# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1859_S162 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 162 Ueber die Lehre der neuesten Theologie von der Person Christi ꝛc. die andern Hauptstücke des Lehrganzen ausbreitet, wenn anders die consequente Entwickelung ihren naturgemäßen Verlauf einnimmt. Es ist darum eine besonders betrübende Erscheinung, daß grade in der Lehre von der Person Christi und zwar in dem Stück von dem Stande seiner Erniedrigung ein alter, von Zwingli, Zanchi und andern reformirten und philippistischen Theologen aufgebrachter Irrthum bei vielen gläubigen Theologen in Deutschland, unter denen sogar Lutheraner sind, Eingang gefunden hat. Es soll im Folgenden die falsche Lehre so viel als nur möglich mit den eigenen Worten der betreffenden Theologen im Zusammenhange dargestellt, dann derselben die reine Lehre der heiligen Schrift entgegengehalten und endlich das Zeugniß der ältesten Kirche für die reine Lehre in etlichen klaren und bestimmten Aussprüchen angesehener Kirchenlehrer des Alterthums aufgeführt werden. In der Darstellung der wiederaufgekommenen falschen Lehre von der Erniedrigung Christi will ich mit Thomasius beginnen, welcher sie unter den lutherischen Theologen unserer Tage zuerst aufgebracht und ihr Verbreitung verschafft hat. Derselbe hat schon 1845 in der Erlanger „Zeitschrift für Protestantismus und Kirche" seine Ansicht entwickelt; ich will aber hier seiner letzten Darstellung in seiner Dogmatik folgen 1). Danach lehrt er von der Erniedrigung Christi: „Die Menschwerdung kann nur so geschehen sein, daß durch eine übernatürliche, reinigende Wirkung auf die alte adamatische Menschheit die Natur oder genauer das menschliche Substrat erwirkt wurde, welches der Sohn in die Einheit seiner Person aufnahm, indem er es zu dem seinigen machte. Das göttliche Ich des Sohnes senkt sich in die innerste Tiefe der dazu bereiteten Menschheit ein, um aus ihr heraus zum Gottmenschen zu werden; das Selbst Gottes, der das Heil schafft, wird eins mit dem Selbst des Menschen, durch den er es schafft. Insofern ist die Menschwerdung Assumtion 2). Aber zum Verständniß der geschichtlichen Person des Gottmenschen reicht der Begriff der Assumtion nicht völlig hin; denn so bleibt das Verhältniß des Göttlichen und des Menschlichen in Christo noch immer mit einer gewissen Duplicität behaftet: das Göttliche überragt dann gleichsam das Menschliche wie ein weiter Kreis den engern, geht mit seinem Wissen, Leben und Wirken unendlich weit darüber hinaus, als das Außergeschichtliche über das Zeitliche, als das in sich Vollendete über das Werdende, als das Allerfüllende und Allesbestimmende über das Bedingte, an die Grenzen und Gesetze des irdischen Daseins Gebundene. Da ist also ein doppeltes Leben, der Logos ist oder hat noch immer etwas, was nicht in seiner geschichtlichen Erscheinung aufgeht, was nicht auch des Menschen Jesus ist — und das scheint die Einheit der Person zu zerstören. Darum werden wir denn die Menschwerdung selbst eben darein setzen 1) Wider Thomasius hat auch Brömel geschrieben in seinem Schriftchen: „Was lehrt Herr Professor Thomasius von der Person des Herrn Jesu Christi im Stande der Erniedrigung?" S. den Auszug im Octoberhefte des vorigen Jahrgangs. 2) G. Thomasius, Dr. u. ord. Prof. d. Theol. in Erlangen, Christi Person und Werk, II Theil, S. 117.