# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 07 05_S194 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Erfahrung will vorhin gegläubet ſein, das menſchlich nicht zu gläuben iſt, und gefühlet, das man nicht fühlet; alſo, daß eben in dem, daß der Teufel, dem Fühlen nach, mein Herr iſt, muß er mein Knecht ſein, und wenn ich unten liege, und alle Welt mir überlegen iſt, ſo liege ich oben. Wie das? Soll es wahr ſein, ſo muß ja die Erfah⸗ rung dazu kommen und empfunden werden? Ja, recht; aber es heißt alſo, das Fühlen ſoll hernach gehen, aber der Glaube muß zuvor da ſein, ohne und über das Fühlen. Alſo muß mein Gewiſſen in dem, daß es die Sünde fühlet, und ſich dafür fürchtet und zaget, ein Herr und Siegsmann wer⸗ den über die Sünde: nicht im Fühlen noch Ge— danken; ſondern im Glauben des Worts, und dadurch ſich tröſten und erhalten wider und über die Sünde, ſo lange bis die Sünde gar hinweg muß, und nicht mehr gefühlet wird. Alſo auch der Tod iſt wohl unter uns, daß er uns nicht freſſen noch halten kann; aber hän⸗ get ſich gleichwohl mit Peſtilenz, Schwerdt und allerlei Plagen an unſern Hals, und wirft uns unter ſich ins Grab, daß wir da verfaulen müſ⸗ ſen, und doch nicht endlich drinnen bleiben, ſon⸗ dern dadurch reißen und herfürbrechen werden, heller denn der Himmel mit Sonn und Sternen. Mußte es doch in Chriſto auch ſo gehen: da er geſtorben und begraben war, da war auch kein Fühlen noch Warten des Lebens, und den Jün⸗ gern ja ſo ſchwer ward zu gläuben, daß der Chri⸗ ſtus unter dem Grabe und verſiegelten Steine ſollte ein Herr ſein über Tod und Grab; wie ſie ſelbſt ſagten Luc. 24, 21.: Wir hoffeten, er ſollte Iſrael erlöſen. Derhalben iſt alles darum zu thun, wie St. Paulus hier ermahnet, daß man feſt halte an dem Wort, das wir empfangen haben, und immer ſich deß erinnern, und damit wehre wider alles Fra⸗ gen, Klügeln und Disputiren, und nicht ein⸗ räume des Teufeis Eingeben, es ſei auswendig durch ſeine Rotten, oder inwendig in unſerm eigenen Herzen: und alſo lerne die Kraft und Macht Gottes in demſelbigen Wort, nemlich, daß wir dadurch ſelig werden, und allein dadurch be⸗ ſtehen wider des Teufels Gewalt und alle Irr⸗ thümer. Denn, daß ich ſoll in dem Glauben beſtehen, daß ich ein Chriſt, Gottes Kind und ſelig bin, wenn ich Sünde und böſe Gewiſſen fühle, und ewig leben, mit ſchönem herrlichen Leibe, wenn ich unter der Erden liege; da gehöret eine gött⸗ liche, himmliſche Kraft und Weisheit zu, die da nach keinem Fühlen noch Sehen ſich richtet; ſon— dern über dasſelbige hinſehen kann, gewiß, daß ſolches kein Menſchen-Geſchwätz noch Traum, ſondern Gottes Wort iſt, welcher kann noch mehr ihun, denn wir verſtehen und begreifen, Eph. 3, 20., weil er unſern HErrn Chriſtum bereits hat auferwecket, ſo doch niemand ſo ſchmählich und läſterlich hingerichtet, noch in ſo verzweifelten und (nach den Geſetz) verfluchten, Tod gerathen iſt, daß ſein Name hat viel ſchändlicher geſtunken, denn je keines Menſchen auf Erden: noch hat er bewieſen, daß die Schrift mehr iſt, denn aller Menſchen Gedanken, Fühlen und Erfahren. Denn das hätte niemand können begreifen noch denken, daß Chriſtus würde am dritten Tage leben, und war in der ganzen Welt Weisheit nicht ein Fünk⸗ lein, das etwas davon wüßte: noch iſt das Wort da, das ihn lebendig ſpricht, da er noch im Grabe liegt. Und wie es ſagt, ſo muß es geſchehen, obgleich aller Welt Sinne und Verſtand, und alle Dinge dawider ſind. Alſo auch mit uns. Da liegen die Todten unter der Erden längſt verfaulet, oder gefreſſen von Maden und allerlei Ungeziefer, oder zerſtoben und zerflogen: aber in dem Wort, das wir gläu⸗ 190⁰ ben und bekennen, ſind ſie gewißlich lebend und auferſtanden. Die Welt hats und vermags nicht; aber das Wort hats und vermags, und muß alſo geſchehen; denn es iſt Gottes eigne Kraft und Macht. Deß ſollen wir uns nun halten und tröſten, ob wirs wohl nicht ſo gewaltig gläuben, als wir ſoll⸗ ten, und nicht ſo ſtark will im Herzen ſich fühlen laſſen, wie wir gerne wollten: doch, daß wir uns nur daran halten, und immer treiben, und nur nicht aus dem Herzen laſſen. Gleichwie wir das auch ſchwächlich gläuben, daß wir durch Chriſtum Herren ſind über Welt und Teufel, ſondern viel⸗ mehr das Widerſpiel fühlen. Aber deß tröſten wir uns, ſo viel wir können, daß wir das Wort haben, welches iſt über alle Macht und Weisheit. Alſo auch, ob ich wohl meine Sünde fühle, und nicht kann ein ſicher fröhlich Herz haben, wie ich gerne wollte; noch ſoll ich das Wort laſſen wal⸗ ten, daß ich dem nach ſage: Ich bin ein Herr der Sünde, und will keine Sünde wiſſen. Ja wohl (ſprichſt du), das laſſe dir dein eigen Gewiſſen ſagen, welches viel anders fühlet und erfähret. Das iſt wahrlich wahr, wenn es nach dem Fühlen gälte, ſo wäre ich verloren; uber das Wort ſoll über mein und aller Welt Fühlen gelten und bleiben, wie geringe es auch ſcheinet, und dazu ſchwächlich von uns gegläubet wird. Denn das Werk ſehen und erfahren wir alle, daß uns die Sünde ſchlechts verdammt, und zur Hölle urtheilet; der Tod uns und alle Welt friſſet, daß ihm niemand entgehen kann: und du ſagſt mir vom Leben und Gerechtig⸗ keit, daß ich nicht ein Fünklein ſehe, und freilich gar ein ſchwach Leben ſein muß. Ja, wahrlich,‚ ein ſchwach Leben, unſers Glaubens halben. Aber wie ſchwach es iſt, wenn nur das Wort und das kleine Fünklein des Glaubens im Herzen bleibt, ſo ſoll ein ſolches Feuer draus werden des Lebens, das Himmel und Erden füllet, und beide, den Tod und alles Unglück verzehren, wie ein Tröpflein Waſſers, und der ſchwache Glaube durchreißen, daß man keine Sünde noch Tod mehr ſehen noch fühlen ſoll. Aber da gehöret ein ſtarker Kampf zu, daß man das Wort behalte wider unſer Füh⸗ len und Sehen. Darum iſt der Glaube nicht ſo geringe Ding, wie man meinet; ſondern ein trefflicher Held, daß er ſich ſoll halten an das Wort, das ſo geringe und nichts ſcheinet, daß alle Welt nicht einen Heller darum gäbe, und doch ſo groß Ding thut, und ſo mächtig iſt, daß es Himmel und Erden zerreißen und alle Gräber aufthun wird in einem Augenblick. Und wenn du nur darinnen bleibeſt, ſo ſollſt du dadurch ewig leben, und ein Herr werden über alle Dinge, obſchon dein Glaube jetzt ſchwach, und das Fühlen ſtark iſt; und lebeſt hinfort, wie ſchwächlich du lebeſt, daß du nur nicht lebeſt nach deinen Gedanken und Vernunft, ſondern nach der Schrift. Denn der Teufel hat ſich bisher ſo lange gebiſſen mit der Schrift und dem Wort; aber noch nie können ihm abgewin⸗ nen noch umſtoßen. Das thut er wohl, daß er um uns herſchleichet auf allen Seiten (1 Pet. 5, 8.), daß er uns davon reiße; aber das Wort greift er nicht an. Und weil du dasſelbe im Her⸗ zen haſt, ſo gehet er dir nicht richtig unter Augen: zappeln mag er dich machen; gewinnet dir aber nicht an. Alſo ſagt die Schrift von dem Patriarchen Jakob Weish. 10, 12.: er ließ ihn einen ſtarken ritterlichen Kampf halten, auf daß er lernete an dem Kampf und Sieg, wie gewaltig das Wort wäre. Denn ſonſt wird man nimmermehr ge⸗ wahr, was für Kraft unter dem Buchſtaben iſt, bis es zum Treffen kömmt, da man erfähret, daß es kann erhalten wider alle Irrthümer, Sünde, Tod, und Teufel. Das gläubt die Welt nicht, und alle, die nach ihrem eigenen Fühlen wollen richten, und ſich mit ſchweren Gedanken der Sünde und des Todes zermartern, ſo lange, bis ſie ihrer Gedanken los werden, und andere kriegen möchten. anderer Troſt, denn daß man ſich an das Wort halte, das da ſagt: Höreſt du wohl, daß Chriſtus für dich auferſtanden, und deine Sünde und Tod vertilget hat ꝛe. Summa, wir können nicht blei⸗ ben vor Sünd, Tod noch Hölle, ohne durch dies Evangelium; davon (bier) St. Paulus ſagt, und ſpricht, daß wir dadurch ſtehen und ſelig werden. Wenn er etwas anders wüßte zu trö⸗ ſten und zu erhalten, ſo hätte ers ohne Zweifel ihnen auch gegeben. Nun zeigt er ja die leichteſte Kunſt dazu, das keiner Koſt noch Mühe darf: koſtet nicht mehr, denn ein Wort, damit ſollen wir beſtehen wider Tod und alle unſere Feinde: ob wir wohl anders fühlen und ſchwach ſind, da liegt nichts an, wo man nur am Wort bleibet. Denn die Mutter wirft darum ihr Kind nicht weg, daß es ſchwach und grindig iſt. Schwach iſt es wohl und kann ihm ſelbſt nicht helfen; aber weil es der Mutter im Schooß und Armen bleibt, ſo hat es nicht Noth: kommts aber aus der Mutter Wartung, ſo iſt es verloren. Alſo thue du auch: willſt du ſelig werden, ſiehe, daß du nur im Wort bleibeſt, dadurch dich Gott trägt und erhalten will, daß du nicht verloren werdeſt.“ (Eingeſandt.) Johannes Bugenhagen. (Aus dem Bilderſaal der Zeugen und Helden aus der Re⸗ formationszeit. Dresden 1845; im Auszuge mitgetheilt.) Johannes Bugenhagen, der Evangeliſt Däne⸗ marks, Pommerns, Hamburgs, Braunſchweigs, Lübecks und mehrerer norddeutſchen Städte, Lu⸗ thers treuer Freund, Beichtvater und Mitkämpfer am Evangelio, wurde geboren am 24. Juni 1485 zu Wollin, einer vordem gewaltigen Stadt auf der gleichnamigen Inſel. Dunkel und ſparſam ſind die Nachrichten über ſeine Herkunft, ſowie ſein Kindheitsleben; von ſeiner Erziehung wird überhaupt nur verſichert, daß ſie nach damaliger Zeit, Ort und Lage, eine gute war. Aber das Beſte, was über die Eltern und ihre Bemühun⸗ gen ſogleich ein heiteres Licht wirft, wiſſen wir doch aus Bugenhagens eigenem Munde: er hatte, ſagt er, die heilige Schrift lieb von Kindes— jugend auf. So kam er auf die Univerſität Greifswald 1502. Hier ſchloß er mit den Svaven, drei jungen Pommern von aufſtrebendem Geiſte, unter welchen der eine Bruder, Peter, nach⸗ her gleich in die erſten Triebe der Reformation mit ganzer Seele ſich verſenkte, eine enge Freund⸗ ſchaft; es war dieſe ein Licht ſeines Lebens; die beiden zunächſt genannten, Petrus Svave und unſer Bugenhagen begegneten ſich ſpäter oft freundlich. Kurz nur war des Letzteren Aufent⸗ halt auf der Univerſität; ſchon 1503 treffen wir ihn in Treptow an der Rega mit Kinderunterricht beſchäftigt; wahrſcheinlich haben knappere Um⸗ ſtände, welche ſein eiſtes Leben begleiteten, das Ihrige dazu beigenagen. Allein unverkennbar war die göttliche Führung in rieſem veränder⸗ lichen Aufenthalte; denn nicht nur konnte Bugen⸗ hagen rühmen, daß die Treptower ihn lange Jahre hindurch gut gehalten, ſondern Treptow wurde die Wiege der Reformation in Pommern und der Ort, wo dreißig Jahre hernach — 1534 — die geſammte Pommerſche Landſchaft mit den Herzogen Barnim und Philipp an der Spitze einträchtiglich das Evangelium annahm. Durch den Abt des Kloſters Belbuck, Johann Boldewan, wurde Bugenhagen 1505 zum Rector der Schule (move to precede) anderer Troſt, denn daß man ſich an das Wort halte