# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 02 08_S45 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 1. St. Louis, Mo., den 8. Februar 1845. No. 12. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar fünf und zwanzig Cents für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 6¼ Cents verkauft. „Die evangelische Kirche in Nordamerica.“ (Fortsetzung.) Wir haben in der letzten Nummer unseres Blattes aus Gottes Wort die Gründe dargelegt, wodurch wir unsrerseits bewogen werden, uns von einer kirchlichen Union loszusagen, die nicht in einem Einigwerden im Glauben und in der Lehre besteht, sondern, wie jetzt geschieht, dadurch zu Stande gebracht wird, daß man nur in einigen wichtigen Lehrpuncten überein kommt, während man die anderen Lehren (von welchen also ein Theil der neuen Kirche noch gegen Gottes Wort glauben und lehren kann) einstweilen übersieht und übergeht. Da nun die Glieder des „evangelischen Kirchenvereins im Westen“ in den von ihnen veröffentlichten Statuten der christlichen Kirche ebenfalls ihre Gründe vorgelegt haben, warum hingegen sie jene Union gerade auf alle Weise zu befördern trachten werden, so halten wir es für unsere Pflicht, uns auch darüber auszusprechen, warum die von jenen Männern für ihre Union angegebenen Gründe unser Gewissen nicht befriedigen können. Namhaft hat der Verein in seinen Statuten insonderheit vier Gründe gemacht. Es heißt nehmlich darinn, daß man für gut erachtet habe, einen solchen Verein zu bilden, erstlich: „In Betracht, daß nach der Verheißung des Herrn die Zeit kommen soll, wo die gesammte Christenheit nur Eine Heerde unter Einem Hirten sein wird.“ Dieser Anfang der Statuten hat uns, wir müssen es gestehen, in nicht geringe Verwunderung gesetzt; denn sollen wir glauben, daß die Stifter des Vereins dieses übereilt und unbedachtsam an die Spitze gestellt haben, als sie vor die ganze christliche Kirche heraustreten wollten, um über ihren, für das Wohl oder Wehe so vieler Seelen und für die ganze Kirche besonders hier im Westen so wichtigen Schritt Rechenschaft abzulegen? Dürfen wir annehmen, daß Männer, denen das heil. Predigtamt anvertraut ist, nicht erst reiflich erwogen haben sollten, ob jene Worte unseres hochgelobten HErrn und Heilandes, JEsu Christi, wirklich den Sinn haben, der ihnen hiermit untergelegt wird? — Und doch ist es ganz offenbar, daß die Vereinsglieder jene Worte unseres HErrn durchaus gegen ihren eigentlichen Sinn erklären, also für ihren Zweck nur mißbrauchen. Fern sei es nun zwar von uns, über das Herz der Vereinsglieder zu richten; wir hoffen vielmehr als Christen das Beste. Aber die Wahrheit können wir aus Liebe freilich nicht verleugnen! — Betrachten wir die Stelle in ihrem Zusammenhang. Sie lautet vollständig Joh. 10, 16. folgendermaßen: „Und ich habe noch andere Schaafe, die sind nicht aus diesem Stalle. Und dieselbigen muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und wird Eine Heerde und Ein Hirte werden.“ Wohl ist es uns nicht unbekannt, daß diese Worte von allen denen für ihre Meinung angeführt werden, welche auf ein zukünftiges tausendjähriges Reich auf Erden hoffen, in welchem Christus mit seinen Gläubigen ungestört herrschen werde; wohl wissen wir, daß alle Unionsverfechter diese Stelle für ihre eiserne Mauer ansehen, wie Zwingli das Wort: „Fleisch ist kein nütze;“*) — aber wir fragen jeden unparteiischen Leser: Mit welchem Rechte? Ist es nur im mindesten wahrscheinlich, daß der Heiland mit diesen Worten auf etwas Aehnliches habe hindeuten wollen? Keinesweges; Christus redet hier zu den Juden erst von andern Schafen, die nicht aus diesem Stalle (der jüdischen Kirche) seien; hiermit meint Christus ganz offenbar die damaligen Nichtjuden oder die Heiden. Von diesen sagt er nun ferner, daß er sie herführen müsse, daß auch sie seine Stimme hören, nehmlich sein Wort annehmen würden, und daß dadurch endlich die Trennung aufgehoben werden und Eine Heerde unter Einem Hirten entstehen würde. Was ist also diese Eine Heerde unter Einem Hirten? Sie ist nichts anderes, als die aus Juden und Heiden im neuen Testamente gesammelte Christenheit. Also schon von dem Augenblicke an, als die bisherige Scheidewand zwischen Juden und Heiden fiel und die Apostel sich mit dem Evangelio auch zu den Heiden wendeten, da ging auch jene Verheißung Christi von der Einen Heerde unter Einem Hirten in ihre Erfüllung. Deutlich legt St. Paulus jene *) Zwingli behauptete nehmlich, um das heil. Abendmahl zu bestreiten, daß mit dem Worte: „Fleisch ist kein nütze“ (Joh. 6, 63.), Christi Fleisch gemeint sei, was freilich eine erschreckliche Lästerung ist. die man aber leider noch immer hie und da hören muß. Von seinem Fleische sagt Christus: „Das Brod, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt.“ (Joh. 6, 51.) Und das Fleisch soll kein nütze sein? Weissagung Christi auf diese Weise aus, wenn er an die aus den Heiden bekehrten Epheser u. a. also schreibt: „Gedenket daran, daß ihr weiland nach dem Fleisch Heiden gewesen seid, — daß ihr zu derselbigen Zeit waret ohne Christo, fremde und außer der Bürgerschaft Israels, — nun aber, die ihr in Christo JEsu seid, und weiland ferne gewesen, seid nun nahe geworden durch das Blut Christi. Denn er ist unser Friede, der aus beiden Eins (Eine Heerde) hat gemacht und hat abgebrochen den Zaun, der dazwischen war. — So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ (Ephes. 2, 11—19.) Dasselbe drückt der heil. Apostel Röm. 10, 12. so aus: „Es ist hier kein Unterschied unter Juden und Griechen (Heiden); es ist aller zumal Ein Herr“ (Hirte). Wenn daher die Glieder des ev. Vereins, wie sie sagen, in der Voraussetzung zusammengetreten sind, daß nach jener Verheißung des HErrn die Zeit erst „kommen soll, wo die gesammte Christenheit nur Eine Heerde unter Einem Hirten sein wird,“ so sind sie dabei im Irrthum gewesen; denn diese Zeit soll nicht erst kommen, sie ist schon gekommen. Auch jetzt gibt es nur Einen Hirten der Christen, JEsum Christum, und nur Eine Heerde, nehmlich die über den ganzen Erdboden zerstreute unsichtbare Gemeinde der Heiligen, die heil. christliche Kirche. Von dieser heißt es, daß sie Ein Leib und Ein Geist ist, und einerlei Hoffnung, Einen HErrn, Einen Glauben, Eine Taufe und Einen Gott und Vater hat, der da ist über ihren Gliedern allen, und durch sie alle, und in ihnen allen. (Ephes. 4, 4—6.) Diese Eine Heerde besteht schon seit 1800 Jahren und bewahrt ihre Einigkeit auch dann, wenn das fleischliche Auge des geistlich blinden Menschen in der Kirche nichts erblickt, als ein Haus des Unfriedens, weil es so große Zwietracht sieht unter ihren Lehrern.*) Ob es aber einmal auch *) Wie verkehrt der Mensch von der Einigkeit der wahren christlichen Kirche urtheilen muß, wenn er sie, nach dem seine Augen sehen, beurtheilt, davon liefert Hr. Oertel in den letzten Nummern seines Wahrheitsfreunds einen traurigen Beweis. Darin macht er nehmlich folgenden Schluß: Weil unter den Theologen viel Streitigkeiten waren, darum ermangelte die Kirche, zu der sie sich bekannten, der wahren Einigkeit! Was für einen Begriff muß doch ein Mann, der so schreiben kann, von wahrer Kirche, von wahrer Einigkeit, von der eigentlichen Beschaffenheit des Reiches Gottes auf Erden ꝛc. haben! Matth. 13, 12.