# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1859_S173 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ueber die Lehre der neuesten Theologie von der Person Christi ꝛc. 173 menschliche Natur angenommen, aber ohne Sünde, unverderbt und heilig, in welcher er jedoch die Schwächen, welche als Strafen für die Sünde in unsere Natur eingedrungen sind, freiwillig ohne Sünde angenom⸗ men hat, und dies ist die Erniedrigung Christi, damit er würde ein Opfer für uns.*) Es ist endlich schon aus dem Vorhergehenden klar, daß jene Lehre eine falsche Ansicht von der Weise der Vereinigung der beiden Naturen in Christo aufstellt. Statt sie nämlich der Schrift und dem Bekenntniß gemäß als eine unauflösliche, lebendige Vereinigung in Einer Person zu denken, bei der beide Naturen in ihrer vollen Integrität verbleiben, so daß auch von Christo dem Gottmenschen die Gottheit ebenso wahr und mit demselben Rechte aus⸗ gesagt werden kann wie die Menschheit, lehren sie vielmehr eine solche Ver⸗ einigung, bei der wenigstens im Anfang eine Verringerung der göttlichen Natur stattgefunden hat, ja im Grunde eine Art Vermischung und Verwand⸗ lung der göttlichen Natur in die menschliche, so daß das Resultat dieser Ver⸗ einigung nicht die in beiden Naturen subsistirende Eine Person des Gott⸗ menschen ist, sondern blos ein mit factischer Sündlosigkeit und mit Wunder⸗ kraft begabter Mensch, dem dann bei seiner Erhöhung die Majestät der Gott⸗ heit beigelegt worden. So wäre denn doch Christus, wenigstens im Stande der Erniedrigung, ein bloßer Mensch gewesen, mit welchem viele Knechte Gottes die Wundermacht gemein haben und den in der Freiheit von Sünde und ihrem Fluche Adam und Eva vor dem Falle, jedenfalls aber die Engel übertreffen.**) Und was macht es für einen Unterschied, daß sich dieser Mensch als den ewigen Sohn Gottes in seinem menschlichen Selbstbewußtsein wußte, wenn er seine Gottheit aufgegeben hatte, also in Wahrheit nicht mehr der wahr⸗ haftige Gott war? Ein solcher Christus hätte nimmermehr die Schuld der ganzen Welt tragen und durch sein Blut alle Menschen mit Gott versöhnen können. Das konnte nur die mit der Menschheit vereinigte, vollkommene, unbeschränkte und unverkürzte Gottheit. Denn so spricht Gott der Herr, der vollständige und vollkommene Gott, Jes. 43, 25.: „Ich, ich tilge deine Ueber⸗ tretung um meinet willen.“ Aber die Schrift lehrt uns auch ganz anders von der Person Christi. Sie lehrt, daß in derselben beide Naturen, obgleich *) Chemnitii lib. de duabus naturis, cap. III.: Filius Dei assumpsit humanam naturam veram, integram seu totam, sed sine peccato, incorruptam et sanctam, in qua tamen infirmitates, quae ut poenae propter peccatum in naturam nostram ingressi sunt, volens sine vitio assumpsit. **) Leider mit Recht fragt Schenkel in der Allg. Kirchenzeitung, Januar 1859: „Kann sich denn ein Theologe im Ernste einbilden, lutherisch-orthodox zu sein, der von der zweiten Person der Gottheit, wie dies Herr Dr. Thomasius thut, behauptet, sie könne das Selbst⸗ bewußtsein verlieren und das bewußtlose Pflanzenleben eines Embryo, das dämmernde Traumleben eines Säuglings führen? Dreißig Jahre lang soll nach Thomasius die zweite Person der Gottheit in Christo, auch nachdem sie endlich zum Selbstbewußtsein erwacht war, ihre göttlichen Eigenschaften gar nicht besessen haben, so daß man nur mit dem tiefsten Erstaunen fragen kann: was das für ein Gott ist, der aufhören kann, Gott zu sein, und auf einmal nachher wieder zu Gott wird.“