# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1859_S164 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 164 Ueber die Lehre der neuesten Theologie von der Person Christi ꝛc. Fleisches, er ist in der Totalität seines Lebens Mensch geworden, seine Existenz und Lebensform ist die eines geistleiblichen, zeiträumlich bedingten Menschen. Doch weiß sich Christus auch in seiner menschlichen Beschränktheit als den menschgewordenen Sohn Gottes, und hieraus erklärt es sich, wie in seinem Bewußtsein bald die eine, bald die andere Seite überwiegt; allein es ist dies nicht ein Verhältniß zwischen göttlichem und menschlichem Bewußtsein, nicht der Unterschied zwischen einem göttlichen und menschlichen Wollen, es vergleicht sich nicht sowohl dem Verhältniß von Seele und Leib, als vielmehr dem geistlichen und natürlichen Leben des Wiedergeborenen, fällt also nicht außer die Einheit der Persönlichkeit, sondern in das eine, mit sich identische Subject. 1) Im Gegensatz zum Zustande der Erniedrigung muß der, in dem sich der erhöhte Gottmensch befindet, ein Zustand unbeschränkter Freiheit und absoluter Lebensmächtigkeit sein; er muß jetzt als der Erhöhte im Vollbesitz der Gottherrlichkeit, deren er sich entäußert hat, mithin in derjenigen Existenz⸗ und Wirkungsweise stehen, zu welcher mit der Menschwerdung zwar schon die Möglichkeit gegeben war, die aber nicht eher eintreten konnte und sollte, als bis das Werk der Erlösung im Fleisch vollbracht war. Der verherrlichte Christus ist allgegenwärtig, allmächtig und allwissend 2). Wir behalten demnach die ganze Glorie der Verklärung oder Erhöhung vor, während sie Luther schon in das mit der Menschwerdung beginnende Zeitleben hereinfallen läßt 3)." Dies ist die Ansicht von Thomasius. Sie ist von mehreren Theologen von leitendem Einflusse innerhalb der lutherischen Kirche angenommen worden, deren Aussprüche ich mittheilen will, soweit mir dieselben zugänglich sind, und zwar kürzer, da sie im Wesentlichen mit Thomasius übereinstimmen, und es hier vornehmlich darauf ankommt, diese Uebereinstimmung nachzuweisen, wodurch denn zugleich die von verschiedenen ausgesprochene Ansicht selbst zu klarer und bestimmter Darstellung kommt, und der Einfluß des wieder neu aufgekommenen Irrthums vor Augen gestellt wird. Prof. von Hofmann in Erlangen hat die Ansicht von Thomasius nicht blos aufgenommen, sondern in ihrer Consequenz fortgebildet. Er lehrt in seinem „Schriftbeweis:" „Christus hat sich durch die Menschwerdung der göttlichen Herrlichkeit entäußert, die er bei Gott hatte, er hat seine Gottesgestalt, in welcher er überweltlich als Herrscher sich darstellte und bethätigte, abgelegt und mit inweltlicher Knechtsgestalt vertauscht, in welcher er der über die Welt herrschenden Macht zu dienen hatte 4). Seine Selbstbethätigung von seiner Menschwerdung an ist keine göttliche mehr, sondern eine menschliche. Wir können wie Zanchius sagen, daß sich Christus der göttlichen Herrlichkeit, Allmacht und Allgegenwart entäußert hat und aus einem Gotte ein Mensch geworden ist; und es bedarf der vorsichtigen Beschränkung (von Thomasius) nicht, ja wir müssen sie als störend abweisen, daß sich der menschwerdende seiner göttlichen Machtfülle nur in so weit entäußert habe, 1) Ebdas. S. 182 ff. 2) S. 244. 3) S. 207. 4) Schriftbeweis I. S. 132.