# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1859_S67 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Von der Kirchensprache. 67 Unwahre dennoch Wahrheit." (Opp. Hal. X, 1376. ff.) Hierher gehört das alte Sprüchwort: Duo cum dicunt idem, non est idem, d. i.: Wenn zwei dasselbe sagen, so ist es nicht (darum immer) dasselbe. Unter einer orthodoxen Redeweise kann leicht Heterodoxie und unter einem heterodoxen Ausdruck orthodoxer Sinn verborgen liegen. Und wer ist es endlich, der, wenn er von den hohen Geheimnissen der göttlichen Offenbarung redet, immer das rechte Wort fände, ob er auch davon den rechten Glauben im Herzen trägt? „Wir fehlen alle mannigfaltiglich. Wer aber auch in keinem Wort fehlet, der ist ein vollkommener Mann." Jak. 3, 2. Täglich betet daher die ganze Kirche: „Vergib uns unsere Schuld." Selbst Augustinus, der große Dialektiker, der zugleich die Sprache in seiner Gewalt hatte, wie wenige Sterbliche, schreibt von sich: „Vielleicht will ich nicht würdig, wie zu reden ist; und doch kann ich nicht (einmal) so reden, wie ich will; wie viel weniger, wie zu reden ist!"*) Will übrigens ein zanksüchtiges Gemüth sich auf Logomachieen legen, so „kann man" freilich, wie die Apologie sagt, „nicht so deutlich (circumspecte, vorsichtig) reden, böse Zungen können's verkeh⸗ ren." (S. den Artikel von der Kirche, zu Anfang.) So stark nun das Gesagte alles gegen jene inquisitorische, ketzerriecherische Wortklauberei spricht, die in der Kirche zuweilen eine große Rolle gespielt und unsägliches Unheil gestiftet hat, so wäre doch der daraus gezogene Schluß falsch, daß also die Art und Weise, von den Gegenständen des Glau⸗ bens zu reden, völlig gleichgültig sei, so man nur einen rechtgläubigen Sinn mit den gebrauchten Worten verbinde. Daß auch die Art und Weise zu reden von hoher Wichtigkeit sei, zeigt die Geschichte der Kirche so klar und deutlich, daß dies niemand, der mit der⸗ selben nur einigermaßen bekannt geworden ist, leugnen kann. Die Wurzel aufgekommener Irrlehren ist nur zu oft offenbar nichts anderes, als die ver⸗ kehrte Ausdrucksweise gewesen, deren christliche Lehrer in Betreff wichtiger christlicher Begriffe sich bedienten. Nicht nur von Ketzern gilt der bekannte Hexameter: Nomina qui fingit, simul et nova dogmata gignit", d. i.: Wer neue Worte erdichtet, gebiert zugleich auch neue Glaubensartikel — selbst für rechtgläubige Lehrer enthält dieser Vers eine von ihnen, und zwar zu gro⸗ ßem Schaden der göttlichen Wahrheit, und somit der Kirche, nicht immer be⸗ achtete Warnung. Die Geschichte zeigt uns, daß viele ursprünglich im besten Sinne genommene, aber unangemessene Ausdrücke, z. B. der Ausdruck Prie⸗ ster und Klerikus für Kirchendiener oder Pastor, der Ausdruck Opfer für das heilige Abendmahl, der Ausdruck Verwandlung für die Veränderung, welche mit den gesegneten Elementen im Sacrament des Leibes und Blutes Christi vorgeht, der Ausdruck Stuhl Petri für das römische Pfarramt und „Ecclesia principalis" für die Kirche der Hauptstadt des Reichs, der Ausdruck Landesbischof für bürgerliches Oberhaupt der Glieder der Lan⸗ *) „Forte non digne volo, quomodo dicendum est; nec sic tamen possum di⸗ cere, quomodo volo; quanto minus, quomodo dicendum est!" Expos. in Joh. 1. Opp. IX, 43.