# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1859_S84 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 84 Wie soll sich ein Seelsorger am Krankenbette seiner Gemeindeglieder verhalten? Seele ihrem Gott gedient und seine Ehre gesucht hätten; ob sie gegen keinen Menschen Feindschaft hegen oder doch gehegt hätten; ob sie wirklich ihren Nächsten so wie sich selbst geliebt und lieber seinen Nutzen als den eigenen ge⸗ sucht und gefördert hätten. Solche und ähnliche Gesetzesfragen, die ins Gewis⸗ sen gehen, machen den selbstgerechten Kranken entweder kleinlaut und verzagt, so daß nun der Weg zu wahrer Buße angebahnt worden ist, und man dann, wenn das Herz klein, demüthig, gering und verzagt an sich selbst geworden ist, das Evangelium mit seinem süßen Trost anwenden kann: oder es schei⸗ nen diese Gewissensfragen das Herz des Kranken nicht anzurühren, und er bleibet in der Selbsttäuschung gefangen, er habe den rechten Glauben und einen gnädigen Gott, und werde gewißlich selig werden. Findet das Letz⸗ tere Statt, so wird die Liebe, die nicht müde wird, noch zweierlei versuchen, nämlich zuerst gesprächsweise auszulegen, was eigentlich Glauben heiße. Glauben, an Christum glauben, heiße nämlich noch nicht dies, daß man ein getaufter Christ sei, sich zu Gottes Wort gehalten, die Kirche besucht, das heilige Abendmahl gebraucht, auch wohl rechtschaffen und ehrlich vor der Welt gelebt habe: sondern an Christum glauben heiße, auf Jesum Christum, als den alleinigen Heiland der Sünder sein alleiniges Vertrauen, Trost und Zuversicht setzen durch die Kraft des heiligen Geistes. Wo dieser Glaube im Herzen lebt, da verzaget man an sich selbst und allen seinen Werken, er⸗ kennet und bereuet aufrichtig und herzlich seine Sünden und thut rechtschaffne Früchte der Buße, und zwar nicht um der ewigen Strafe der Hölle und des Zornes Gottes zu entgehen, sondern aus Liebe zu Christo, der es sich so sauer werden ließ, uns von unsern Sünden zu erlösen. Durch diesen Glauben empfängt der Mensch den Geist Christi, von welchem er sich führen, leiten und regieren läßt, so daß der Mensch der Welt abstirbt, und mit seinem Vertrauen in Freud' und Leid fest an Christo hält, und sich zu ihm Alles Guten versiehet, also daß der Mensch in guten Tagen nicht übermüthig, in bösen Tagen nicht verzagt, sondern geduldig ist; auch daß Spott und Hohn von Seiten der Welt ihn nicht müde mache, Christo das Kreuz nachzutragen, vielmehr gern und willig mit Christo hier Alles zu leiden, um dereinst ewig mit ihm herrschen zu können, und endlich auch Alles, Hab und Gut, Leib und Leben, wenn es erfordert würde, für den HErrn hinzugeben, der sich nicht zu hoch achtete, aus großer Liebe sich selbst zum blutigen Opfer am Kreuz für uns hinzugeben. Nach solcher Beschreibung des wahren lebendi⸗ gen Glaubens stürzen wohl die Säulen der Selbstgerechtigkeit zusammen, und wird man wohl auf die Frage an den Kranken, ob er solchen Glauben gehabt und als ein wahrhaft wiedergebornes Kind Gottes seinen Glauben bewiesen habe, ein kleinlautes: „Nein, solchen Glauben habe ich nicht ge⸗ habt“, zur Antwort erhalten. Und hierauf, vielleicht wenn es sich thun läßt bei einem späteren Besuch, kann man das zerschlagene und nun seiner Selbst⸗ gerechtigkeit durch Gottes Gnade entkleidete Herz mit dem süßen Evangelium trösten, welches uns die Liebe und Erbarmung des Sünderfreundes so herr⸗ lich offenbart.