# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 07 05_S195 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) in Treptow berufen. Zeuge ſeiner Schultüchtig⸗ keit iſt die ungemeine Aufnahme der Treptower Schule zu der Zeit, ſo daß man ihr aus Liefland, Weſtphalen und andern Ländern Kinder zuſchickte und die Frequenz derſelben immer ſtieg. 1512 wurde er zum Prieſter geweiht, und bald darauf wählte ihn Boldewan zum Lector an dem von ihm errichteten Presbyter⸗-Collegium. Eine Frucht ſeiner hiſtoriſchen Studien war ſeine Pomerania, 1518 vollendet, ein Geſchichtsbuch, das mit Eh⸗ ren die Reihe der pommerſchen Chroniſten ein⸗ leitet und als Quelle ſtets ſeinen Platz behanpten wird. Das Jahr 1520 kam heran. Schon flogen Luthers Bücher von einem Ende Deutſch⸗ lands zum andern und ſeine lebendige Stimme hatte Tauſende von Gotteskindern herbeigezogen. Jetzt aber erſchien ſein Buch von dem „babyloni⸗ ſchen Gefängniß“. Otto Slütow, der Kirchen⸗ inſpector von Treptow, war eben in Wittenberg geweſen und brachte das Buch mit ſich heim. Als er es nun ſeinen Convictoren, unter welchen Bu⸗ genhagen einer, als die größte Neuigkeit zeigte, erwiederte dieſer, nachdem er ein wenig darin ge⸗ blättert: „Seitdem der Heiland der Welt gelitten, haben zwar viele Ketzer die Kirche beunruhigt und hart angegriffen, keiner aber hat es ſo arg gemacht als Lutherus.“ Niemand dachte daran, daß der Haken in Bugenhagen zuerſt haften ſollte, und doch — ſeine Stunde war gekommen. Nach wenigen Tagen brachte er das Buch, das er nun forgfältiger angeſehen hatte, zu ſeinen Collegen und brach in die Worte aus: „Was ſoll ich viel ſagen? Die ganze Welt iſt blind und ſteckt in großer Finſterniß: dieſer einzige Mann ſiehet, was wahr iſt.“ Der HErr hatte die Schuppen von ſeinen Augen weggenommen; er fühlte ſich ſelig in der beſſeren Gerechtigkeit, die er jetzt hatte ken⸗ nen lernen; mit Grauen überſah er den Weg, den er gewandelt war, dankte Gott auf ſeinen Knieen und vergaß nicht das Bekenntniß des Geretteten. Denn alſo zeuget er von ſeinem frü⸗ heren Wege und von der jetzigen wunderbaren Erleuchtung in ſeiner Auslegung des Pſalters: „In meiner angehenden Jugend ward ich dem weltlichen Leben und Werken, welche von der Welt verdammt werden, entzogen. Als ich aber die Beſſerung des vorigen Wandels ſuchte, und ich mich deßhalb auf die päbſtlichen Rechte und menſchlichen Satzungen gab, war ich viel ärger worden, als die Welt ſelbſt. Indem zeigte mir der HErr oft meine Sünde durch die Frucht der böſen Werke, in die ich fiel, auf daß er mich mir ſelbſt zu erkennen gäbe und die Wahrheit berichtete. Es war aber alles umſonſt, denn mit Beichten und Genugthun meinte ich es alles zu bezahlen und hing weit mehr an meinen eignen Werken, denn an den Werken Gottes. Dieſen Weg der Sünden und Rath der Gottloſen, dem ich folgte, hätte ich mir auch nicht laſſen vorwerfen, und wer ſich das unterſtanden hätte, dem hätte ichs nicht für gut aufgenommen. Zum letzten, damit mei⸗ nem gottloſen Weſen nichts abginge, fing ich auch an zu ſitzen im Stuhle der Spötter, vertröſtet auf meine eigne Weisheit. Und wiewohl ich gänzlich meinte und wollte lernen, das chriſtlich wäre, beſtätigte ich doch alles menſchliche Ding. Welches die höchſte Gottloſigkeit iſt der Phariſäer, daß ſie die menſchlichen Dinge den göttlichen ver⸗ gleichen wollen, ja oft vorziehen, deßhalb, daß ſie allenthalben das Ihre ſuchen. Aber weder in dieſen, noch vorigen Irrthümern hat mich des gütigen Vaters Hand verlaſſen, ſondern, als ein thörichtes Kindlein, wiewohl ichs nicht merkte, geführt, bis er mich ihm verpflichtet machte. Dann von Anfang meines Lebens gab er mir das Ge⸗ müth, daß ich mich fleißigte, meine Zuhörer wider die groben Laſter mit göttlicher Schrift gerüſtet zu 19¹ machen und verſehen, als da ſind Geiz. Wucher, äußerliche Abgötterei, deren die Unſern auch nicht frei ſind, auf daß ſie, alſo mit dem Worte Gottes gerüſtet und verſehen, ſich von Sünden enthielten und ihrem Schöpfer reine Seelen behielten. Was war aber dieſes anders, denn eine phariſäiſche Gleiſnereilehre, dieweil ich doch ſelbſt die Art und Natur des Glaubens nicht wußte, durch welchen allein die gemeldeten Stücke mögen geleiſtet wer⸗ den? In der Blindheit bin ich nun geweſen, bis daß Gott aus der Höhe ſich über die menſch⸗ lichen Irrthümer erbarmt und hat die apoſtoliſche Zeit der Predigt des heiligen Evangelii nach dem Geiſt Chriſti wiederbracht. Wodurch ich, der ich vormals Gott ein Aergerniß war, bin nun den Menſchen ein Aergerniß worden, jedoch allein denen, welchen das Evangelium Chriſti ein grö⸗ ßeres Aergerniß iſt, als ich. Nun für dieſe Aen⸗ derung meines Zuſtandes ſage ich Dank, Ehre und Preis Gott dem Vater und unſerm HErrn JEſu Chriſto in Ewigkeit, fleißig bittend, daß er mir ſeinen Geiſt verleihe, damit ich Willen und Luſt habe an ſeinem Geſetz und davon rede Tag und Nacht, auf daß ich im Geiſte befeſtigt nicht dulde das Aergerniß der antichriſtiſchen Lehre, dulde aber durch die Liebe alle Anſtöße der ſchwä⸗ cheren Brüder, da ich ſelbſt auch bin mit vieler und übergroßer Schwachheit umfangen.“ Bugenhagens erſte Arbeit nach ſeiner vollende⸗ ten Bekehrung war dieſe, daß er das fröhliche Licht auch andern, die ihm am nächſten ſtanden, mit⸗ theilte und aus Gottes Wort mächtig bewies. Sein beſonnener Eifer erleuchtete und entzündete die andern; viele wurden gewonnen fürs Evan ge⸗ lium. Nun aber drängte es Bugenhagen, das ganze neuerwachte Leben in größeren Kreiſen zu ſehen und ſelbſt an der Quelle, die der HErr zuerſt in der Wüſte geſchlagen, ſeinen Durſt zu ſtillen. So zog er 1521 nach Wittenberg und ſtudirte in aller Stille für ſich. Niemand ahnte in ihm den Mann, der er bald werden ſollte. Er erklärte einigen mit ihm gegangenen jungen Pommern, ſeinen früheren Genoſſen, in ſeiner Wohnung die Pſalmen. Kaum war er bis zum 16ten Pſalm gekommen, ſo war die Menge der hinzu gekomme⸗ nen Zuhörer ſo angewachſen, daß ſeine Wohnung ſie nicht alle mehr faßte, und auch als er auf Me⸗ lanchthons Erinnerung öffentlich las, minderte ſich der Andrang. ſo wenig, daß er in der That Bu⸗ genhagen als den Mann der Univerſität betrach⸗ tete. Melanchthon kam ſelbſt in die Vorleſungen, und Luther, der ſich immer ſo herzlich freute über das Wachsthum anderer im Geiſte, ermunterte ihn, ſeine Vorleſungen herauszugeben, und als er die Arbeit geſehen, jubilirte er nicht nur darüber als auch ein Zeichen des vergangenen Winters und herangekommenen Lenzes, ſondern er gab ihr das höchſt ehrenvolle Zeugniß, daß unter allen Aelteren und Neueren nicht einer den Geiſt des Buchs ſo gefaßt habe, als Pomeran. Wie tief Bugenhagen ſchon in Luthers, den wahren Geiſt der Reformation, eingedrungen war, zeigt ſein Betragen bei der Karlſtadtſchen Bilderſtürmerei 1522; er erklärte ſich mit Melanchthon laut da⸗ gegen, ehe noch Luther, von ſeinem Pathmos zu⸗ rückgekehrt, die bekannten herrlichen Predigten wi⸗ der dieſen Unfug hielt. Schon war eine ſo all⸗ gemeine Anerkennung des bei ihm ruhenden Ge⸗ präges dieſes echt reformatoriſchen Geiſtes in der Gemeinde, unter welcher er ſtand, daß dieſe durch ihre Vertreter und ſelbſt die Univerſität ihn ein⸗ ſtimmig, wie auch auf Luthers Fürwort, zu der erledigten Pfarrſtelle beriefen. Was er als Paſtor der Wittenberger Gemeinde genützt hat (er ſtand ihr bis an ſeinen Tod ſechs und dreißig Jahre vor), läßt ſich ſchwer kurz ſagen, da ein jedes Gna⸗ denwort, eine jede Bitte in Chriſti Namen von dem Herzen, das ſeine Liebe dringet, ja gewiß von unſchätzbarem Werth iſt. Es genüge zu be⸗ merken, daß er mit eben ſo großem Eifer, als Weisheit und Ausdauer ſein Amt verwaltete, daß er tagtäglich und zwar deutſch das Evangelium predigte, daß er zuerſt die deutſche Meſſe Luthers in der Pfarrkirche einführte und geſchickt hand⸗ habte, daß er dieſem, ſeinem lieben Vater und Herrn, wie er ihn zu nennen pflegte, mit aller Treue, Liebe und geiſtlicher Erfahrung beiſtand in den hohen geiſtlichen und leiblichen Anfechtungen, die öfters, namentlich 1527, über dieſen Knecht des HErrn verhängt wurden, daß er die Gemeinde nie verließ, auch in den ſchwerſten Zeiten nicht, es ſei denn, daß ein anderer höherer Brruf ihn an⸗ ders wohin rief. Einen ſchönen Beweis des letz⸗ teren gab er, als er in der Peſtzeit zu Wittenberg 1527, da die Univerſität deßhalb nach Jena ver⸗ legt wurde, allein mit Luther und zwei Diaconen zurückblieb und, in des erſteren Haus eingezogen, das, voller Kranken, einem Hospitale ähnlich ſah, von dort aus alle Kranken und Sterbenden be⸗ ſuchte, ſie tröſtete aus dem Worte Gottes, wie er denn eine eigens darauf bezügliche Troſtſchrift aufſetzte, und den wenigen zurückgebliebenen Stu⸗ denten die vier erſten Capitel des erſten Corinther⸗ briefs auslegte. Denn es war ſein, wie Luthers Grundſatz: über dem Worte Gottes ſoll man Leib, Leben und alles verlaſſen. Nicht minder wurde Bugenhagen in dieſer Zeit in den allge⸗ meinen Kampf der Kirche wider die aufbrauſende Irrlehre hineingezogen. Er erklärte in dem Send⸗ ſchreiben an Joh. Heß 1525 mit kurzen runden Worten, weßhalb ihm die Deutelei Zwinglis an den Abendmahlsworten der Kirche und dem Glau⸗ ben an das Wort Gottes gleich gefährlich ſchienen, und auch Zwinglis Gegenſchrift konnte ihm keinen Fuß breit ſtreitig machen. Er fertigte die erſte Ueberſetzung des Schwäbiſchen Syngramma. Nachdem Luther ſein unübertreffliches Werk: „Daß die Worte Chriſti: das iſt mein Leib, noch feſte ſtehen, 1527 herausgegeben hatte, ließ Bu⸗ genhagen im folgenden Jahre ſein „Oeffentliches Zeugniß vom Sacramente des Leibes und Blutes Chriſti“ ausgehen, worin er mit den Schweizern Abſchluß hielt, indem er ihnen zuletzt zurief: „Die das Wort Chriſti verleugnen, ſollen nachher nichts mehr von mir erwarten, ſondern mögen Chriſtum fürchten, wider welchen ſie in ſeinem Worte fehlen und ſtreiten.“ In dieſe Zeit fallen auch ſeine meiſten exegetiſchen Arbeiten, die theils von ihm ſelbſt, theils von andern aus ſeinen Vorleſungen herausgegeben wurden, vor allem aber das treff⸗ liche Buch voll Geiſt und Kraft: „Van dem Chriſten-Gloven unde rechten guden Werken an de Ehrentrycke Stadt Hamborch“ 1526. Schon bei der Herausgabe des Saſſiſchen Neuen Teſta⸗ ments 1525 leiſtete er die erſpriehlichſten Dienſte. Den Druck der großen Saſſiſchen Bibel begleitete er mit Summarien und Marginalien, alles mit Vorwiſſen und Berathung Luthers. Endlich bei der Reviſion des ganzen Lutheriſchen Bibelwerks nahm Luther neben andern gelehrten Genoſſen auch Bugenhagen mit zu Rathe. Bugenhagen aber feierte die Erſcheinung der revidirten Luthe⸗ riſchen Bibelüberſetzung mit einem jährlichen Feſte am St. Matthiastage in ſeinem Hauſe, „dabei er mit ſeinen Kindern und Freunden Gott dankte für dieſen theuern und ſeligen Schatz der verdeutſchten Biblien“. Mit dem Jahre 1528 fangen ſeine eigentlichen Evangeliſten⸗Arbeiten an. Am glänzendſten entfaltet ſich hier ſeine prak⸗ tiſche Thätigkeit; neben der ordnenden Weisheit war nicht von minderer Bedeutung zum fröhlichen Gelingen ſeine unverſtellte Demuth und Liebe, die ganz ins Niedrigſte ſich zu kleiden und doch das Höchſte zu umfaſſen wußte. Zuerſt erging der