# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1859_S110 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 110 Von der einem Prediger höchst nöthigen Vorsicht in seinem Wandel. hüten, Aergerniß zu geben. Wenn sie, die den Namen Christi bekennen, für Bekenner Christi vor der Welt angesehen werden, einen solchen Wandel führen, der mit ihrem eigenen Bekenntniß im Widerspruch steht oder sogar den Grundsätzen eines ehrbaren Heiden widerstreitet, das ist das schwere, zwiefache Verbrechen, durch welches das Amt des Evangeliums verlästert wird. Das Evangelium ist ein Licht, auf einen hohen Leuchter gestellt, wer es bekennt, der stellt sich auf eben dieselbe hohe Stelle, von welcher aus er von Jedermann, von Freund und Feind gesehen wird. Auf Niemand aber sieht die Welt mit schärfern Augen, als auf die Christen, um an ihnen etwas zu entdecken, was sie tadeln können. Ihre Tugenden sucht sie zu verkleinern, ihre Gebrechen zu vergrößern und ihre Laster dem Evangelio zur Last zu legen und um der ersteren willen das letztere zu verlästern. Wiewohl es nun ein höchst ungerechter Schluß ist, die Schuld der Personen dem Evangelio beizumessen, so begehen dennoch diejenigen eine schwere Sünde, welche zu solchem ungerechten Schluß Ursache geben. Sie begehen mit jeder Sünde eine zwiefache Sünde, einmal, daß sie wider eins der Gebote Gottes handeln, zum andern Male, daß sie den Namen Gottes verlästern machen, werden daher auch sonder Zweifel eine zwiefache Verdammniß empfangen. Das eben Gesagte legt einem jedweden Christen die heilige Verpflichtung auf, zwiefach vorsichtig in allem seinem Wandel zu sein, nicht nur, damit er für seine Person nicht Gottes Gericht sich selbst häufe, sondern auch damit er dem heiligen Evangelio keine Schmach bereite. Diese Vorsicht fordert theils das Meiden des wirklich Bösen, theils das Meiden des Scheins des Bösen oder solcher Handlungen, die zwar an sich selbst keine Uebertretung eines ausdrücklichen Gebots in sich schließen, doch aber von schwachen Christen als sündliche Handlungen angesehen werden. Was nun allen Christen insgemein gesagt ist: lasset uns Niemand irgend ein Aergerniß geben, das ist dem Prediger des Evangelii in gesteigertem Maße gesagt. Sie stehen auf einer hohen Warte, von der aus sie von jedermann gesehen werden. Sie sollen sein ein Salz der Erde, ein Licht der Welt. Sie sollen das Reich Christi fördern namentlich durch gesunde Lehre, dann aber auch durch ein unsträfliches Leben. Obwohl gesunde Lehre das erste und vornehmste Erforderniß eines Predigers ist, so ist doch das unsträfliche Leben keineswegs als eine Nebensache gering anzuschlagen. Durch Lehre haben sie die Aufgabe, die Nothwendigkeit des rechtschaffenen Christenthums nach Glauben und Liebe darzustellen; durch ihr Leben sollen sie die Möglichkeit und Wirklichkeit desselben ihren Zuhörern beweisen. Wenn Lehre und Leben eines Predigers nicht zusammen stimmet, so kanns nicht anders geschehen, als daß er mit der einen Hand niederreißet, was er mit der andern bauet. Aus diesem Grunde hat auch St. Paulus so hohe Ansprüche an das Leben eines Bischofs gemacht, wie er zum Timotheus und Titus thut. Wenn ein sogenannter Laie durch sträfliches Leben ein Aergerniß gibt, so richtet ein Prediger ein zehn, hundert, ja tausendfaches an und wie groß, meinet ihr, wird seine Verdammniß sein?