# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 09 01_S7 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſchende Stamm in Ungarn) eingedrängt haben, die eine ganz andere Sprache und Volksthümlich⸗ keit beſitzen. Ebenſo unwillkommen iſt ihnen die Oberherrſchaft der Deutſchen. Böhmen weigerte ſich deshalb entſchieden, Abgeordnete zur deut⸗ ſchen Nationalverſammlung nach Frankfurt zu ſchicken. Statt deſſen verſammelte ſich in Prag am 30. Mai ein großer Slaven⸗Congreß, wobei Abgeordnete von den verſchiedenſten ſlaviſchen Stämmen erſchienen, in bunter Mannigfaltigkeit jihrer Nationaltrachten und Mundarten. Drei Tage vorher ward in Prag zwiſchen den deutſchen und tſchechiſchen Einwohnern ein großes Verſöhnungs⸗ feſt gefeiert, allein dieſe Verſöhnung dauerte nicht lange. Am 12. Juni brach ein furchtbarer Kampf aus. Die Prager Studenten, die Swornoſt oder tſchechiſche Nationalgarde und eine Maſſe erwerb⸗ loſer Arbeiter ſtanden auf der einen Seite, das österreichiſche Militär unter Fürſt Windiſchgrätz Rauf der andern. Die Fürſtin wurde gleich an⸗ fangs erſchoſſen, ihr Sohn ſchwer verwundet. Von den Barrikaden und aus den Fenſtern ward mit Erbitterung auf das Militär gefeuert. Dies rückte daher auf die Höhen oberhalb Prag, bom⸗ bardirte von da aus die Stadt und richtete eine furchtbare Verheerung darin an. Fürſt Win⸗ diſchgrätz behielt am Ende die Oberhand und ward darauf zum Civil⸗ und Militär⸗Gouverneur von Böhmen ernannt. Die iſchechiſche proviſo⸗ riſche Regierung unter Graf Leo Thun, die ſich nach den Vorgängen in Wien am 16. und 26. Mai gebildet hatte, angeblich im Gegenſatze ge⸗ gen den dort herrſchenden revolutionären Geiſt und aus Ergebenheit an den Kaiſer (an den die Tſchechen eine glänzende Geſandtſchaft nach Inns⸗ bruck ſandten), ward abgeſetzt. Es heißt, wenn die Pläne der Tſchechen geglückt wären, ſo wür⸗ den alle Deutſche in Prag, oder doch alle hervor⸗ ragenden Männer unter ihnen, als Opfer des Haſſes der Tſchechen gefallen ſein, ſo daß in dieſer Hinſicht die Niederlage der Letztern nicht zu be— klagen iſt — In Süd⸗Ungarn iſt gleichzeitig der Kampf zwiſchen den Kroaten und Serben einerſeits und den Magyaren und Deutſchen andrerſeits ausgebrochen. Wie es heißt, ſchürt Rußland dies Feuer, indem jene Völker von ihm als einer 1ſtammverwandten Macht Hülfe hoffen und in dieſer Hoffnung von ruſſiſchen Agenten beſtärkt werden. Die Magyaren dagegen ſchließen ſich um ſo enger an die Deutſchen an, und haben Ge⸗ ſandte an die Nationalverſammlung in Frankfurt geſchickt, um ein freund⸗nachbarliches Verhältniß beider Völker zu befördern. Von den 35 Mil⸗ lionen Bewohnern des öſterreichiſchen Kaiſerſtaats ſind ungefähr 8 Millionen Deutſche, 5 Millionen Magyaren, 16 Millionen Slaven (die Polen in Galizien mitgerechnet) und 6 Millionen Ita⸗ liener, Wallachen, Zigeuner ꝛc. Die Slaven ſind alſo den andern Volksſtämmen an Zahl weit überlegen, ſtehn aber den Deutſchen an Bildung, den Magyaren an Tapferkeit, und Beiden an Beſitz und Macht bei Weitem nach. ö So weit der Botſchafter. Spätere Nachrich⸗ ten vom 9. Auguſt ſagen, der Bürgerkrieg in Un⸗ 7 Inſurgenten dringen vorwärts und bereiten ſich vor, um die größten und reichſten Städte Un⸗ garns zu belagern. Der Krieg wird auf die bar⸗ bariſchſte Weiſe geführt, Kopfabſchneiden und Ab⸗ ſägen von Gliedern ſcheint an der Tagsordnung zu ſein bei den Inſurgenten. —— Wink für die Mißvergnügten unſerer Tage. Luther erzählt in ſeiner Schrift: Ob Kriegs⸗ leute auch in einem ſeligen Stand ſein können? folgende Geſchichte: Man lieſet von einer Wittwe, die ſtund und betet für ihren Tyrannen aufs allerandächtigſte, daß ihn Gott wollte ja lange laſſen leben ꝛc. Der Tyrann hörets und verwun⸗ dert ſich, weil er wohl wußte, daß er ihr viel Leides gethan hatte, und ſolch Gebet ſeltſam war. Denn gemein Gebet für die Tyrannen pflegt nicht ſo zu lauten. Er fragt ſie, warum ſie ſo für ihn bete? Antwortete ſie: Ich hatte zehn Kühe, da dein Großvater lebete, der nahm mir zwo; da betete ich wider ihn, daß er ſtürbe und dein Vater Herr würde. Da das geſchah, nahm mir dein Vater drei Kühe. Abermal betete ich, daß du Herr wür⸗ deſt, und er ſtürbe. Nun haſt du mir vier Kühe genommen, darum bitte ich nun für dich, denn ich ſorge, wer nach dir kömmt, nimmt mir die letzte Kuh auch, mit allem, das ich habe. Alſo haben die Gelehrten auch ein Gleichniß von einem Bett⸗ ler, der voll Wunden war, und ſaßen viel Fliegen drinnen die ihn ſogen und ſtochen. Da kam ein barmherziger Menſch, wollt ihm helfen, und jagt die Fliegen alle von ihm; er ſchrie aber, und ſprach: Ach! was machſt du da? dieſe Fliegen waren ſchier voll und ſatt, daß ſie mir nicht mehr ſo angſt thäten, nun kommen die hungerigen Flie⸗ gen an ihrer Statt, und werden mich viel übeler plagen. — Verſteheſt du dieſe Fabeln? Oberkeit ändern, und Oberkeit beſſern ſind zwei Dinge, ſo weit von einander als Himmel und Erden. Dir Waagen. Unter der Regierung Karls I., Königs von England, wogen die Goldarbeiter in London ge⸗ wöhnlich ihr Gold und Silber in Gegenwart des königlichen Geheimenraths. Sie bedienten ſich zu dieſem Zwecke ſo genauer Waagen, daß ſich die Waage bei dem hundertſten Theil eines Grans neigte. Dieſes verſicherte eines Tags der Ober⸗ meiſter dieſer Zunft. Noy, Generaladvokat des Königs, welcher ſich gegenwärtig befand, ſchrie: „Wahrlich, ich wollte nicht, daß meine Handlungen in dieſen Waagen gewogen würden.“ Biſt du nicht ſeiner Meinung, Leſer? Und doch ſind die Waagen, welche Gott in Händen hält, der dich richten wird, unendlich genauer. Wie mag ein Menſch ſich rechtfertigen vor Gott? Auf tauſend kann er ihm nicht Eines antworten. (Hiob 9, 2. 3.) O, wie ſehr bedürfen wir darum des Ver⸗ dienſtes JEſu Chriſti, welcher uns gemacht iſt von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit, und zur Heiligung und zur Erlöſung. (1 Cor. 1, 30.) (Altes und Neues aus dem Reich Gottes. Von Hahn.) * Johannis 1, 29.: „Siehe, das iſt das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt.“ (Luther über dieſe Worte.) Gott ſpricht: Ich weiß, daß dir deine Sünden gar zu ſchwer ſind zu tragen. Derhalben ſiehe, ich will ſie auf mein Lämmlein legen und von euch wegnehmen, dasſelbe glaube du; denn ſo du es thuſt, ſo biſt du frei von Sünden. Es hat nur die Sünde zwei Oerter, da ſie iſt, entweder ſie iſt garn ſei in der That Schrecken erregend. Die bei dir, daß ſie dir auf dem Halſe liegt, oder liegt auf Chriſto, dem Lamm Gottes. So ſie nun dir auf dem Rücken lieget, ſo biſt du verloren; ſo ſie aber auf Chriſto ruhet, ſo biſt du ledig und wirſt ſelig. Nun greif, zu welchem du willſt. Daß die Sünden auf dir geblieben, das ſollte wohl ſein nach Geſetz und Recht; aber aus Gnaden ſind ſie auf Chriſtum, das Lamm, geworfen. Sonſt, wenn Gott mit uns rechnen wollte, ſo wäre es um uns geſchehen. Ausſpruch von John Newton. Ich vergleiche zuweilen die Trübſale, denen wir im Laufe eines Jahres unterworfen ſind, mit einem großen Bund Holz, viel zu ſchwer für uns, es aufzuheben. Aber Gott fordert nicht, daß wir das Ganze auf einmal tragen; Er löſet gnädig das Bund auf, und gibt uns erſt ein Stück, das wir heute tragen ſollen, und dann ein anderes, das wir morgen tragen ſollen, und ſo fort. So würden wir leicht fortkommen, wenn wir blos die uns für jeden Tag angewieſene Bürde nähmen; aber wir vermehren gerne unſere Trübſal, indem wir das geſtrige Stück heute wieder tragen, und die morgende Bürde unſerer Laſt hinzufügen, ehe wir aufgefordert werden ſie zu tragen. — Der treue Taufzeutze. Laſſet die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht, denn ſolcher iſt das Reich Gottes. (Lucas 18, 16.) Der ſelige Johann Tobias Kießling in Nürnberg war auch ein großer Kinderfreund, weil er ſich einmal zu den Kleinen und Niedrigen im Lande hielt. Wenn er dann über die Straße ging, ſo war oftmal gar kein Fertigwerden mit den Kindern allen, die den Herrn Kießling grüßen und ihm die Hand geben wollten. Dazu kam, daß er auch aller Welt Gevattersmann war. Freilich die Connexionen, in die er durch die Mehrzahl ſeiner Gevatterſchaften kam, waren gerade nicht von der Art, daß er viel darum beneidet worden wäre. Denn der größte Theil ſeiner Gevatters⸗ leute gehörte nicht bloß zu den ärmſten Leuten in der Stadt, ſondern bei gar manchen darunter war auch die Aufführung nicht eben rühmlich. Aber wenn man ihm auch, um ihn etwa abzuhalten, von den neuen Gevattersleuten Ein und Anderes erzählte, was gar nicht rühmlich lautete, ſo ant— wortete er immer darauf: „Sie ſind ja doch Menſchen, ſind doch erlöste Chriſten, vielleicht holt ſie der HErr dennoch herum.“ Und da hielt er denn auch das Kind der verachtetſten und verächt⸗ lichſten Eltern ſelber zur Taufe, betete für das ſelbe von ganzem Herzen, und ſorgte auch nachmals, wenn Niemand ſonſt für die armen verlaſſenen Würmer ſorgte, gar väterlich als wahrer Gevat⸗ ter (Mitvater) für ihr äußeres und inneres Heil. Auf die innere Pflege der ihm durch die heilige Taufe anvertrauten armen Kinder verwendete er gar manche freie Stunde, beſonders die Sonn⸗ tags⸗Nachmittage. Da konnte man faſt immer ein ziemliches Häuflein armer Kinder in Kießlings Hauſe ſehen, wovon die meiſten zu den Pathen desſelben oder einer ſeiner Schweſtern gehörten. Da wurden ſie dann auf die eindringendſte Weiſe ermahnt, unterrichtet in den Hauptlehren des Chriſtenthums, es wurden ihnen Geſchichten aus der heiligen Schrift und andern erbaulichen Bü⸗ chern erzählt, Bilder gezeigt und geſungen. Hier⸗ bei fehlte es denn auch natürlich nicht an äußer⸗ licher, leiblicher Erquickung. Der Segen blieb nicht aus, der große Kinderfreund im Himmel ſegnete Kießlings Bemühen, daß er an mehrern dieſer ſeiner Pathen und der übrigen armen Kin⸗ der die Früchte ſeines Gebets, ſeiner Ermahnun⸗ gen und Belehrungen ſah.