# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1859_S145 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Aus dem diesjährigen Vorwort des sächsischen Kirchen⸗ und Schul⸗Blatts. 145 tives Gesetz kein Mensch gerecht und selig wird, sondern durch den persönlichen Glauben, welcher das Freieste und Innerlichste und Subjectivste ist, was es gibt, und welcher allerdings alle die großen Objectivitäten der göttlichen Heilsthaten und Heilsworte und die kleinen Objectivitäten der menschlichen Kirchen⸗ und Lebensordnungen in die Subjectivität des Menschen hineinnimmt, freilich nicht um sie sich da nach Belieben zurechtzulegen, sondern um sich mit ihnen innerlich zusammenzuschließen und sie so zu seinem freieigenen Besitzthum zu machen. Das Wort Freiheit ist ein zweischneidiges Schwert, das den leicht schädigen kann, der es in die Hand nimmt, und leicht wie ein Feuer zum verderblichen Brand sich entfacht. Aber darum bleibt doch ein Unterschied zwischen der falschen weltlichen Freiheit und der evangelischen des Christenmenschen, der im heiligen Geist durch und an die ewige göttliche Wahrheit gebunden ist. Und da abusus non tollit usum, so wird es in einer Zeit, in welcher von Autorität, Objectivität, Ordnung, Gesetz u. s. w. so viel die Rede ist und auf ihre Herstellung mit Recht so großer Fleiß gewandt wird, nicht überflüssig sein, an jene Freiheit des „Geistes des HErrn“ zu erinnern, und solche Erinnerung wird man sich gesagt sein lassen dürfen, auch wo sie das Maß rechter kirchlicher Wahrheit und Besonnenheit nicht bewahrt. Das führt mich auf Baumgarten und Beck. Sie sind in neuerer Zeit öfter zusammengestellt worden, und mit Recht, so verschieden sie auch sind. Beide nehmen eine Oppositionsstellung ein gegen das gegenwärtig herrschende Christenthum der Frommen und Kirchenthum der Positiven; Beide sind zu bedenklichen Mächten innerhalb ihrer Landeskirchen geworden; bei dem Einen hat man die Entfernung verlangt, bei dem Andern ausgeführt. Freilich wirkt Beck eben nur vom Katheder und von der Kanzel aus, während Baumgarten sich in eine der verschiedensten Dinge ohne viel Wahl und Maß sich annehmende publicistische Schriftstellerei geworfen hat. Nöthig und heilsam ist Becks ernstes Zeugniß wider das moderne christliche Wesen geräuschvoller, oft sich selbst bespiegelnder Vielgeschäftigkeit. Von dieser Weite äußeren kirchlichen Handelns ruft er hinein in die Innerlichkeit und ihre Geburtsstätte des Heils. Gewiß ist hier der Ausgangspunct alles christlichen Wesens und Lebens auf Erden. Aber es hieße doch Gottes Wege und Werk und sein Reich auf Erden falsch verengen, wenn man sich nur hierauf beschränken wollte. Beck macht das Christenthum einseitig innerlich und individuell. Er sieht nicht, daß das Reich Gottes einen Bestand hat auf Erden in der Kirche und in ihr auch eine Geschichte. Er ist geschichtslos, losgelöst von der Vergangenheit und von der geschichtlich gewordenen Gegenwart und dem geschichtlich gewordenen allgemeinen christlichen Bewußtsein der Gegenwart. Und wenn er anknüpft an Anderen, so sind es nur die Theologen der Bengelschen Schule. Als ob der heil. Geist nur in den paar Würtembergern Roos, Rieger u. s. w. sich bezeugt hätte, und als ob der Einzelne sich nichts zu kümmern brauchte um die Gesammtheit, in deren Gemeinschaft doch allein er das ist und bleibt, was er ist. In diesem geschichtslosen