. Statt sich auf ihr eigenes Gebiet zu beschränken und nur schriftmäßige Lehren aufzunehmen, eignet sich die neuere Dogmatik aus der Philosophie manche Sätze an, welche sich nicht etwa bloß auf die Form der Darstellung beziehen, sondern einen dem Worte Gottes widerstreitenden Inhalt haben. Luther sagt: „Man soll die Philosophiam mit der Theologie nicht vermengen, sondern Eins von dem Andern aufs Aller⸗ weislichste zu scheiden wissen.“ (Walch VIII. S. 2121.) Diesen treuen Rath hat die moderne Theologie nicht beachtet, wovon die Folgen immer deut⸗ licher hervortreten. Durch ihre Versetzung und Vermischung mit philoso⸗ phischen Elementen ist sie nämlich in eine Art Gnosticismus umgeschlagen, welcher höhere Wahrheiten zu entwickeln strebt, und besonders auf dem Ge⸗ biete der Christologie und der Theologie im engeren Sinne ganz neue Auf⸗ schlüsse und Entdeckungen zu machen sucht. Es geht einem wunderlich, wenn man Schriften dieses Schlages liest. Im Anfange begegnen einem wohl noch christliche Ideen, allein je weiter man kommt, desto seltsamer und unbekannter wird einem die ganze Gegend, man wird durch „neue, fremde, wilde Mähre“ überrascht; der Meister verheißt, uns die Mysterien des christlichen Glaubens zu enthüllen, mit großer Geläufigkeit wird das Wesen der heil. Dreieinigkeit definirt ꝛc. Besinnt man sich aber über das Gelesene, fragt man nach der biblischen Begründung, so fragt man umsonst. Es sind eben nur Vernunft⸗ Experimente, bloße Philosophumena, und die Anklänge an die Offenbarung zeigen nur, wie weit sich die Speculation von dem Inhalte derselben entfernt hat. — Eben so giebt es Schriften, welche von der Rechtfertigung, der Person Christi, Kirche und Amt ganz in der Terminologie unserer Kirche reden; sieht man aber genauer zu, so ist es ein ganz fremder, unheimlicher gnostischer Geist, der die sana verba unserer Kirche zur Bezeichnung ganz anderer Dinge mißbraucht. Mit Recht straft W. Flörke, Kirchliche Zeitschrift, herausgegeben von Dr. Kliefoth und Dr. Meyer, fünfter Jahrgang, S. 390, dieses Buhlen mit der Philosophie unter Hinweisung auf Offenb. 2, 20.: „ich habe ein klei⸗ nes wider dich, daß du lässest das Weib Jesabel, die da spricht, sie sei eine Prophetin, lehren und verführen meine Knechte, Hurerei treiben und Götzen⸗ opfer essen,“ und sagt, „daß diese Lehrweise inmitten der Christenheit Heid⸗ nisches lehre; zwar Gestalt, System, Methode von der herrschenden Kirche entnehme, aber das Heidnische lehre, welches, mit jedem Kinde geboren, das 12