# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1864_S288 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 288 Kirchlich-Zeitgeschichtliches. Kiel in die Kirche, worin einst Claus Harms predigte, so bekommt man den Eindruck von einem Sümmchen Zuhörer, aber nicht von einer Gemeinde. Das alles in einer Zeit, wo das Schwert blutig über dem Lande hängt. Auch hier ist die Geistlichkeit in der Mehrzahl gläubig. Der Berichterstatter wirft die Vermuthung hin, daß zu diesem irreligiösen Zuge neben dem politischen Treiben der fast ausnahmslose Wohlstand der Herzogthümer das Seine beigetragen habe. Wären die Prediger nicht bloß gläubige, sondern auch confessionell, so würde man vielleicht darauf den Verdacht werfen und sagen, daß sie mit den confessionellen Schärfen und der exclusiven Kirchenlehre die Leute zur Kirche hinauspredigten. Indeß der Berichterstatter gibt ihnen Zeugniß, daß sie von dieser „confessionellen Ausschließlichkeit ganz frei“ sind. Die Schuld liegt also wo anders; die Leute haben einmal, wie sie sagen, kein „religiöses Bedürfniß“, und da mag einer predigen, wie er will, confessionell, unirt, vermittelnd, oder er mag rationell den Acker Gottes bewirthschaften, es ist alles eins, sie gehen lieber ins Bierhaus oder ins Schauspielhaus, als ins Gotteshaus. Hinterher, wenn man sich einmal verantworten soll, müssen allerlei Gründe vorgeschoben werden. Hat man einen confessionellen Prediger, so ist das nicht zum Aushalten. Hat man einen gläubigen Prediger, so ist er vielleicht ein guter Mann, wenn er kein zu strenger Pietist ist; aber er versteht nicht zeitgemäß zu predigen und hat noch zu viel unverständlichen Dogmenkram. Hat man endlich einen zeitgemäßen Prediger und alles, wie man es haben will, so geht man doch nicht nach der Kirche; denn da kömmt es heraus, man hat kein religiöses Bedürfniß. Darum ist das Kirchengehen selbst nicht zeitgemäß. „Wir haben euch gepfiffen, und ihr habt nicht getanzt; wir haben euch geklagt, und ihr habt nicht geweint.“ Baden. Ende Mai hat in Karlsruhe eine Versammlung von etwa 80 badischen evangelischen Geistlichen stattgefunden. Gegenstand der Verhandlungen war das „Charakterbild Jesu“ von Schenkel. Es wurde beschlossen, gegen die Lehren dieses Buches Protest zu erheben und bei der Oberkirchenbehörde den Antrag zu stellen, Schenkel seiner Stelle als Director des evangelischen Predigerseminars zu entsetzen. Die N. P. Z. fügt hinzu: Der Muth zu solcher Forderung gegen das elende Machwerk Schenkels (à la Renan) ist bei den traurigen Verhältnissen in Baden doppelt hoch anzuschlagen. Preußisch-luth. Kirche. Bekanntlich hat Superintendent Zöller in Wollin schon längere Zeit auch in öffentlicher Schrift gegen die Lehre des Oberkirchencollegiums gezeugt. Endlich ist auch der Bruch mit demselben erfolgt. Nachdem er eine von Kirchenrath Nagel in seiner Parochie anzustellende Visitation auf den Grund hin zurückgewiesen hatte, „weil der Visitator öffentlich und beharrlich falsche Lehre vertheidigt habe und nicht versprechen wolle, sich bei der Visitation des Lehrens und Predigens freiwillig zu enthalten,“ so hat letzterer über ihn die Suspension ausgesprochen, worauf Zöller seinen Verband mit Breslau für gelöst erklärte. Der größte Theil der Gemeinde entschied sich hierauf auf Befragen für das Bleiben bei ihrem bisherigen Seelsorger und somit ebenfalls für den Austritt. Baieri Compendium. Wie wir aus der Ev. Kirchenz. ersehen, hat derselbe Preuß, Lic. der Theologie und Privatdocent zu Berlin, welcher Chemnitz' Examen und Gerhard's Loci in so vortrefflicher Weise neu edirt hat, auch die neue Ausgabe des Compendiums von Baier besorgt. Im Mai-Hefte als bereits unter der Presse befindlich angezeigt, wird es hoffentlich bald in unseren Händen sein. Laut der Anzeige umfaßt das Werk ca. 43 Bogen in 12. und kostet bei dem Verleger Gustav Schlawitz in Berlin brochirt nur 28 Sgr. Auch Preuß sagt in der Anzeige: „Das Büchlein dürfte sich wohl dazu eignen, heute wie ehedem die Grundlage von Vorlesungen auf Universitäten zu bilden.“ Eisleben. Schon seit dem Jahre 1858 wurde hier wieder nach 300jähriger Unterbrechung ständiger römisch⸗kath. Gottesdienst gefeiert, jedoch bis dato nur in einem dazu hergerichteten Pferdestall. In diesem Jahre ist nun der Grundstein zu einer s. g. römisch⸗kath. Missionskirche daselbst gelegt worden. Nachdem in der Geburtsstadt Luther's die Union ihren Einzug gehalten und ihre Herrschaft gegründet hatte, war es freilich kein Wunder, daß nun auch der Pabst sich darin wieder ein Plätzchen aussuchte und erhielt.