# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1864_S279 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ein kirchliches Ereigniß. 279 Politik die Theologie vergessen hätten. Allein diesmal fühlten sie sich berufen, sich wiederum in theologische Erörterungen einzulassen, und so haben sie es denn bei der Gelegenheit „der Absetzung des Herrn Coquerel,“ wie sie jene Maßregel nennen, unternommen, den Protestantismus über sein Grundprincip zu belehren, welches nach ihnen also lautet: Jeder Pfarrer hat das Recht zu lehren, was er will, und bleibt dennoch ein guter protestantischer Pfarrer, da innerhalb des Protestantismus von keiner bestimmten Lehre und somit von keiner Rechtgläubigkeit oder Orthodoxie die Rede sein kann. Es ist hier nicht der Ort, die Rechtmäßigkeit jener Maßregel in Betreff des Herrn Coquerel nachzuweisen. Es ist bereits zur Genüge dargethan worden, daß der reformirte Kirchenvorstand nach seinem vollen Rechte gehandelt hat. Wir wollen nur unsere lieben Leser auf die ganz verkehrte Ansicht aufmerksam machen, welche die Ungläubigen und Rationalisten heut zu Tage über den Protestantismus zu verbreiten suchen. Der Protestantismus ist eben nicht eine Musterkarte von allerlei möglichen religiösen Ansichten; er ist nicht die Religion der freien Forschung und des „unendlichen Fortschritts.“ Der Protestantismus ist die Religion des Gehorsams: nemlich daß der Mensch mit seiner Vernunft und seinem Gewissen sich unter das Ansehen des geoffenbarten Wortes beugt. Der Protestantismus sucht nicht erst die Wahrheit, er besitzt sie im Worte Gottes, und wie er dieses Wort im Glauben erfaßt hat, davon hat er für alle Zeiten ein für die Gemeinden, wie für die Geistlichen bindendes Zeugniß in den Bekenntnißschriften niedergelegt. Der Protestantismus protestirt darin allein gegen solche Lehren und Satzungen, welche dem Worte Gottes zuwider sind. Wer mit diesen Bekenntnissen nicht übereinstimmt, ist vollkommen frei, eine neue Kirche oder Religion zu gründen, aber er hört auf ein Glied der bestimmten protestantischen Kirche zu sein. Man hat dem Schifflein Christi zum Vorwurf gemacht, daß es sich unter ein bestimmtes Bekenntniß, unter die Augsburgische Confession gestellt hat. Aber der Vorgang mit Herrn Ath. Coquerel, Sohn, zeigt aufs neue, wie eine Kirche nur zu ihrem größten Schaden ein solches Bekenntniß aufgeben kann. Die reformirte Kirche Frankreichs besitzt kein Bekenntniß mehr: und dennoch ist es der Wunsch vieler ihrer gläubigen Mitglieder, der furchtbaren Zerissenheit, darunter sie durch den Mangel eines bestimmten Bekenntnisses leidet, ein Ende zu machen. Wir hoffen zu Gott, daß die Maßregel des Pariser Kirchenvorstands in dieser Beziehung von Segen sein wird. Es ist doch einmal wieder eine Bekenntnißthat: ein Bekenntniß zur Gottheit unseres HErrn JEsu Christi, welcher unter allen andern Heilslehren heute vornehmlich widersprochen wird. Und dafür hat der HErr Segen verheißen, da Er spricht: „Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Und so hoffen wir, daß die reformirte Kirche immer mehr dazu kommen wird, einzusehen, welch' nothwendig und heilsam Ding es ist, sich um ein dem Worte Gottes gemäßes Bekenntniß zu schaaren.