# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 08 02_S208 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) und den Geiſt der Kindſchaft gegeben hat. Das iſt der neue Lebenskeim im Menſchen —der Glaube: ich bin verſöͤhnt, mir iſt all' meine Schuld erlaſſen, Gott iſt mein Vater wieder mit der ganzen Vater⸗ liebe, ich darf nicht Tod, noch Gericht, noch Ver— dammniß fürchten, mir iſt das Erbrecht auf das ewige Leben geſchenkt — in Chriſto IEſu, mei⸗ nem HErrn. Da bricht aus dem ſeligen Herzen die Dankbarkeit hervor; da treibt es mit heiliger Macht, den Gott wieder zu lieben und ihn mit Herz und Mund und Wandel zu preiſen, der uns ſo hoch begnadigt hat in ſeinem Sohne (vergleiche Luc. 7, 47.). — Iſt aber der Mittler weg, ſo bleibt die Kluft zwiſchen Gott und uns, die unſere Ueber⸗ tretung geriſſen (Jeſ. 59, 2.), das Herz in ſeiner Tiefe iſt ſcheu vor Gott und ſucht ſein zu vergeſ⸗ ſen; iſt die Verſöhnung weg, ſo iſt die wahre Liebe Gottes, ſo iſt das wahre Leben weg. Ihr könnet aus dieſem und jenem Beweggrunde, wie oben zugelaſſen, eine äußerliche Rechtſchaffenheit und Wohlanſtändigkeit zeigen und gute Werke vor den Menſchen thun; aus dem rechten heiligen Grunde geht das aber nicht hervor, und darum iſt's auch nicht gut und wohlgefällig, und kann's nicht gel⸗ ten vor Gott. Uebrigens iſt es begreiflich, ja ſehr natürlich, wenn doch häufiger aus dem un⸗ verneuerten Herzen auch des alten Adams Werke hervorkommen, wenn der Menſch ſich gibt, wie er iſt; und wirklich lehrt die unleugbare Erfahrung, daß mit dem Verluſt des Offenbarungsglaubens im Allgemeinen auch die Verſchlechterung der Sit— ten Hand in Hand geht. Man ſchaue einmal prüfenden Blickes in eine Gemeinde hinein, auf welcher Seite vornehmlich die Säufer, Schläger, Hurer, Ehebrecher, die Lügner, Betrüger, die Ver⸗ ächter und Läſterer der Obrigkeit ꝛc. zu finden ſind. Gewöhnlich ſind's diejenigen, welche Schiffbruch gelitten haben am Glauben, welche Sonntag Morgens mit dem Juden handeln, ſtatt in die Predigt zu gehen, und Nachmittags im Wirths⸗ haus über die Schrift ſpotten. Eine beſondere Aufmerkſamkeit verdient hier wohl noch das Zeug⸗ niß der Männer, welche ſich mit der geiſtlichen Behandlung der ſittlich Verdorbenſten, der Sträflinge, beſchäftigen. Die Zuchthauspre⸗ diger ſagen übereinſtimmend aus, „daß nirgends mehr ſogenannte Aufklärung oder Vernunftglaube herrſcht, als in den Zuchthäuſern“. In dent treff⸗ lichen Görlitzer Monatsblatt „Der verlorene Sohn“, das von ſolchen Predigern herausgegeben wird, leſen wir unter andern folgende Stelle: „Schreiber dieſes hat als Zuchthausprediger ungefähr 800 Gefangene ſeelſorgerlich behan— delt und dabei natürlich auch ihren Glauben kennen gelernt, und ſiehe, ſie waren bis auf Wenige, welche gar niemals über dieſe Dinge nachgedacht hatten, Lichtfreunde; und die⸗ ſelbe Erfahrung haben andere Zuchthauspre⸗ diger ebenfalls gemacht. Es iſt das wirklich merkwürdig, wie die ärgſten Verbrecher ganz die— ſelbe Sprache führen, wie die Lichtfreunde ꝛc.“ Nun geht wohl aus andern Stellen dieſes Blattes hervor, daß wir uns hier ſolche Licht⸗ freunde zu denken haben, welche in ihrem Glau⸗ ben eben ſchon vorzüglich weit vorwärts geſchritten ſind, welche namentlich dafür halten, „daß es 204 nach dem Tode mit dem Menſchen gar aus ſei“, und darin „den Troſt haben, der ſie ſo recht ſicher in ihren Sünden und Miſſethaten macht“. Ich frage aber Jeden, ob man nicht alle Urſache hat, gegen einen Glauben mißtrauiſch zu ſein, der in ſeiner naturgemäßen Ausbildung am meiſten im Zuchthaus florirt, wenn ich nicht ſagen ſoll, das Zuchthaus bevölkert? Meine Brüder! höret endlich: Als Licht— freunde habt ihr keine Chriſtenhoff— nung. Und was iſt dieſes vergängliche, müh⸗ und ſchmerzensreiche Daſein ohne die Hoffnung auf ein neues, unvergängliches Daſein in der Freude des HErrn und in der himmliſchen Ruhe des Volkes Gottes? Glaubt ihr aber, daß ſchon irgend ein Lichtfreund mit der gewiſſen Ausſicht dahinein entſchlafen ſei? Ich wollte es jedem wünſchen, glaube es aber von keinem. Nur wer von Herzen ſpricht: „Chriſtus iſt mein Le— ben!“ kann auch von Herzen ſagen: „Sterben iſt mein Gewinn!“; nur wer Pauli Glauben gehalten hat, wird an des Laufes Ende mit ihm verſichert ſein, hinfort ſei ihm beigelegt die Krone der Ge⸗ rechtigkeit. Beobachtet doch, wenn ihr Gelegenheit habt, die Leugner der evangeliſchen Wahrheit auf dem Sterbebette, ob da der chriſtliche Muth, die chriſtliche Freudigkeit ſich zeigt, die tiefſinnige Luſt, abzuſcheiden und daheim zu ſein bei dem HErrn, das ſehnliche Verlangen nach den ſchon herüberwinkenden Lebensbäumen des Paradieſes. Ihr werdet bei ihnen ein dumpfes Erwarten deſſen wahrnehmen, was da kommen wird, das gewöhnlich durch eifrige Beſchäftigung mit ir⸗ diſchen Angelegenheiten noch mehr gedämpft wird: denn die ſelbſtgemachte Hoffnung eines „beſſern Lebens mit immer ſteigender Vervoll⸗ kommnung“ vermag nicht die Flügel der Seele zu heben zu frohem Flug in die ewige Welt. Oder ihr werdet eine kalte Verzichtleiſtung auf alles Leben bei ihnen wahrnehmen; denn aller⸗ dings ihrer viele ſchon, und nicht blos unter den Sträflingen, zweifeln an der perſönlichen Fort⸗ dauer nach dem Tode, und die Meinung gewinnt immer mehr Raum bei ihnen, daß der Menſch hinſterbe, wie das Thier des Feldes, daß er mit Leib und Seele in die Mutter Natur zerrinne. Oder es erwacht doch diesſeits noch das ſchlum⸗ mernde Gewiſſen, es ſtellt ſich der majeſtätiſche Richterſtuhl der Ewigkeit vor die Seele, und ihr wird bange, und ſie erzittert in ihren Tiefen, möchte nun gern noch einen Verſöhner haben. Die Lichtfreunde ſtellen dieſe Erfahrung nicht ganz in Abrede, ſie erklären aber, es ſei nur der Todes⸗ Kampf und Schnierz, welcher einzelne Aufgeklärte in ihren letzten Augenblicken ſhwaſch mache. Aber warum werden ſie von den lichtfreundlichen Troſtgründen nicht ermuthigt und aufgerichtet? Antwort: Weil dieſe in der Todesnoth allzumal leidige Tröſter ſind. Ja, es wird in jenem heißen Ringen mit dem „ſtarken“ Tod wohl zu Zeiten auch ein Gläubiger ſchwach; aber wie anders kann man dieſen tröſten! Welch eine Ueberwindungs⸗ kraft gießt ihm ſolch ein einziges Wort in die Seele, das man ihm zuruft: Dein Erlöſer ſpricht: „Fürchte dich nicht, Ich bin mit dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott; ich ſtärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit““ — oder der Spruch des HErrn: „Ich bin die Auferſtehung und das Le⸗ ben; wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich ſtürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr ſterben!“ Und eins bleibt den Lichtfreunden doch noch näher zu er— klären: Wenn es denn unwiderſprechlich iſt, daß ſchon Viele in der Sterbensſchwachheit aus ihrer Vernunftfeſtung fielen und noch herüber⸗ zukriechen ſuchten auf den Boden des Bibelglau⸗ bens, — wie kommt es doch, daß noch kein Ein⸗ ziger in derſelben Sterbensſchwachheit ſeine evangeliſche Feſtung verlaſſen und ſich nach lichtfreundlichen Tröſtungen umgeſehen hat? Der hochberühmte Oberhofprediger Rein— hard in Dresden hielt einſt eine eindringliche Predigt „Ueber die merkwürdige Erſcheinung, daß im Tode noch Keiner ſeinen frommen Glauben, aber Viele den Mangel desſelben bereut haben“; — ſollte denn dieſe merkwürdige Erſcheinung nicht doch wirklich ein ernſter, ernſter Fingerzeig ſein? — — Liebe Freunde! „Es iſt dem Men⸗ ſchen geſetzt, einmal zu ſterben, darnach aber das Gericht.“ Nun, dieß Gericht überlaſſen. wir bil⸗ lig Gott dem HErrn. Aber das ſeid ganz ver⸗ ſichert: ein Stephanus-En de habt ihr als Lichtfreunde nicht zu gewarten, eines Ste⸗ phanus Ende, der diesſeits noch den Himmel offen und die Herrlichkeit Gottes ſah und des Menſchen Sohn, ſeinen Helfer, zur Rechten Gottes ſtehen; — auch nicht Luthers Ende, deſſen ſcheidende Seele Gottes herrliche Troſtſprüche umſchlang (Joh. 3, 16. Pſ. 31, 6. Pſ. 68, 21.) und ſich ſo in des Todes Brauſen geborgen wußte, der da betete: „Ob ich ſchon aus dieſem Leben hinweg⸗ geriſſen werde, ſo weiß ich doch gewiß, daß ich bei dir, mein himmiliſcher Vater, ewig bleiben werde, und aus deinen Händen mich niemand reißen kann“; — auch nicht Gellerts Ende, der auf ſeinem Sterbelager zu einem Freunde 1 ſprach: „Das iſt je gewißlich wahr, und ein theures werthes Wort, daß JEſus Chriſtus kommen iſt in die Welt, die Sünder ſelig zu machen! Dieß, lieber Freund, iſt mein Bekennt⸗ niß auf meinem Todbette“, und mit ſichtbarer Freudigkeit fortfuhr: „Mir iſt Barmherzigkeit widerfahren! Dieß iſt auch mein Glaubens⸗ bekenntniß, auf das ich jetzt lebe und ſterbe“; der zuletzt ſeine Freunde fragte, wie lange noch ſein Kampf dauern konne? und da ſie antworteten: „vielleicht noch eine Stunde!“ mit verklärtem Autlitz ſeine Hände zum Himmel erhob und rief: „Gott Lob, nur noch eine Stunde!“ und dann ſtill betend harrte, bis ſein Freund vom Himmel kam, ihn zu ſich hinaufzunehmen. Meine theuern Brüder! Blicket zurück auf das, was ich geſagt habe. Wollet ihr Lichtfreunde werden? Höret es noch in Einem Wort, das ſich aber freilich centnerſchwer auf die Seele legt: Als Lichtfreunde habt ihr keinen Chri— ſtus mehr, der uns von Gott gemacht iſt zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zui Heiligung und zur Erlöſung.