# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Februar 1859_S34 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 34 Vorwort zu Jahrgang 1859. ribler Irrthum der römischen Kirche, wenn sie behauptet, daß die Kirche nicht irren könne. Gerhard nennt dieses päbstliche Axiom „einen gewissen allgemeinen Schlupfwinkel, in welchen die Päbstler in allen Controversien flüchten, und gleichsam die Büchse der Pandora, damit das Pabstthum alle seine Verfälschungen und Irrthümer und allen seinen Aberglauben deckt." (Loc. de eccl. § 104.) Allein sagen, daß die Kirche überhaupt oder eine Kirche in specie nicht geirrt habe in Absicht auf die volle seligmachende Wahrheit, und daß sie nicht irren könne, ist himmelweit von einander verschieden. Letzteres behaupten wollen, ist ebenso wider die Schrift, als wider die Erfahrung;*) Ersteres aber leugnen wollen, heißt die Verheißung Christi zur Lüge machen: „So Ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger; und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." Joh. 8, 31. 32. Mit Recht schreibt daher Gerhard zu Joh. 16, 13. in seiner Evangelischen Harmonie: „So lange die Kirche die Stimme ihres Bräutigams, Hirten und Hauptes, Christi, hört und so fern sie der Leitung des Wortes folgt, sich von dem heil. Geiste durch das Wort leiten läßt und der Lehrmeisterschaft desselben sich unterwirft: so fern wird sie in alle Wahrheit geleitet und so fern irrt sie nicht." Wäre dem nicht so, so wäre es ja auch um alle Gewißheit des Glaubens geschehen. So gewiß es aber hiernach ist, daß es eine sichtbare Kirche geben könne, welche die volle Wahrheit hat (natürlich nur nach einer Vollkommenheit der Theile, nicht nach der Vollkommenheit des Grades), so ist doch damit keinesweges behauptet, daß es immer eine solche sichtbare Kirche wirklich gebe. Es ist ja auch leider nur zu offenbar, daß die Kirche oft lange Jahrhunderte Eklipsen in Absicht auf die öffentliche Lehre erfahren hat. Wir können uns nicht versagen, zur Erläuterung dieses wichtigen Punctes**) hier wieder Gerhard reden zu lassen. Derselbe schreibt nehmlich in seinen Locis hierüber Folgendes: „Der Name der Kirche wird entweder für die katholische oder für eine Particular⸗Kirche genommen. Die katholische Kirche heißt so entweder rücksichtlich aller Auserwählten oder aller Berufenen. Die katholische Kirche der Auserwählten umfaßt nicht allein die wahrhaft Gläubigen und Heiligen, welche noch auf Erden streiten, sondern auch die *) Gerhard beweist mit sieben Gründen, daß die Kirche irren könne: 1. nehmlich weil die Kirche Alten Testamentes oft geirrt hat; 2. weil es göttliche Vorausverkündigungen einer gewissen großen Verführung gibt; 3. weil die Particular⸗Kirchen gewarnt werden, nicht zu irren und den Verführern ihr Ohr zu leihen; 4. weil die Erfahrung lehrt, daß die Kirche Neuen Testamentes geirrt habe; 5. weil die Erkenntniß derer, welche die Kirche ausmachen, noch nicht vollkommen ist; 6. weil die Kirche sündigen kann; 7. weil alle Pastoren irren können. L. c. § 111—115. Hiermit ist denn der bequeme compendiöse Beweis der Römer, daß sie so gewiß nicht irren können, so gewiß sie einmal die Kirche gewesen seien, und daß daher alles, was ihre Kirche lehrt, unbesehen angenommen werden könne, ja, müsse, vernichtet. **) Der Punct ist darum so wichtig, weil, wenn es nicht immer eine durchaus rechtgläubige sichtbare Kirche gibt, diese auch nicht die Kirche im eigentlichen Sinne des Wortes heißen kann, außer welcher kein Heil ist, dies vielmehr die unsichtbare sein müsse.