# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1859_S163 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ueber die Lehre der neuesten Theologie von der Person Christi ꝛc. 163 müssen: daß der ewige Sohn Gottes, die zweite Person der Gottheit in die Form der menschlichen Umschränktheit und damit in die Schranke einer zertrennlichen Existenz und unter die Bedingungen einer menschlichen Entwicklung sich dahingegeben habe, um im vollsten Sinne des Worts das Leben unsers Geschlechts in unserer Natur mitzudurchleben, ohne deshalb aufzuhören, Gott zu sein 1). Der Sohn Gottes hat eben diese unsere Natur an sich genommen, sich also zum Ich eines geistleiblichen menschlichen Individuums bestimmt, und eben deshalb ist auch sein Bewußtsein von vornherein ein spezifisch menschliches, das Bewußtsein eines Menschen, und zwar eines seelisch⸗leiblichen, beschränkten Menschen. Der Unterschied zwischen ihm und uns liegt nur darin, daß dieses Ich nicht ursprünglich aus der Tiefe menschlicher Natur herausgeboren, sondern in sie hineingeboren ist, um sich aus ihr und mittelst ihrer zur vollständigen gottmenschlichen Person herauszuwirken 2). Es ist demnach die Menschwerdung des ewigen Sohnes Gottes zwar nicht Entäußerung der göttlichen Seinsweise an die menschlich kreatürliche Existenzform und eo ipso Verzichtleistung auf die göttliche Herrlichkeit 3). Diese in der Menschwerdung schon enthaltene Selbstbeschränkung des Logos setzt sich fort in der Erniedrigung des Gottmenschen durch den Weg der Niedrigkeit und Leiden, durch den ganzen Kreuzesweg hindurch. Es ist darum das ganze irdische Leben des Erlösers als gottmenschliche Fortsetzung der Menschwerdung, Offenbarung und Entäußerung zumal. Es ist Offenbarung der immanenten göttlichen Eigenschaften, der absoluten Macht, Wahrheit, Heiligkeit und Liebe; Entäußerung der relativen göttlichen Eigenschaften, in denen die immanenten nach außen hin sich manifestiren: Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart 4). Der Erlöser war während seines irdischen Lebensstandes weder allmächtig noch allwissend noch allgegenwärtig 5). Die menschliche Natur Jesus ist gleich der unseren „Fleisch" (1 Tim. 3, 16. Col. 1, 22), aber gereinigt von der erblichen Sündhaftigkeit. Sie schließt die Möglichkeit des Sündigens ein, aber diese Möglichkeit war bei ihm nur die rein abstracte, ihr Wirklichwerden eine schlechthinige Unmöglichkeit. Zugleich participirt der Erlöser, weil unseres Fleisches theilhaftig, auch an unserer Sünde und unserer Sterblichkeit d. i. an den Folgen der menschlichen Sündhaftigkeit 6). Das Göttliche ist also descendirend ganz in das Menschliche eingegangen. Das absolute Leben, welches das Wesen der Gottheit ist, existirt in der engen Begrenzung eines irdisch⸗menschlichen Lebens: die absolute Heiligkeit und Wahrheit entwickeln sich in der Form menschlichen Denkens und Wollens, die absolute Liebe lebt als menschliches Gefühl im Herzen dieses Menschen, die absolute Freiheit in der Form menschlicher Selbstbestimmung. Der Sohn Gottes hat sich außerhalb der von ihm assumirten menschlichen Art nicht ein besonders Fürsichsein, ein besonderes Bewußtsein, einen besonderen Wirkungskreis oder Machtbesitz vorbehalten, nicht und nirgends existirt er außerhalb des 1) Ebdas. S. 129 f. 2) S. 189. 3) S. 131. 4) S. 213 ff. 5) S. 217. 6) S. 119.