# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 02 08_S46 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 46 dahin kommen werde, daß unter allen, die sich Christen nennen, aller Streit und jeder trennende Irrthum aufhören und ein vollkommner äußerer Friede entstehen werde, das ist eine Frage, welche mit jenen Worten Christi in keiner Verbindung steht, denn darin ist eben nicht davon die Rede, was einmal unter den Christen geschehen solle, sondern: daß Japhet in den Hütten Sems wohnen (1 Mos. 9, 27.), daß nehmlich Christus auch die fernen Heiden herzurufen (Apost. 2, 39.) und aus ihnen und dem Volke des Alten Bundes Eine Heerde machen werde. Müssen die Evangelischen nicht selbst gestehen, wenn sie von dem einfachen Sinne der Worte Christi abgehen und dieselben auf eine noch zu erwartende Union aller christlichen Religionsparteien beziehen, daß sie sich in unauflösbare Schwierigkeiten verwickeln? Wen wollen sie denn dann für „die anderen Schafe“ halten, „die nicht aus diesem Stalle sind,“ wie Christus spricht? — Die Lutheraner? — oder die Reformirten? — Welche von beiden gehören denn nach ihrer Meinung noch nicht zu der wahren Kirche? Welche haben denn noch nicht Christi Stimme gehört? Welche haben Christum noch nicht zu ihrem Hirten? Nach der Anwendung, welche die Evangelischen von jener Stelle machen, müssen sie ja freilich entweder der einen oder der andern Partei, oder beiden es absprechen. Stehen sie also nicht mit sich selbst im Widerspruch, da sie dies sonst durchaus nicht thun wollen? — O, wie nöthig ist es doch, die Worte JEsu Christi erst in ihrem Zusammenhange recht sorgfältig zu betrachten, ehe man sie zum Beweise für seine vorgefaßte Meinung anführt! Wie gefährlich ist es, sie sogleich in dem Sinne zu nehmen, den sie bei der ersten flüchtigen Betrachtung zu haben scheinen! Und wie schwerlich kann man irren, wenn man sich ohne eigne Forschung in der heil. Schrift darnach richtet, wie man gewöhnt ist, eine Bibelstelle auslegen zu hören! Es ist freilich wahr, ein Unionsfreund darf nur seine Zuhörer die Worte hören lassen: „Es soll ja Eine Heerde und Ein Hirte werden,“ so kann er bei der jetzigen Unbekanntschaft der Leute mit dem Zusammenhange der Schrift darauf rechnen, daß die meisten Zuhörer das Wort in dem falschen Sinne sorglos annehmen, den er demselben unterlegt; aber die Gottes Wort also mißbrauchen und die Einfältigen dadurch irre machen, von denen wird's Gott fordern. Was übrigens die Hoffnung betrifft, daß in der letzten Zeit noch einmal ein herrlicher blühender Zustand der Kirche entstehen, ja wohl gar die ganze Welt, Juden und Heiden, bekehrt werden und die Kirche aus eitel Heiligen bestehen werde, so achten wir diese Hoffnung für eine schwärmerische, die alles klaren Schriftgrundes entbehrt. Denn die Bibel stellt uns Christi Reich auf Erden vielmehr als ein Creuzreich dar, sie beschreibt die letzten Zeiten als die allergreulichsten Zeiten, sie lehrt die Christen den Hereinbruch des jüngsten Tages jeden Augenblick erwarten und verspricht ihnen stets erst im Himmel und im ewigen Leben Ruhe. Weit entfernt daher, daß wir uns mit süßen Gedanken von einem nahen Flor des Reiches Gottes trösten und sicher machen und uns daher durch die Lichtengelsgestalten dieser letzten abfälligen Zeit täuschen lassen sollten, so bitten wir vielmehr den HErrn täglich, daß er uns auch jetzt bei seiner lauteren Wahrheit erhalten wolle, wo, so es möglich wäre, auch die Auserwählten in den Irrthum verführt werden möchten. Wir behalten es uns jedoch vor, zu anderer Zeit, so der HErr will, unsere Gründe ausführlicher darzulegen, warum wir die (chiliastischen) Hoffnungen nicht theilen, denen sich jetzt immer mehr hinzugeben scheinen, die noch an Gottes Wort zu glauben bekennen. (Fortsetzung folgt.) „Sündiget dein Bruder an dir, so gehe hin, und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Höret er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Höret er dich nicht, so nimm noch einen oder zween zu dir, auf daß alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund. Höret er die nicht, so sage es der Gemeine. Höret er die Gemeine nicht, so halte ihn als einen Heiden und Zöllner.“ Matth. 18, 15-17. „Jetzt zur Zeit — so schreibt Luther — sind ihrer viel, die die Kirchendiener, Pfarrherrn und Prediger beschuldigen, als sei der Bann (die Ausschließung der offenbaren Sünder aus der Kirchengemeinschaft) durch ihre Nachlässigkeit gefallen... Aber der Spruch und Befehl Christi (Matth. 18.) zeigt klar, man soll den Sünder insonderheit und heimlich zuvor vermahnen und warnen, ehe die, so im öffentlichen Predigtamt sind, den Sentenz (das Urtheil) fällen; und auch alsdann soll solcher Sentenz nicht eher öffentlich gefällt werden, es sei denn, daß ein öffentlicher Kirchendiener zuvor eine ernstliche und christliche Vermahnung gethan habe. Verachtet der Sünder dieselbe, und fährt in Sünden fort, will nicht aufhören, noch von Sünden ablassen, alsdenn soll man ihn öffentlich in Bann thun. Was hindert denn jetzt zu unsern Zeiten den Bann? Nichts, denn daß niemand in diesem Stücke thut, was einem Christen gebührt und zusteht. Du hast einen Nachbar, welches Leben und Wandel dir wohl bewußt und bekannt ist, deinem Pfarrherrn aber ist es entweder gar unbewußt, oder je nicht so wohl bewußt; denn wie kann er eines jeglichen Leben insonderheit wissen, wie es ist? Darum wenn du siehest, daß dein Nachbar durch unrechte Hantierung oder Handel reich wird; siehest, daß er Unzucht oder Ehebrecherei treibet, oder sein Gesinde unfleißig und nachlässig zeucht und regieret, so sollst du ihn ernstlich vermahnen und christlich verwarnen, daß er wollte seiner Seligkeit wahrnehmen und Aergerniß meiden. Und o wie gar ein gut heilig Werk hast du gethan, wenn du ihn also gewinnest! Aber, Lieber, wer thut es? Denn aufs erste ist die Wahrheit ein feindselig Ding; wer die Wahrheit sagt, dem wird man gram. Darum willst du lieber deines Nachbarn Freundschaft und Gunst behalten, sonderlich wenn er reich und gewaltig ist, denn daß du ihn wollest erzürnen und dir zum Feinde machen. Desgleichen, wenn der andere, dritte, vierte Nachbar auch also thut, so fället mit der ersten Vermahnung auch die andere und dritte in Brunnen, dadurch der Nächste hätte können wieder auf den rechten Weg gebracht werden, so du nur mit vermahnen thätest, was du pflichtig und schuldig bist. Zum andern, geschieht es auch darum, weil wir schier alle dergleichen Lastern unterworfen und damit beschmitzt sind; so fürchten wir, wenn wir das Stäublein aus des Nachbars Augen nehmen wollten, man möchte uns vorwerfen und sagen von dem Balken, der in unsern Augen hervorsteckt. Dies ist die rechte und fürnehmste Ursache, daß der Bann schier allenthalben gefallen ist, darum, daß der rechten Christen allenthalben wenig, und gar ein kleines Häuflein von geringer Anzahl ist. Denn so wir allzumal, wie es wohl recht und billig wäre, ja sein sollte, die rechte Gottseligkeit und Gottes Wort von Herzen lieb hätten, so würden wir des HErrn Christi Befehl größer und theurer achten, denn alle Güter dieses zeitlichen Lebens. Denn dies Gebot, den Bruder, der da sündiget, zu vermahnen und zu warnen, ist gleich so nöthig, als das: Du sollst nicht tödten; du sollst nicht stehlen ꝛc. Sintemal allhier, so du diese Vermahnung entweder aus Furcht, oder um einer andern Ursache willen, nachlässest, in Gefahr stehet nicht des Nächsten Leib und Gut, sondern seiner Seelen Seligkeit.“ (Luthers Werke. Halle. IV, Seite 2404—6.) Ueber denselben Gegenstand schreibt Augustinus: „Warum strafst du deinen Nächsten? Weil du erzürnt bist, daß er an dir gesündigt hat? Das sei ferne! Thust du es aus Eigenliebe, so thust du nichts. Thust du es aus Liebe zu ihm, dann thust du sehr recht. Du mußt es um seinetwillen thun, daß du ihn gewinnest.— Vernachlässigst du das, so bist du schlechter, denn er. Bedenke, er hat dir ein Unrecht zugefügt und sich dadurch selbst schwer verwundet: und du verachtest die Wunde deines Bruders? Du siehst ihn umkommen, und achtest es nicht? Du bist schlechter in deinem Schweigen, als jener durch sein Beschimpfen, womit er sich an dir versündigte. —Vergiß die Beleidigung, aber nicht die Wunde deines Bruders. Strafe ihn daher zwischen dir und ihm allein, indem du seine Besserung im Auge hast, mit der Beschämung aber ihn verschonest. Denn siehe, er möchte sonst vielleicht aus Scham seine Sünde zu vertheidigen anfangen, und indem du ihn bessern willst, machst du ihn so nur schlechter. — Wenn du es allein weißt, daß er an dir gesündigt hat, und du willst ihm vor Allen seine Sünde vorhalten, so bist du nicht ein Strafer, sondern ein Verräther.“ (Augustini Opp. Bas. T. X, fol. 69.) Hat es je eine Zeit gegeben, wo diese Klagen und Ermahnungen Luthers und Augustin's gegründet und nöthig waren, so ist es gewiß die unsrige. Denn wenn ist die von Christo den Christen vorgeschriebene Bestrafung des sündigenden Bruders weniger ausgeübt worden, als jetzt? Man sieht einen Bruder oder eine