# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1859_S171 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ueber die Lehre der neuesten Theologie von der Person Christi ꝛc. 171 gewisse einzelne Werke der Gottheit statthaben kann, zeigt klar das Wort des folgenden Verses: „Der Vater zeigt ihm alles was er thut“. Daraus ist mit unwiderleglicher Gewißheit zu schließen, daß der menschgewordene Sohn auch im Stande der Erniedrigung allwissend war, weil ihm Gott der Vater alles zeigte, was er that; daß er allmächtig und allgegen⸗ wärtig war, weil alles, was der Vater that, gleich auch der Sohn that. Wie der Vater und der heil. Geist, so durchwaltet auch Gott der Sohn ohne Veränderung und Unterbrechung Himmel und Erde von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die Erniedrigung Christi hat also keineswegs seiner Gottheit nach statt⸗ gefunden, sondern einzig und allein nach seiner mit Gott dem Sohne zu ei⸗ ner einigen Person unzertrennlich und unauflöslich verbundenen menschlichen Natur nach. Diese subsistirt allerdings nicht für sich, sie ist keine Person, sondern sie existirt blos in der Einheit der Person Gottes des Sohnes. Denn Christus ist Einer, nicht zwei. Und wenn Luther von „zwei Stücken“ in der Person Christi redet (im großen Bekenntniß vom hl. Abendmahl), so ist das eben blos Distinction des in der Wirklichkeit als unauflösliche Einheit be⸗ stehenden nach dem Bedürfniß des menschlichen Denkens und zum Zwecke der Lehrdarstellung, aber kein Zerreißen der Person, wie Ebrard ihm nach⸗ sagt. Niemanden lag dies ferner als Luthern. Aber bei der persönlichen Einheit bezeugt doch die heil. Schrift, daß Christus, während er seiner Gott⸗ heit nach ganz und völlig geblieben ist, wie er von Ewigkeit war, doch der an⸗ genommenen Menschheit nach — und nur nach dieser — sich erniedrigt habe. Dies lehrt vor allen der Hauptspruch Phil. 2, 6 ff., woraus unbegreiflicher Weise jene Theologen ihre falsche Lehre beweisen wollen. Denn es heißt hier nicht etwa von Gott dem Sohne, daß er durch die bloße That der Menschwer⸗ dung an sich schon sich seiner Gottesgestalt geäußert und erniedrigt hätte; sondern das Subiect ist dort Jesus Christus, der schon Menschgewordene. Darum kann das, was von ihm ausgesagt ist, sich nicht auf die Menschwer⸗ dung an sich, sondern blos auf das beziehen, was an dem Menschgewordenen und zwar speciell und zunächst an der von ihm angenommenen menschlichen Natur nach seiner freien Selbstbestimmung geschehen ist. Auf die menschliche Natur zunächst und speciell weisen alle Aussagen hin, in welchen der Apostel an unserer Stelle von dem Menschgewordenen redet. Die Entäußerung, das Werden gleich wie ein anderer Mensch, das Erfun⸗ denwerden an Geberden wie ein anderer Mensch, die Erniedrigung im Ge⸗ horsam bis zum leiblichen Tode — das paßt alles nimmermehr auf die Gott⸗ heit und kann nur gewaltsamer Weise auf dieselbe bezogen werden, indem man einzelne Stücke von den andern trennt und aus dem Zusammenhang reißt und indem man mit allen den sonnenklaren Stellen in Widerspruch tritt, wonach eine Veränderung, Entäußerung und Erniedrigung an der Gottheit nicht geschehen kann. Vielmehr ist hier deutlich und ausdrücklich von dem die Rede, was mit der Menschheit, die der Sohn Gottes in die Einheit seiner Person aufgenommen hat, nach dem Willen desselben geschehen ist. Denn alle jene Stücke sind nicht Gottes, sondern des Menschen Sache.