# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Februar 1859_S37 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Vorwort zu Jahrgang 1859. 37 des täglichen Anziehens des neuen Menschen, oder der Heiligung, bedarf, so die Kirche im Ganzen einer steten Lebensreformation, bis sie den Kampfplatz dieser Welt verlassen hat und im Himmel triumphirt. Sie wußten wohl, daß die fortwährende Lebensreformation gerade zu den unerläßlichen Lebenssymptomen einer wahren Kirche gehöre und daß gerade die lutherische Kirche, was das Leben betrifft, je größere Gnade sie in Absicht auf die Lehre genießt, um so nöthiger habe, dieselbe durch ihr Leben besser zu zieren, als es bisher geschehen war und ist. Nichts desto weniger haben aber unsere Väter nie zugegeben, daß darum unsere Kirche auch in der Lehre unrein sei. „Es ist gar ein großer Unterschied", schreibt Luther, „unter Lehren und Leben, gleichwie zwischen Himmel und Erden ein großer Unterschied ist. Das Leben mag wohl unrein, sündlich und gebrechlich sein, aber die Lehre muß rein, heilig, lauter und beständig sein. Das Leben mag wohl fehlen, das nicht alles hält, was die Lehre will; aber die Lehre, spricht Christus Matth. 5, 18., muß nicht an einem Titel oder Buchstaben fehlen, ob das Leben wohl ein ganzes Wort oder Riege (Reihe, Zeile) in der Lehre fehlet. Ursache ist die, denn die Lehre ist Gottes Wort und Gottes Wahrheit selbst, aber das Leben ist unsers Thuns mit. Darum muß die Lehre ganz rein bleiben; und wer am Leben fehlet und gebrechlich ist, da kann Gott wohl Geduld haben und vergeben: aber die Lehre selbst, darnach man leben soll, ändern oder aufheben, das kann und will er nicht leiden, soll es auch nicht leiden. Denn das trifft seine hohe göttliche Majestät selbst an; da gilt kein Vergeben noch Geduld haben, man lasse sie denn mitfrieden und ungemeistert." (Glossen auf das vermeinte kaiserliche Edict von 1530. XVI, 1029 f.) Lehrreinheit in der Kirche im Gegensatz gegen die Lebensreinheit haben aber unsere Väter nicht nur als eine Forderung ausgesprochen, sondern sie haben dieselbe auch unserer lutherischen Kirche unbedingt vindicirt, und zwar selbst diejenigen, welche sonst besonders ernst über den Verfall unserer Kirche geklagt und auf eine neue Reformation mit großem Eifer gedrungen haben. So schreibt z. B. Andreas Kesler, gest. 1643, der Verfasser des Liedes: Keinen hat Gott verlassen, in der Vorrede zu seiner (deutsch geschriebenen) Prudentia christiana: „Es haben ja bisher viele eifrige Theologi nach christlicher Reformation des Lebens heftig geschrieen, und nicht unbillig. Zwar was die Lehre des Evangelii anlangt, haben wir dieselbe durch Gottes Gnade, dem ewig Lob und Dank dafür sei, rein und lauter, und da ist keiner Reformation vonnöthen. So viel aber die Amtsverwaltung und das Leben des Christenthums, welches bei der reinen Religion soll gefunden werden, betrifft, da ist Reformation nach göttlichem Wort hochnöthig in allen Ständen." In gleicher Weise spricht sich der alte Straßburger Conr. Danhauer aus; er thut in seiner Casuistik die Frage: „Gibt es in unseren Kirchen einiges, was zu reformiren ist?" und antwortet: „Mehr fürwahr, als gesagt und hergezählt werden kann. Zwar die Substanz der Lehrartikel ist so rein, daß nichts desiderirt werden kann, aber die Lehrmethode