# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1859_S83 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Wie soll sich ein Seelsorger am Krankenbette seiner Gemeindeglieder verhalten? 83 Dabei kann es sein, und findet sich oft, daß ein solcher Mensch ziemliche Er⸗ kenntniß des Heilsweges besitzt; er weiß, daß Gottes Zorn und Fluch wegen der Sünde der Menschen Erbtheil sei; er weiß, daß Christus unsere Sün⸗ den gebüßet und bezahlet habe, und wir mit unsern Werken die Gerechtig⸗ keit vor Gott nicht erlangen können, — und bei dieser Erkenntniß, die er be⸗ sitzt, ist er vielleicht ein fleißiger Kirchenbesucher, er geht zu seiner Zeit zum h. Abendmahl, ja gibt auch von dem Seinen vielleicht reichlich zu diesem und jenem guten Werke: und dennoch ist sein Herz nicht rechtschaffen vor Gott, dennoch ist er kein Christ, sondern ein Heuchler, ein Scheinweizen, der Form und Gestalt des guten Weizens wohl besitzt, aber keine Körner in der Aehre hat. Wer sollte das glauben? Menschen können durch solchen Schein der Gottseligkeit wohl betrogen werden; denn sie sehen nur auf das, was vor Augen ist, sie sind keine Herzenskündiger. Doch aber geschieht es nicht sel⸗ ten, daß solche selbstgerechte Menschen ihres Herzens Grund offenbaren, ent⸗ weder, daß sie ein großes Vertrauen auf eigene Kraft setzen, oder mit Her⸗ zenserfahrungen gar schnell bei der Hand sind, die sie mit sichtlichem Wohl⸗ behagen Andern zum Besten geben und dem Seelsorger auch gern erzählen, um ihm eine Verwunderung abzugewinnen, oder daß sie in der schon erlitte⸗ nen Unbill von Seiten der Welt wegen ihres furchtlos bekannten Glaubens sich gern spiegeln; oder daß sie auf dem Krankenbette, ohne daß man doch ein eigentliches geistliches Leben bei ihnen verspüren kann, mit großer Gewiß⸗ heit von ihrer Seligkeit sprechen, und dergleichen. Es fällt mir hierbei nicht ein, irgend einem Kinde Gottes zu nahe zu treten, und es zu einem Selbst⸗ gerechten Pharisäer zu stempeln, selbst wenn ganz ähnliche Erscheinungen wegen Schwäche des Glaubens, die auch ein wahrer Christ noch an sich trägt, sich bei ihm vorfinden sollten; und es muß gewißlich hier ein Seelsorger ernstlich um Erleuchtung des heiligen Geistes bitten, um in der Behandlung des seiner geistlichen Pflege befohlenen Kranken das Rechte zu treffen, und so an seinem Theile seinem Berufe und Amte genug zu thun. Es lehrt aber die Erfahrung, wie viel schwerer es ist, Selbstgerechte zur demüthigen Er⸗ kenntniß ihres erbsündlichen Verderbens und ihrer großen Nichtigkeit, als Sichere, vielleicht bisher in groben Sünden gelebte Menschen zur Anerken⸗ nung und Bereuung ihres tiefen Verderbens zu bringen. Ist aber der Seelsorger überzeugt, daß der Kranke ein selbstgerechter Mensch sei, so ist es nöthig, daß er demselben, soviel es sein Zustand erlaubt, Gottes großen Ernst und heiligen Abscheu gegen die Sünde und unser erb⸗ sündliches Verderben vor Augen male, der selbst seines eigenen Sohnes nicht verschonete, sondern ihn, der doch keine eigene Sünde hatte, als er unsere Sünde trug, seinen ganzen Zorn empfinden ließ, der also nach seiner Ge⸗ rechtigkeit vielmehr gegen uns seinen so gerechten Zorn erzeigen sollte, die wir gar viel eigene Sünden haben, ja gar oft mit Lust gesündigt und seine heiligen Gebote muthwillig aus den Augen gesetzt haben. Und dabei wird man sich bei solchen Menschen besonders auch an ihr Gewissen wenden, das sie am besten überzeugen kann, ob sie von ganzem Herzen und von ganzer