# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1859_S114 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 114 Von der einem Prediger höchst nöthigen Vorsicht in seinem Wandel. jenigen Vorsicht nicht schweigen, die er in seinem Verhalten gegen das andere Geschlecht zu beobachten hat. Ihr Amt bringt sie in vielfachen Verkehr mit dem weiblichen Geschlechte, den sie unmöglich umgehen können; der Satan ist geschäftig, das Fleisch wüthet und ach! wie leicht ist in einer bösen Stunde ein schwerer Fall geschehen! Wie mancher Prediger hat, von Satan und Fleisch verführt, schon Ehre und guten Namen, Amt und gut Gewissen, ja sein Leben verloren, welches sich selbst zu nehmen ihn die Verzweiflung trieb! Man wende nicht ein: solche Männer haben wohl nie im Glauben gestanden; sonst würde es nicht dahin mit ihnen gekommen sein. Mag sein, daß Manche von ihnen Ungläubige oder Heuchler waren ihr Lebenlang; allein wer mag behaupten, daß nicht auch im Glauben Stehende der schnöden Fleischeslust zur Beute fallen können? Ist dem Prediger irgendwo Vorsicht zu empfehlen, so ists in seinem amtlichen oder geselligen Umgang mit Personen des andern Geschlechts, sei es, damit er sich selbst keine Versuchung bereite oder damit er durch ein vielleicht unschuldiges, aber doch allzu freies Benehmen dem Lästerer keinen Raum gebe, lügenhafte Gerüchte über ihn auszustreuen, die leicht geglaubt werden, aber schwer mit Erfolg zu widerlegen sind. Haben wir bisher vom Meiden des wirklich Bösen geredet, es bleibt uns noch übrig, auch vom Meiden des Scheins des Bösen zu reden und vielleicht ist die Empfehlung der Vorsicht hierin um so nöthiger, je sorgloser mancher Prediger bei seinem guten Gewissen, das sich nichts Böses bewußt ist, sich seiner Freiheit bedient. Das Capitel vom Meiden des bösen Scheins und dem Verzichten seiner Freiheit aus Rücksicht gegen die Schwachen ist allein in der christlichen Moral zu finden, in der heidnischen wird man es vergeblich suchen. Die Marime des Unchristen ist: thue recht und scheue Niemand, die des Christen: ich habe es alles Macht, aber es frommt nicht Alles. Predigern ziemt vor allen diese paulinische Vorsicht im Gebrauch seiner Freiheit und diese mütterliche Sorgfalt gegen die Schwachen selbst zu üben, welche sie andern predigen sollen. Oder sollte einem Diener Christi, der sein ganzes Leben dem Dienste Christi und seiner Kirche zugesagt hat, so ihn anders die Liebe Christi dringet, dieß eine allzu schwere Aufgabe sein, im Gebrauch der erlaubten Mitteldinge sich selbst Schranken zu setzen, damit er ja dem Evangelio Christi kein Hinderniß mache? In die Kategorie der Mitteldinge gehören besondere Arten von Kleidung, Moden, gewisse gesellschaftliche Erholungen, gewisse eigenthümliche Weisen zu leben, sich zu tragen u. s. w. Wer darf mir z. B. vorschreiben wollen, was für einen Rock oder Hut ich tragen, ob ich mir einen Bart wachsen lasse oder nicht, nach welcher Mode meine Frau und Kinder sich kleiden, oder welche Person ich heirathe? u. s. w. Allein ein seines Herrn Ehre und seiner Kirche Bestes über alles suchende Prediger wird auch hier St. Pauli Wort: ich habe es alles Macht, aber es frommt nicht alles, zur Richtschnur seines Wandels machen. Das Urtheil der Leute soll allerdings mein Gewissen nicht beherrschen; es soll mir ein Geringes sein lassen, ob ich von jemand gerichtet werde oder einem menschlichen Tage; doch mit der Beschränkung, daß ich stets im Auge behalte, was frommt und dem