# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Februar 1859_S39 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Vorwort zu Jahrgang 1859. 39 Theologen, welche jetzt für Säulen angesehen werden, fast gänzlich geschwunden. Fast gibt es keine Lehre, von welcher man nicht glaubte, daß sie einer besseren Darstellung bedürftig sei, als sie von unseren Vätern erhalten hat. Selbst die Lehre von Gott, von Christo, von Kirche, von Amt, von den Sacramenten, von Himmel und Hölle und überhaupt von den letzten Dingen ꝛc. soll unsere Kirche bisher theils unentwickelt gelassen, theils sehr gebrechlich dargestellt haben. Einige wenige Beispiele mögen unsere Anklage erhärten. Thomasius will in seiner Dogmatik („Christi Person und Werk") erstlich die Lehre der ganzen alten lutherischen Kirche von Gottes Eigenschaften reformiren. „Wir sehen," schreibt er am Schlusse seiner Darstellung der Lehre der lutherischen Dogmatiker von Gottes Eigenschaften, „wir sehen, die ältere Dogmatik läßt es in der Schwebe, ob die Eigenschaften Bestimmtheiten oder Offenbarungsweisen oder blos subjective Auffassungen des göttlichen Wesens ausdrücken."*) I, 42. Um sich nehmlich den Weg zu seiner Lehre von Christi Person zu bahnen, leugnet er die von unseren alten Dogmatikern so vortrefflich nachgewiesene Simplicität Gottes und daraus hervorgehende Identität der göttlichen Eigenschaften mit dem göttlichen Wesen. Wie wesentlich Thomasius mit Delitzsch und Hofmann insonderheit in der Lehre von der Person Christi von dem Vorbild der Lehre unserer Kirche abgeht, haben wir bereits im October⸗Heft des vorigen Jahrgangs dieser Zeitschrift uns belegen lassen. Mit ihrer vermeintlichen nothwendigen Weiterentwicklung der Lehre von Christi Person stehen die Erlanger Theologen übrigens so wenig allein, daß sie hierin vielmehr einem immer allgemeiner werdenden Zuge der neueren sogenannten gläubigen Theologie folgen. Der unirte, ursprünglich reformirte, hessische Theolog Georg Reich schreibt in seiner Schrift: „Die Lehrfortbildung" (Hamburg und Gotha bei Perthes, 1847): „Während die reformirte Kirchenlehre dabei stehen geblieben ist, die Zweiheit der Naturen ohne innere Vermittlung neben einander aufrecht zu erhalten, und nur eine nominelle Mittheilung der beiderseitigen Eigenthümlichkeit an die Person statuirt (per alloeosin); ist die lutherische dazu fortgeschritten, eine reale Mittheilung durch Uebertragung der Eigenschaften der einen Natur an die andere (communicatio idiomatum) zu construiren, und hat damit die Lösung der Aufgabe, die Person Jesu ihrem inneren Wesen nach begrifflich zu beschreiben, um ein Bedeutendes gefördert. Allein auch sie ist vor allem darin noch ungenügend, daß sie diese Communicatio nicht durchaus, sondern nur einseitig vollzieht, die Eigenschaften der göttlichen Natur zwar an die menschliche mitgetheilt, aber diejenigen der letzteren nicht zugleich auch, beschränkender Weise, als *) Höchst ärgerlich klingt es aus dem Munde eines lutherischen Professors, wenn er, wie Thomasius hier und anderwärts wiederholt thut, wo er von der Lehre unserer erleuchtesten Väter abgehen zu müssen glaubt, dieselben damit kurz abfertigt, daß sie hierin wieder den Scholastikern gefolgt seien, ohne die Consequenzen solcher scholastischen Bestimmungen zu sehen. Wollte Gott, es gäbe in unseren Tagen nur Einen Theologen, der den Organismus der christlichen Lehren so klar und so tief durchschaute und das Alterirende so schnell merkte, als früher in besseren Tagen unserer Kirche ganze Schaaren.