# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 07 19_S199 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſonderten ſich in ihr eine Partei geweſener Juden, die ſogenannten Ebioniten, welche aber von der Menge der Gläubigen für keine großen Geiſter, ſondern für ziemlich tappichte Leutchen angeſehen wurden; dieſe hielten von IEſu, daß er nicht wahrer Gott, ſondern nur ein Menſch, auch nicht vom Heiligen Geiſte empfangen noch auf eine beſondere Weiſe mit Gott vereint geweſen ſei, obwohl ſie ihn für herrlicher als alle Propheten erflärten. — Im Anfange des vierten chriſtlichen Jahrhunderts machte ein Geiſtlicher in Alexan⸗ drien, Namens Arius, Rumor, indem er gleich⸗ falls leugnete, daß Chriſtus ewiger Sohn Gottes und gleiches Weſens mit dem Vater ſei; er erklärte ihn für „ein Geſchöpf und Gemächt“, das aber doch von Gott vor allen andern Dingen geſchaffen worden ſei. Dieſer Arius gewann einen ſtarken Anhang, doch nicht für die Dauer. — Im fünften Jahrhundert traten die Pelagianer auf mit der Behauptung, es gebe kein angebornes Verderben, keine Erbſünde; die Neugebornen ſeien in demſelben Zuſtande, wie Adam vor dem Falle; s ſei von Natur eine gewiſſe Heiligkeit in der Seele, welche die Herrſchaft in der Seele führe; jeder Menſch könne darum aus natürlichen Kräf⸗ ten ein ſo gutes Leben führen, daß ihn Gott zur Aufnahme in den Himmel würdig erachte. — „Siehſt du, liebes evangeliſches Volk! wie frühe ſchon lichtfreundliches Licht in der Kirche flackerte? Eunmd wie ſo manche dergleichen aufgeklärte Leute hhaten ſich auch zur Zeit der Reformation hervor, welche hochgebildet ſagten (der mißgünſtige Luther drückt ſich aus: freventlich herausplumpten), „hriſtus ſei nicht wahrer Gott“, welche „die Na⸗ tur fromm machten durch natürliche Kräfte zu Schmach dem Leiden und Verdienſt Chriſti“, welche „nicht lehrten, daß man durch den Glau⸗ ben Vergebung der Sünde empfange, ſondern durch unſer Genugthun“ ꝛc. — Ja bald nach der Reformation, in der zweiten Hälfte des ſechszehn⸗ nen Jahrhunderts, kam in Polenland (man ſollte es kaum denken: im kothigen Polenland) ein ge⸗ waſchenes Völkchen zum Vorſchein, das um ein Haar unſern Lichtfreunden gleicht. Es waren die Socinianer oder Unitarier. Dieſe ſchafften vor allen Dingen die göttliche Drei— weinigkeit ab; es ſei nur Eine Perſon in der Gottheit, der Heilige Geiſt ſei nur eine Kraft und Wirkung Gottes und Chriſtus ein bloßer Menſch. Dann däuchte ſie auch die Erbſünde ein alter verlegener Sauerteig, den man rein ausfegen müſſe. Auch die Verſöhnungslehre wurde gänzlich von ihnen verworfen, „mit ſeinem Tode habe uns Chriſtus (nur) ein ſchönes Beiſpiel des Leidens gegeben“. Und endlich die Sacramente bemachteten ſie nicht als beſondere göttliche Gnadenmittel; das ſeien ganz unbedeutende Ge⸗ bräuche; ob einer getauft werde oder nicht, ob komme ſoviel nicht an. Nur in Einem Punkte — wie wunderlich! — waren dieſe Denkgläubigen nicht zum vollen Licht der Lichtfreunde hindurch⸗ gedrungen. Sie lehrten nämlich zwar, daß Chri⸗ ſius ein pures Geſchöpf ſei, nahmen aber doch an, daß er von Gott unmittelbar — ohne männ⸗ 19⁵ liche Zeugung — in der Maria erſchaffen worden wäre, was doch ſchon die Ebioniten licht⸗ freundlich⸗beſſer gewußt hatten. Die Socinianer wurden aus Polen verdrängt und zogen ſich größ⸗ tentheils nach Siebenbürgen; dort ſollen noch heutzutage ſolche arme Menſchen herumlaufen. Ihr habt euch überzeugt, meine Leſer! daß das Lichtfreundthum in der chriſtlichen Kirche durchaus nichts Neues ſei, daß es um den hochgeprieſenen Fortſchritt äußerſt zweifelhaft ausſehe, daß man geradeſogut oder mit noch mehr Recht ſagen könne: Ihr Lichtfreunde ſeid rückwärts ge⸗ ſchritten zu den Socinianern, zu den Pelagianern, zu den Ebioniten trübſeligen Angedenkens; ihr Lichtfreunde habt eure Weisheit aus den Ketzereien, welche die Kirche Chriſti auswarf, zuſammenge⸗ klaubt. Nur das iſt neu, daß dieſe Weisheit früherhin, wenigſtens in unſerer evangeliſchen Kirche ſelbſt, nie ſo verbreitet und trotzig war. Wir müſſen aber jetzt fragen, wie denn nun die Lichtfreunde zurchriſtlichen Kirche und in⸗ ſonderheit zu unſrer evangeliſchen ſtehen. Hierauf wollen und müſſen wir eine offene Ant⸗ wort geben. Sie ſind keine evangeliſchen Chriſten mehr. Denn ſo viel ſie auch rufen und ſchreien: „Wir, wir haben das rechte evangeliſche Chriſten⸗ thum!“ ſo iſt das doch eine handgreifliche und ganz derbe Unwahrheit und eigentlich eine lächer⸗ liche Behauptung; nur daß man bei ſolchem Jammer kaum lachen kann. Jede Kirche muß einen beſtimmten Glauben haben; ſie muß wiſſen, was ſie glaubt, und muß es auch Andern ſagen können, was ſie glaubt. Wie nothwendig dieß ſei, ſieht Jeder ein, der lnur mit Ernſt ſeine Gedanken darauf richtet. Ich will gar nicht da⸗ von reden, daß ſchon jede Lan desobrigkeit das Recht hat, eine religiöſe Gemeinſchaft, die in ihrem Lande wohnen will, zu fragen: was glaubſt du? was lehrſt du? denn dieſe könnte wohl auch Staatsgefährliches lehren. Ich will nur davon reden: Der Glaube iſt es ja eben, was eine Kirche von andern Kirchen und religiöſen Gemeinſchaf⸗ ten überhaupt unterſcheidet. Ich bin evangeliſch, und bin nicht römiſch-katholiſch, und bin nicht griechiſch, und bin kein Quäker und kein Wieder⸗ täufer, und kein Muſelmann eben darum, weil ich nicht den Glauben der Muſelmänner, noch der Wiedertäufer, noch der Quäker, noch der Griechen, noch der Katholiken, ſondern weil ich den evangeliſchen Glauben bekenne. Das muß doch fürwahr ein beſtimmter Glaube ſein, der mich und ſich von all' den Genannten und ihrem Glauben unterſcheidet. Eine Kirche, die keinen beſtimmten Glauben hätte, in welcher katho⸗ liſche, wie evangeliſche Lehre, bibliſche Wahrheit und widerſprechende Vernunftmeinung, Juden⸗ thum und Heidenthum gälte, eine ſolche Kirche wäre ein buntlappiger Pickelhering, ein Unding. einer zum Abendmahl gehe oder nicht, darauf Das iſt, Gott Lob und Dank! unſere Kirche nicht; ſie hat einen bewußten Glauben, und dieſen hat ſie ausgeſprochen in ihren öffentlichen, aus Got⸗ tes Wort geſchöpften Bekenntnißſchriften, und dieſe Bekenntnißſchriften haben gegolten von Anfang unſrer Kirche an bis zu dieſem Jahrhundert, und ſie gelten heute noch; denn die Kirche hat ſie noch nicht abgeſchafft, und ſie wird dieſelben auch heute oder morgen nicht abſchaffen, denn man hat ihr noch keine einzige Lehre darin als ſchriftwidrig nachweiſen können. Unſere Kirchenlehre iſt feſt gegründet auf den heiligen Bergen der göttlichen Zeugniſſe. Wie verhalten ſich nun aber die Licht⸗ freunde zu dieſen Bekenntnißſchriften? Als ent⸗ ſchiedene Gegner, welche rufen: „Sie ſind das Erzeugniß eines dunkeln Jahrh underts; weg, weg mit ihnen!“ Wie wollen ſie aber in der That noch Glieder der Kirche ſein, deren öffentlich ausgeſprochenen Glauben ſie in die Gräber und Grüfte des ſechszehnten Jahrhunderts verweiſen? Unſer Hauptbekenntniß iſt bekanntlich die Augs⸗ burgiſche Confeſſion; dieſe iſt die Reichs Verfaſ⸗ ſungs⸗Urkunde unſerer Kirche. Aber gerade gegen dieſe haben die Lichtfreunde einen beſondern Pik; und ſie können nicht wohl anders; denn von den einundzwanzig Artikeln derſelben, welche die Lehre aufſtellen, vermögen ſie kaum zwei oder drei zu unterſchreiben. Wie aber wollen ſie dann der Kirche noch zugehören, welche die Augsburgiſche Confeſſion als Wappen führt? Doch wir wollen noch etwas näher herzutreten, Geliebte! Unſere Kirche hat namentlich zwei Haupt⸗ und Grundſätze aufgeſtellt, die ihre Eigen⸗ thümlichkeit, ihr evangeliſches Weſen am Stärk⸗ ſten bezeichnen, an denen ſie auf's Feſteſte feſthält, mit denen ſie, ſo zu ſagen, leben und ſterben will. Der eine dieſer Sätze lautet: „Die heilige Schrift iſt alleinige Quelle des Glaubens“, — der andere: „Wirſwerden vor Gott gerecht aus Gnaden durch den Glauben an Chriſti, Verdienſt.“ Nun treten aber die Lichtfreunde daher und ſagen zu 1): Mit nichten! Die Bibel kann nicht weiter alleinige Quelle des Glaubens ſein. Sie iſt ein menſch⸗ lich Buch, wie andere Bücher auch, und keines⸗ wegs von Gott eingegeben, und unſere gelehrten Kunſtrichter haben heraus gebracht, daß man gar nicht mehr von allen einzelnen Büchern die rechten Verfaſſer weiß, daß aber in demſelben eine Menge Irrthümer und zum Theil wahre Albernheiten enthalten ſind, wie die Teufelsaustreibungen, die Erzählung von Bileams redendem Eſel u. dgl. Ja die Bibel kann weder alleinige, noch überhaupt eine Quelle des Glaubens für uns ſein, denn ſie iſt eine ſehr trübe ſchlammige Quelle. Wenn ſie ſorgfältig vom Unrathe gereinigt und abgeklärt wird, bleibt allerdings immer noch ein Theil Wahres und Gutes, darin die Vernunft mit Freu⸗ den ihre eigenen Ausſprüche wieder erkennt; aber die eigentliche Quelle der Wahrheit, der eigentliche Grund unſres Glaubens muß „in uns ſelbſt“, in unſrer Vern unft anerkannt werden. „Es iſt ge⸗ radezu gefährlich“, ſagt ein Fürſt der Lichtfreunde, „auf irgend ein Anſehen außer uns“ (Pabſt oder Bibel) „das Heil gründen zu wollen.“ — Und was ſagen ſie nun erſt zu 2), zu dem Satze, daß wir vor-Gott gerecht werden aus Gnaden durch den Glauben an Chriſti Verdienſt? Dieſer Satz, in unzähligen Stellen der Schrift klar ausgeſpro⸗ chen (Joh. 3, 16. 18. 36. Apoſt. Geſch. 16, 31. Röm. 3, 23—27. Röm. 4, 5. Gal. 2, 16. 1 Petr. 1, 9. ꝛc.), iſt all' ihrem Denken und Be⸗ greifen zuwider; und hier ſieht man ſo recht, wie