# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1859_S82 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 82 Wie soll sich ein Seelsorger am Krankenbette seiner Gemeindeglieder verhalten? aus keine Kissen unter die Arme und Pfühle zu den Häupten fauler Prediger hat legen wollen, sondern er zeigt nur an, wohin treue Prediger zu wirken haben, und wie sie ihre Gemeindeglieder zur Seligkeit erziehen sollen, damit wenn Noth und Tod plötzlich hereinbrechen sollte, sie mit fröhlichem Glauben ihrem Gott und HErrn ihre Seele befehlen könnten. Es wäre deshalb fleischlich, wenn ein Prediger diese Worte Dr. Luthers zur Schmü⸗ ckung seiner Faulheit in der Privatseelsorge gebrauchen wollte, zumal wenn er bemerkt, daß Verwahrlosung des Verstandes und der Geisteskräfte ein gut Stück Schuld an der Fruchtlosigkeit der öffentlichen Predigt ist. Da wird man aber sicherlich sich mit dem Geringsten der christlichen Erkenntniß begnü⸗ gen müssen, und wäre es nicht weislich gehandelt, wenn man z. B. ein Auf⸗ sagen auch nur des Textes des Catechismus unbedingt fordern wollte, ehe man das h. Abendmahl solchen kranken Personen zu geben sich bereit erklärte. Es sei vielmehr genug, wenn sie von Herzen erkennen und bekennen, daß sie arme Sünder seien, die Gottes Zorn und Ungnade, zeitlichen Tod und ewige Verdammniß verdient haben mit ihren vielen Sünden, die sie von Jugend auf gethan, und daß sie wissen, Christus, der Sohn Gottes, sei für sie gestorben, und sie wollten gern selig werden; daß ihnen auch Christus im h. Abendmahl durch seinen Leib und Blut Vergebung der Sünden schenken wolle. Es ist wohl kaum nöthig zu bemerken, daß jedoch hierbei von Seiten des Seelsorgers mit keiner Leichtigkeit gehandelt werden dürfe, sondern daß er, so viel wie möglich, sich Mühe gebe in recht einfältiger und herzlicher Weise durch das Gesetz Erkenntniß der Sünden nebst Reue und Leid über dieselbi⸗ gen, und durch das Evangelium Glauben und Vertrauen auf Christum zu wirken. Und sind es Leute die sich sagen lassen, so wird Gott der HErr auch gewiß seinen Segen dazu geben. Diesen Sichern sind die Selbstgerechten in gar vielen Fällen höchst ähn⸗ lich. Selbstgerechte sind eigentlich auch Sichere; und die meisten Sichern gehören auch in die Klasse der Selbstgerechten. Es ist das ja unter vielen andern auch eine traurige Folge unsers erbsündlichen Verderbens, daß neben der fleischlichen Sicherheit, wobei der Mensch gleichgültig über Gott und sein Wort, und über sein eigenes ewiges Heil leichtsinnig und stumpf in den Tag hineinlebt, als wenn Gott keinen heiligen Ernst besäße, und die Sünde keine Scheidewand zwischen ihm und uns Menschen bildete; ja als wenn der Begriff „Sünde“ nur eine Erfindung hirnverbrannter Köpfe wäre, um den kennen zu lernen am eigenen Herzen verschrobene Köpfe vorausgesetzt werden müßten, und so mit Himmel und Hölle, Ewigkeit und Gericht höchstens poetische Phantasien zur Kurzweil oder erfundene Mittel zur Knechtung der Gemü⸗ ther seien, — auch die erschrecklichste Selbstgerechtigkeit im sündlichen Men⸗ schenherzen Raum genommen hat. In hochmüthiger Ueberschätzung seiner selbst, macht der Mensch durch diese Sünde der Selbstgerechtigkeit sich selbst zu Gott; sich selbst sucht er in seinen Werken, an seiner Ehre ist ihm mehr gelegen als an Gottes Ehre, und steht doch dabei in dem erschrecklichen Wahne, daß Gott ihm gnädig sei und dessen Wohlgefallen auf ihm ruhe.