# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 07 19_S198 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Offenbarung Gottes ſelbſt, ja will alle ewige gött— liche Wahrheit, die der Menſch braucht zur Selig⸗ keit, aus ſich ſelbſt hervorbringen, dann iſt ſie eben hochmüthig, übermüthig, erſchrecklich anmaßend geworden, ja eine Feindin Gottes. Geradeſo ſieht unſer großer Reformator Luther die Sache an. Er ſpricht: „Die Vernunft iſt eine ſehr große und unſchätzbare Gabe Gottes, und was ſelbige in menſchlichen Dingen weislich ordnet und erfindet, iſt nicht zu verachten. Sie kann Reiche und Republiken ſtiften, dieſelbigen mit nützlichen Geſetzen verwahren und befeſtigen, durch gute Rathſchläge und heilſame Gebote in Ordnung halten und regieren ꝛc.“ (Auslegung des 9. Capitels Jeſaiä.) Ferner: „Wenn die Vernunft erleuchtet iſt (durch den Heiligen Geiſt mittelſt der Schrift), ſo nimmit ſie alle Ge⸗ danken aus Gottes Wort; nach demſelben richtet und lenket ſie die auch“, d. i. alle ihre Gedanken, ihre Anſchauung des menſchlichen Lebens, ihr Urtheil über die Spötter ꝛc. (Tiſchreden.) Aber derſelbe Luther ſagt auch von der natürlichen Vernunft: „Wie kann man ſie gut nennen in höhern und geiſtlichen Sachen, weil ſie ohne alle Gotteserkenniniß iſt und von Gottes Willen ſich gar abgekehrt hat? Nun weiß man dieß auch: wenn man von Gotteserkenntniß lehret und damit umgehet, daß die Vernunft möge wieder zurechtgebracht werden, ſo findet ſich, daß die, ſo der beſten Vernunft und Willens (daß ich's ſo nenne) ſein wollen, dem Evangelio auf das Bitterſte feind ſind. Darum ſollen wir in der Theologie alſo ſagen, daß die Vernunft in dem Menſchen wider Gott und Gott am fein— deſten iſt“ (nämlich von Natur). UAuslegung des 1. Buchs Moſe.] Ich kann mich nicht enthalten, hier noch eine Stelle aus Luthers Kirchenpoſtille (Predigt über die Epiſtel am erſten Sonntag nach Trinitatis) anzuführen, weil ſie ſo gewichtig iſt, und ganz wie für unſere Lichtfreunde geſprochen: „Iſt das nicht Blindheit über alle Blindheit, daß ein Menſch, der nicht das geringſte Werk, ſo er an ſeinem Leibe täglich ſieht, kann (vollkommen) ausſprechen, ſich noch unterſteht, das zu wiſſen, das außer und über alle Vernunft iſt, und darf ſo freventlich herausplumpen und ſagen: Chriſtus ſei nicht wahrer Gott? Darum müſſen wir von ſolchen Sachen reden (oder gar hinnach ſtammeln), wie uns die heilige Schrift vorſagt, daß IEſus Chriſtus wahrhaftiger Gott ſei! — Gott Lob, ich habe die Gnade, daß ich hier nicht viel begehre zu disputiren, ſondern wenn ich weiß, daß es Gottes Wort iſt, und alſo Gott geredet hat, ſo frage ich darnach nicht weiter, wie es könne wahr ſein, und laſſe mir allein an dem Worte Gottes begnügen, es reime ſich mit der Vernunft, wie es wolle. Alſo ſollte ein jeder Chriſt auch thun in allen Artikeln unſers heiligen Glaubens, daß man nicht viel darüber klügele und disputire, ob's auch möglich ſei, ſondern allein dahin ſehe und frage, ob es Gottes Wort ſei. Wort, daß Er's geſagt hat, ſo verlaß dich gewiß darauf; er wird nicht lügen, noch dich betrügen, ob du ſchon nicht verſtehſt, wie oder wenn!“ Iſt es ſein 194 Wenn die Lichtfreunde ehrlich ſein wollen, ſo müſſen ſie bekennen, daß Luther ihr Mann nicht ſei, und ſie dürfen ihm keine Huldigungen mehr darbringen. Denn er hat einerſeits freilich vom päbſtlichen Joche befreit, andrerſeits aber hat er, nach ihren Anſichten, noch viel tiefer in den Irrwahn hineingeführt. Denn das müſſen die Geſchichtskundigen unter ihnen zugeſtehen, daß Luther das natürliche Verderben des Menſchen, ſowohl was den Verſtand als den Willen betrifft, viel größer gemacht hat, als es ſeine Gegner in der päbſtlichen Kirche thaten, und daß er alles und alles, den Lebens- und Sterbenstroſt, auf Chriſti Blut und Gerechtigkeit, die wir im Glau— ben faſſen, geſetzt hat, während die Päbſtlichen, gleich den Lichtfreunden, den Menſchen durch ſein eigen Verdienſt, durch ſein eigen Thun ſelig wer— den ließen. Es würde aber auch Luther — das dürft ihr glauben —, wenn er von ſeiner ſeligen Höhe auf das irdiſche Getreibe herabſehen könnte, ein ſchlechtes Wohlgefallen an den Lichtfreunden und all' ihren Huldigungen haben, und ſein Herz würde im Anblick dieſes großen Abfalls vom Evangelio mit dem tiefſten Leid erfüllt werden, wenn das Herz da droben für den Schmerz noch zugänglich wäre. Uebrigens ſah Luther den Jam- mer voraus; er ſagte in ſeiner letzten Predigt, die er zu Wittenberg hielt, im prophetiſchen Geiſte: „Der Teufel wird das Licht der Vernunft an— zünden, und euch bringen vom Glauben.“ Nun, das iſt jetzt erfüllet bei einer großen Menge, und das heißt man eben den mächtigen Fortſchritt unſerer Zeit. Mein liebes evangeliſches Volk! wir wollen doch dieſen gewaltigen Fortſchritt etwas näher be— ſchauen. Tauſende ſchmeicheln ſich und rühmen von ſich, ſie ſeien woͤhl weit voraus gegen die Alten (die Vorfahren)! und weil das eine ſchöne Sache iſt, weit voraus zu ſein, ſchreien ſie immer fort: „Vorwärts! Vorwärts! ums Himmels wil— len nur nicht rückwärts!“ Redeten ſie nicht von der Religion, ſo könnte man ſich das noch ſo ge⸗ fallen laſſen. Es iſt unleugbar, daß man in mancherlei weltlichen Künſten und Wiſſen⸗ ſchaften ſehr weit gekommen iſt und Entdeckungen und Erfindungen gemacht hat, die ſich die Vor— fahren nicht hätten träumen laſſen. Wie würde ein alter Römer oder auch ein Deutſcher des 17. Jahrhunderts ſtaunen, wenn er plötzlich einen Eiſenbahnzug mit dem Ungethüm der Locomotive ſitzenden Paſſagieren an ſich vorüberbrauſen ſähe! Die weltlichen Künſte und Wiſſenſchaften ſind auch das Feld, wo der menſchliche Geiſt immer weiter dringen, das bereits Gewonnene vervoll⸗ fördern kann. Hier alſo macht nur munter vor— wärts, ihr Menſchenkinder! man wird euch loben. Allein, Geliebte! hoch über allen Dingen dieſer Zeit, hoch über aller menſchlichen Kunſt und Wiſ⸗ ſenheit ſteht eine ewige, unveränderliche Weisheit: das iſt die, welche von den göttlichen Dingen han— delt, das iſt die Religion, die uns Gott von Oben iſt in Chriſto IEſu, kann ſie keinen Zuwachs neuer voran und mit Hunderten von gemächlich drin⸗ kommnen und Neues und Unerhörtes zu Tage; her geoffenbaret hat. Nachdem ſie einmal vollendet Wahrheiten erhalten, am wenigſten ſolcher Wahr⸗ heiten, durch welche die bisherigen zu Lügen ge⸗ macht würden. „Chriſtus IEſus geſtern und heute und derſelbige auch in alle Ewigkeit.“ Der einzelne Menſch ſoll die göttliche Offenbarung in ſich aufnehmen durch Lernen und Ueben; der ein⸗ zelne Menſch ſoll ſich immer mehr herausholen von den Schätzen der Weisheit und Erkenntniß; der einzelne Menſch kann und ſoll wachſen im Verſtändniß aller geiſtlichen, göttlichen Dinge, das ihm die Bibel bietet. Aber was zu der Apoſtel Zeit Wahrheit war, das iſt's heute noch gerade ſo, und was zu Luthers Zeit Wahrheit war, das iſt heute noch gerade ſo, und ein andres und beſſeres Evangelium, als die Apoſtel lehrten, und ein an⸗ dres und beſſeres Evangelium, als unſer Refor⸗ mator nach den Schriften derſelben predigte, gibt's nicht. Hier müſſen wir immer rückwärts d. i. immer wieder zurück zu der alten und ewig friſchſprudelnden Quelle göttlicher Offenbarung in der Schrift. Und was iſt's denn auch in der That mit dem Fortſchritt der Lichtfreunde, dieſer athemloſen Vor— wärtsſchreiter? Haben ſie es denn nur in Einem Stücke wirklich weiter gebracht? Haben ſie denn nur Eine einzelne religiöſe Wahrheit, die bisher unentdeckt war, aus dem Goldſchacht ihrer Ver— nunft hervorgezogen? Wenn ſie einen einzigen, wirklich etwas ſetzenden, Lehrſatz religiöſer Wahr— heit aufweiſen können, der vor ihnen noch nicht da geweſen iſt, den unſre Kirche nicht ſchon längſt beſeſſen hat, den ſie erſt im Laufe ihrer Aufklä— rung erbeutet haben, ſo will ich den Hut vor ihrer Aufklärung abnehmen; ja ich ſtrecke meine Hand gegen ſie aus und ſage: in dieſem Falle will ich ſelber ein Lichtfreund werden. Aber hier, wie ſchon oben angedeutet, bleiben ſie ſtecken. Ihre Kunſt beſteht gerade nicht darin, Neues und Köſtlicheres hervorzubringen und die Menſchheit damit zu be— glücken, ſondern vielmehr darin, das Beſtehende, was Jahrhunderte lang Treſt und Leben und Segen geſpendet hat, auf die Seite zu ſchaffen. Ihre ganze Kunſt beſteht, genan betrachtet, darin, daß ſie leugnen und eben immer wieder leug⸗ nen. „Das iſt nichts, und das iſt auch nichts, und das iſt wieder nichts.“ So greifen ſie eine kirchliche Lehre nach der andern an und werfen ſie zum Tempel hinaus. Sie räumen immer aus; aber ſie bringen nichts dafür herein. Darum hat auch ein feiner Mann nicht ganz unpaſſend ge— ſagt, die Religion der Lichtfreunde ſei ſo licht, wit die Scheune des Bauern zur Pfingſtzeit. Und auch ſelbſt ihr Beſtreiten und Verneinen der bibliſchen Lehren undechriſtlichen Grundwahr⸗ heiten iſt nichts ganz Neues. Höre, mein evan⸗ geliſches Volk! es iſt in jeder Hinſicht eine dicke Unwahrheit, wenn behauptet wird, das Lichtfreund— thum ſei erſt aus den klügern, denkſamern Köpfen der neuern Zeit hervorgewachſen, es ſei eine Blüthe der höhern Bildung unſrer Tage. Ach, dieſe Weisheit iſt ſchon längſt dageweſen! Das will ich dir jetzt zeigen, und du darfſt dich auf die voll— kommene Richtigkeit deſſen, was ich dir aus der Kirchengeſchichte mittheilen will, verlaſſen. Schon gleich im Anfange der ſchriſtlichen Kirche