# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1859_S112 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 112 Von der einem Prediger höchst nöthigen Vorsicht in seinem Wandel. Vermöge des uns allen angebornen Erbübels leidet ein jeder an gewissen Temperamentssünden, welche auch nach der Wiedergeburt nicht nur noch übrig bleiben, sondern auch mit vorzüglicher Kraft den Wiedergebornen anfechten und auf sein ganzes Leben einen großen Einfluß ausüben. In dem einen hat sich seinem Temperamente gemäß vorzugsweise der Zorn mit den ihm verwandten Sünden ausgeprägt. Wenn nun diese sündliche Neigung nicht sorgfältig im Zaum gehalten wird durch die züchtigende Gnade Gottes, so wächst sie zur Gewohnheit und zur Regel seines Aus- und Eingehens in der Kirche. Daher wird er einmal übers andere bei jedem Widerspruche aufbrausend, launenhaft, leidenschaftlich erregt besonders, wenn er eine gerechte Sache vertritt, kurz angebunden, braucht gerne scharfe, harte Worte, vergißt fast regelmäßig der Geduld und Billigkeit, versteht nie die Kunst, wunderliche und harte Köpfe zu tragen, macht von dem Sprüchworte: auf einen harten Klotz gehört ein harter Keil, nur allzu reichlich Gebrauch. Die nächste Folge eines solchen Verhaltens wird sein, daß er sich das Vertrauen der Leute verscherzt, die Herzen sich entfremdet, die Blöden einschüchtert, die Gemüther erbittert und das Ende wird Trennung und Spaltung der Gemeinde sein. Und was sagen die Feinde dazu? Da sehet ihr, was für störrige, stolze Leute jene altlutherischen Fanatiker sind, mit denen Niemand auskommen kann! Das sind die unausbleiblichen Folgen des strengen Lutherthums! So leihet der, vielleicht es sonst wohlmeinende, Mann dem Teufel seine Hand, die Kirche zu verwüsten und den lutherischen Namen stinkend zu machen. Sich selbst nicht genug kennend, verwechselt er Leidenschaftlichkeit mit göttlichem Zorn und heiligem Eifer ums Haus Gottes. Es sei ferne von mir, einen göttlichen Eifer dämpfen zu wollen; aber die Eifernden zu Vorsicht und sorgfältiger Selbstprüfung zu veranlassen, scheint Schreiber nicht überflüssig zu sein, der mit Beschämung an die ersten Jahre seiner Amtsführung zurückdenkt, in welcher er durch Mangel an ausdauernder Geduld und Lindigkeit manch großes Versehen begangen hat. Ein anderer ist vermöge seines Naturells zum Stolz und Sünden dieser Gattung überwiegend geneigt. So lange diese Sünde erkannt und unter der Zucht des Geistes gehalten wird, kann sie nicht herrschen und Schaden thun, ja sie wird dem Prediger, der sie fühlt, desto öfter in den Beichtstuhl und zum Vater Unser treiben; je weniger sie aber erkannt wird, desto größer ist die Gefahr, daß es eine Gewohnheitssünde werde. Keine Sünde aber ist einem Prediger schädlicher und unanständiger, als Stolz und Ehrgeiz. Ein ehrgeiziger Prediger setzt lieber den Frieden der Kirche aufs Spiel, als daß er seine vermeintliche Amtsehre ein wenig verleugnete oder von seiner Meinung weicht. Um so schädlicher ist der Ehrgeiz, je größer die Gaben sind, mit denen diese Person ausgestattet ist oder je höher die Stellung ist, die sie in der Kirche einnimmt. Ehe ein ehrgeiziger Mann sich zum Eingeständniß eines Irrthums oder sonstigen Versehens bereit fände, lieber läßt er die Einigkeit des Glaubens in Trümmern gehen; ja vom leidigen Ehrgeiz getrieben, läßt er sich zu Behauptungen hinreißen, die er vielleicht früher als die ärgsten