# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1859_S169 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ueber die Lehre der neuesten Theologie von der Person Christi ꝛc. 169 Allwissenheit besessen haben soll, wie Thomasius lehrt? Ist dies nicht ein bloßes Spiel mit Worten? Absolute Macht ist undenkbar ohne Allmacht und Allge⸗ genwart, und ebenso die absolute Wahrheit, Heiligkeit und Liebe ohne Allwissenheit. Denn die ersten sind in der Wirklichkeit schlechthin identisch, und von der absoluten Wahrheit, Heiligkeit und Liebe ist es so unmöglich die Allwissenheit zu trennen, wie den alles erleuchtenden und durch⸗ dringenden Glanz vom Sonnenlichte. Wie können auch einige göttliche Eigenschaften ohne die andern vorhanden sein? Wie kann absolute Macht Heiligkeit, Wahrheit und Liebe existiren ohne Allmacht, Allgegenwart und Allwissenheit? Gott ist ein einiger Geist, und darum unzertrennlich und untheilbar. Wie kann man sein Wesen in Eigenschaften zerlegen und einige ihm lassen, andere ihm nehmen? Wie kann absolute Vollkommenheit und partielle Unvollkommenheit in Einem Wesen mit einander existiren? Eins schließt das andere aus und ist darum unmöglich. Wo absolute Vollkommen⸗ heit ist, da muß das ganze Wesen vollkommen sein, da ist keine Unvollkom⸗ menheit, keine Schranke, kein Mangel. Legt man nun der Gottheit in Christo absolute Macht, Wahrheit, Heiligkeit und Liebe bei, so legt man ihr absolute Vollkommenheit bei und diese schließt schon die Allmacht, Allgegen⸗ wart und Allwissenheit ein. Was gegen Thomasius gilt, das gilt in noch stärkerm Maße gegen Hofmann und Delitzsch: denn es ist falsch, daß der Sohn Gottes in der Menschwerdung die s. g. relativen Eigenschaften aufge⸗ geben habe, so ist noch gewisser falsch, daß er alles abgelegt habe, was der Gottheit eignet bis auf den Willen. Weil darum die Gottheit unveränder⸗ lich und untheilbar ist, wie wir sie nach der heil. Schrift erkennen, so ist es ein Irrthum, daß die Gottheit, wie sie im Sohne ist, einen Theil ihrer wesentlichen Eigenschaften, wenn auch nur für eine Zeitlang, habe aufgeben und nicht besitzen können. Weiter lehrt das Wort Gottes, daß in allen drei Personen der heiligen Dreieinigkeit das göttliche Wesen ganz und unverkürzt ist, und zwar zu allen Zeiten, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Daß vor der Menschwerdung und nach der Erhöhung der Sohn die Gottheit habe wie der Vater und der heil. Geist, das leugnen jene Theologen nicht. Aber wäre dies nicht im Stande der Erniedrigung der Fall gewesen, so wäre im Sohne das Eine göttliche Wesen erniedrigt und verringert, also, wie ich soeben nachgewiesen habe, aufgehoben und vernichtet worden. Da es aber nur ein göttliches Wesen gibt, welches als dasselbe in den drei Personen der heil. Dreieinigkeit gleich ganz und voll⸗ kommen ist, so kann es in der Person des Sohnes keine Veränderung erleiden (wo dies möglich wäre), ohne zugleich auch für den Vater und den heil. Geist verändert zu werden. Es folgt aus der Erniedrigung der Gottheit in der zweiten Person mit unausweichlicher Consequenz auch die Erniedrigung der Gottheit in den andern Personen. Und was würde denn weiter folgen? Es hätte dann während der 33 Jahre der Erniedrigung Christi keinen all⸗ mächtigen, allwissenden und allgegenwärtigen Gott, d. h. gar keinen, gegeben. Oder, was die andere nämliche Consequenz ist, es gäbe drei oder doch zwei