# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1859_S140 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 140 Nothstand der evangelischen Kirche im Großherzogthum Hessen. pflegt, noch fortwährend dergleichen Artikel hat, worin von angeblichen romanisirenden Tendenzen, Muckerthum, Aberglauben vergangener Jahrhunderte ꝛc. gefaselt wird. Durch solche vielgelesene Blätter wird denn eine Agitation und Erbitterung unter dem Publicum, welches die Verhältnisse nicht beurtheilen kann und daraus sich sein Urtheil bildet, hervorgerufen. Diese Umstände benutzend haben auch dieselben Leute, welche vor einiger Zeit die Unglaubensadresse an Pfarrer Ewald ergehen ließen, nun eine Eingabe an den Großherzog in Umlauf gesetzt, worin gebeten wird, den Wünschen der Geistlichen nicht nachzugeben und vielmehr die Union allseitig durchzuführen. Außer dieser Petition ist übrigens, wie wir hören, auch noch eine solche von 9 lutherischen Geistlichen, die sich bei jener Eingabe aus formellen Gründen nicht betheiligen zu können glaubten, bei S. K. Hoheit eingereicht worden. Auch die gläubigen unirten Geistlichen, welche unsere Petition nicht unterschrieben, weil sie noch meinen, ohne sich auf den geschichtlichen, confessionellen Boden zu stellen, der traurigen Lage der evangelischen Kirche abhelfen zu können, werden vielleicht jetzt sich genöthigt sehen, etwas zu thun und wenigstens zu zeigen, daß ihr Unionsideal etwas ganz anderes ist, als was der große Haufe der Unionseiferer in Wirklichkeit will. In erfreulicher Weise hat sich doch — und das ist's wohl auch, was unsre Feinde so sehr in den Harnisch gebracht hat — jetzt herausgestellt, daß die kirchliche Partei in unsrem Lande nicht so klein ist, als Manche wähnten. Rechnet man hiezu noch diejenigen, welche zum Theil aus Verzagtheit, zum Theil aus persönlichen Gründen, was sie vor dem HErrn zu verantworten haben, trotz ihrer inneren Zustimmung bei unserem gemeinsamen Schritt zur Ehre unsrer bedrückten Kirche noch nicht mitgegangen sind, so ist wohl der vierte Theil der Geistlichen doch im Wesentlichen einig. Die Mehrzahl freilich ist, wie wohl noch überall, todt und unfähig zu begreifen, worum es sich handelt. Die sitzen noch in ihrem alten verdummenden Rationalismus, auf den sie nur mühsam einige Flicklappen von angelerntem Positivismus gelegt haben, um die Schande ihrer Blöße zu bedecken, etliche rücken auch wohl offen mit der Farbe heraus, auf die Protestantischen Kirchenzeitungsmänner sich stützend. Aber merkwürdiger Weise auch alle Rationalisten geben zu, daß die Verfassung unsrer Kirche eine selbstständigere, vom Staate unabhängigere sein sollte, wenn sie auch zum Theil vorzugsweise in einer Presbyterial- und Synodalverfassung das Heil erblicken. Und wer wollte bestreiten, daß sie nicht wenigstens einer büreaukratischen vorzuziehen? Sollte aber, was der HErr wohl in Gnaden verhüten wird, wirklich eine gewaltsame Durchführung der Union auch in den lutherischen Landestheilen (über die Hälfte) versucht werden, so dürfte sich vielleicht herausstellen, daß auch im Volke das lutherische Bewußtsein, theils noch traditionell vorhanden, theils neu gekräftigt in den erweckten Gemeinden, dem widerstrebt; und zahlreiche Austritte aus der Landeskirche würden erfolgen.