# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1859_S172 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 172 Ueber die Lehre der neuesten Theologie von der Person Christi ꝛc. So wahr wie das letzte Stück, der Gehorsam bis zum Tode am Kreuze, von der menschlichen Natur in Christo gesagt ist, so gewiß gelten alle die andern mit derselben coordinirten Aussagen auch von derselben Natur. Danach ist es schon durch diese eine Hauptstelle unwidersprechlich gewiß, daß Christus sich nach der angenommenen menschlichen Natur, und nicht nach der Gott⸗ heit erniedrigt hat; obgleich wegen der persönlichen Einheit beider Naturen die Erniedrigung auch der Gottheit in Christo zukommt und eignet, doch nur so, daß die Menschheit gleichsam das Organ gewesen ist, durch welches die in beiden Naturen subsistirende Person die Erniedrigung vollzogen hat. Sie hat dieselbe aber vollzogen, indem die göttliche Natur ihre Kraft von der Mitwirkung so weit zurückzog und die menschliche soweit sich selbst überließ, als die jedesmalige Stufe der von ihr gewollten Erniedrigung erforderte. Von der Beschaffenheit der menschlichen Natur, welche Christus in die Einheit seiner Person angenommen hat, sagt jene falsche Lehre, daß sie schon an und für sich den Folgen der Sünde, dem Tode und der Schwachheit un⸗ terworfen gewesen sei, ja mit der abstracten Möglichkeit des Sündigens, wenn auch diese Möglichkeit hätte „unmöglich“ wirklich werden können. Da wird freilich sogleich mit Brömel jeder fragen: „Können Sie sich einen Christus wirklich denken, der selbst eine der Macht des Todes verfallene und erlösungs⸗ bedürftige Natur an sich gehabt und dennoch andere erlöst hätte? Wer hat denn zuerst ihn erlöst von seiner erlösungsbedürftigen Natur?“ Die Schrift sagt Hebr. 7, 26 ff.: „Einen solchen Hohenpriester sollten wir haben, der da wäre heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern abgesondert und höher denn der Himmel ist ꝛc.“ „Hohepriester“ ist der Gottmensch, die ganze Per⸗ son: also muß er auch nach seiner menschlichen Natur heilig, unschuldig, un⸗ befleckt ꝛc. gewesen sein, das heißt in keiner Weise den Folgen der Sünde unterworfen. Ebenso sagt auch der Engel zur Maria: „Das Heilige, das in dir geboren ist, wird Gottes Sohn genannt werden.“ Es ist auch unmöglich, daß der Sohn Gottes die menschliche Natur anders als im Zustande vollkommener Heiligkeit angenommen hätte. Denn wäre sie an sich mit den Folgen und Wirkungen der Sünde, mit Fluch und Tod behaftet gewesen, so hätte ja der ewige Sohn Gottes mit der menschlichen Natur Fluch und Tod in die Einheit seiner Person aufgenommen, es hätte sich in ihm der Himmel mit der Hölle vermählt. Ein schauerliches Bündniß, von dem die Schrift nichts weiß; ein greulicher Dualismus, der auch durch alles in die Einheit Eines Begriffs fassen wollende Phraseologie der modernen Theologie durchgreift. Und den wählt ein Thomasius, den wählen so viele andere Vertreter der gläubigen Theologie lieber, als daß sie ihre Vernunft unter die einfältige Lehre der hl. Schrift von der Person Christi und ihrer Erniedrigung, wie dieselbe im lutherischen Bekenntniß dargelegt ist, gefangen nehmen. Da wollen wir doch lieber, statt die neue Verkehrtheit anzuneh⸗ men, bei der reinen, Christum ehrenden, trosteskräftigen Lehre der hl. Schrist und der christlichen Kirche bleiben, welche Martin Chemnitz ausspricht mit den Worten: „Der Sohn Gottes hat die wahrhaftige, unverletzte oder ganze