# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1859_S111 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Von der einem Prediger höchst nöthigen Vorsicht in seinem Wandel. 111 Es leuchtet von selbst ein, mit welch ängstlicher Vorsicht, ja mit welcher Furcht und Zittern ein Prediger über seinen Wandel und sein ganzes Leben wachen muß und wir fürchten daher nicht, daß einer unserer Amtsbrüder unsere brüderliche Vermahnung für unberechtigt oder überflüssig halten wird, auch wenn wir ihm nichts Neues oder was er nicht schon zur Genüge wüßte, zu sagen vermögen. Wem von uns ist nicht noch in frischem Andenken das entsetzliche Aergerniß, welches vor nun gerade 20 Jahren ein Mann anrichtete, der seiner Zeit als eine Säule der lutherischen Kirche galt, ein Mann, der während der Periode des allgemeinen Abfalls vom Glauben unbeweglich fest auf seinem Posten stehend, treulich vom rechten Weg zur Seligkeit gezeugt und gewiß Viele zur Gerechtigkeit gewiesen hatte? Und siehe, er that einen Fall, von dem zwei Welttheile wiederhallten. Jenes Mannes Fall wäre ein psychologisches Räthsel, wenn wir nicht aus dem göttlichen Worte wüßten, daß der Abfall von Christo unzähliche unsichtbare, geheime, entferntere und nähere Anfänge, Vorbereitungen und Stufen hat, in denen er empfangen, geboren und vollendet wird. Aus einem die Wachsamkeit unterlassenden wird ein vermessener, aus einem vermessenen ein fauler Christ, aus einem Faulen ein Heuchler, aus einem Heuchler ein Ketzer und offenbarer Feind der Wahrheit. Es wäre uns jener Fall ein Räthsel, wenn wir nicht wüßten, wie der Teufel absonderlich den Predigern nachstellet, sie zum Falle zu bringen; denn wenn er einen Prediger fället, so fället er oft Tausende. Und wollte Gott, jener unglückselige Mann wäre ein allein dastehendes Exempel der Warnung! Allein leider könnte eine ganze Reihe solcher Subjecte genannt werden, welche in diesen letzten 20 Jahren als Schandflecken des christlichen Namens und Predigtamts offenbar worden sind; und auch unsere Synode hat ihr proportionirtes Contingent dazu geliefert. Ob sie alle, wie wir bei jenem erwähnten Mann anzunehmen allen Grund haben, zu Christo bekehrt und Gefäße des heiligen Geistes gewesen und also im wirklichen Sinne gefallen sind, wissen wir nicht und lassen es dahin gestellt sein; aber soviel ist außer Zweifel, daß sie, weil sie den Begierden des Fleisches die Zügel ließen, Knechte des Verderbens wurden. O lasset uns, geliebte Brüder, im Angesichte solcher betrübten Fälle, wachen über uns selbst und ja nicht den vermessenen Gedanken Raum geben, als stünden wir so fest, daß wir nicht ähnliche Fälle thun könnten. Der Vermessene ist dem Falle der Nächste. Betet, ach betet täglich, daß uns Gott nicht in Versuchung führe; betet auch für alle unsere Brüder im Amte, die hin und her in der Welt zerstreuet, des Satans Zielscheibe sind, daß sie nicht von ihm übervortheilt werden mögen. Doch ich habe nicht bloß solche grobe, augenfällige Aergernisse im Auge; es schwebet mir vielmehr eine Menge versteckter, minder auffälliger Sünden vor, welche dennoch dem Amte des Evangelii hindernd, seine Wirksamkeit schmälernd, den Wohlstand christlicher Gemeinden vielsach hemmend, ja gefährdend in den Weg treten, wenn sie nicht zu rechter Zeit unter die Zucht des Geistes gebracht werden.