# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1859_S9 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Vorwort zu Jahrgang 1859. 9 wirklich widersprechend ist; hierüber ist vielmehr allein aus Gottes Wort das Urtheil zu fällen. Und da dies von den Gegnern, den Calvinisten und Pho⸗ tinianern (Socinianern), nicht beobachtet wird, so geschieht es, daß sie das für widersprechend achten, was nicht wirklich, absolut und schlechterdings wi⸗ dersprechend ist. So scheint es den Calvinisten widersprechend zu sein, daß die menschliche Natur Christi eine wahre Menschheit sei, und daß dieselbe der göttlichen Eigenschaften persönlich theilhaftig geworden sei; daher sie aus dem ersteren das letztere bestreiten. Den Photinianern erscheint es widerspre⸗ chend, daß Gott einig, und daß in dem göttlichen Wesen drei Personen seien, daß Christus wahrer Mensch und wahrer Gott in Einer Person sei; daher auch sie aus dem ersteren das andere bestreiten. Aber wir antworten ganz einfach, daß nur das wirklich widersprechend sei, was nach dem Urtheil des heil. Geistes, der in der Schrift redet, nicht aber, was nach dem Urtheil der Vernunft widersprechend ist. Nun aber ist eben jenes nicht nach dem Urtheil des heil. Geistes, sondern allein nach dem Urtheil der Vernunft widerspre⸗ chend, weil der heil. Geist in der Schrift beides lehrt; also sind dies nicht wirklich, absolut und schlechterdings widersprechende Dinge.“ „Uebrigens kann mit vielen Gründen gezeigt werden, daß das Urtheil von dem, was ein wahrer Widerspruch in Artikeln des Glaubens sei, der menschlichen Vernunft nicht überlassen werden dürfe. 1. Die göttlichen Ge⸗ heimnisse gehen über die Fassungskraft der Vernunft. Daher kann und darf die Vernunft über die Falschheit oder Wahrheit derselben nicht urtheilen und folglich auch nicht über den Widerspruch in jenen Geheimnissen. Scaliger schreibt in seinen Exercitationen 77, 2.: „„Was über die Natur ist, davon halte ich, daß es durchaus nicht aus den Gesetzen der Natur zu beurtheilen sei... Die göttliche Macht ist nicht nach der Elle unserer Vernunft zu messen.““ Man merke hier, wenn wir sagen, daß die Geheimnisse des Glaubens über die Fassungskraft der Vernunft gehen, so ist das nicht nur in dem Sinne an⸗ zunehmen, daß die Vernunft ohne die Offenbarung des Wortes nichts von ihnen wissen kann, sondern daß die Vernunft, selbst die Offenbarung des Wortes vorausgesetzt, nichts desto weniger dieselben nicht völlig verstehen, und daher aus ihren Principien nicht entscheiden kann, was in den Glau⸗ bensgeheimnissen für wirklich Widersprechendes zu halten sei. Ephes. 3, 8. 9. 1 Cor. 2, 7. 14. — 16. 1 Tim. 6, 16. — 2. Die Vernunft und deren Mei⸗ sterin, die Philosophie, kann von Gottes Macht nicht urtheilen, was sie leisten könne, was nicht; also kann sie auch nicht beurtheilen, was in göttlichen Ge⸗ heimnissen wirklich Widersprechendes ist. Der erste Satz ist aus vielen Aus⸗ sprüchen der Schrift klar, Gen. 18, 14. Sach. 8, 6. Matth. 19, 26. Luc. 1, 38. 18, 26. Insonderheit ist der apostolische Ausspruch zu merken Ephes. 3, 20. Wenn hiernach Gott das thun kann, was unser Verstehen übersteigt, so kann er allerdings auch das thun, was in unserer Logik einen Widerspruch in sich faßt. Gottes Macht ist unendlich, ohne jede Schranke und übersteigt die Fassungskraft der Vernunft, daher müssen wir uns ein Gewissen daraus machen, sie beschränken und sagen zu wollen, Gott könne alles Mögliche; die