# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_August 1864_S238 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 238 Das Leben Jesu von Ernst Renan. seiner Wirklichkeit auszufinden, muß die Kritik eine Reihe von Irrthü⸗ mern ausstoßen, welche von der geringen Fassungsgabe der Schüler herrühren. Sie zeichneten ihn nach ihrer Auffassung und stellten ihn oft kleiner dar, während sie seine Größe zu vermehren glaubten.“ Es ist der alte Kunstgriff der Feinde Jesu, welchen Renan hier wieder⸗ holt. Er gibt sich für einen Freund und Bewunderer Jesu aus, und klagt gar jämmerlich, daß die Jünger Jesum nicht begriffen und seine Größe nicht faßten. Darum erbarmt er sich über Jesus, und unter dem Vorgeben, seine Herrlichkeit zu schildern, zieht er ihn in den Staub und entkleidet ihn seiner göttlichen Majestät, an deren Stelle er eine fratzenhafte Carricatur setzt. Er macht es ähnlich wie Judas, der den Herrn mit einem Kuß verrieth und seinen Feinden überlieferte. Da nun Renan von den Jüngern Jesu sagt: „Sie waren äußerst unwissend und schwach an Verstand,“ S. 205, so können natürlich auch ihre Schriften nicht viel werth sein. „Die Evangelien mögen theil⸗ weise Legenden sein — und dies sind sie offenbar durch die Wunder und das Uebernatürliche, womit sie angefüllt sind,“ S. 19; mit dieser leichtfer⸗ tigen Behauptung wird die Glaubwürdigkeit der Evangelien abgethan. Besonders unsinnig ist, was Renan über die Entstehung der Evangelien fabelt. „Man stand nicht an, Zusätze zu machen, dieselben nach Gutdünken zusammenzusetzen oder manche durch andere zu vervollständigen. Der arme Mann, der nur Ein Buch hat, verlangt, daß dasselbe alles enthalte, was ihm zu Herzen spricht. Sie liehen einander diese kleinen Rollen, und jeder schrieb an den Rand seines Exemplars die Parabeln und Erzählungen, welche er anderswo fand und die ihm gefielen. Auf diese Weise entstand aus einer von den niedern Schichten des Volkes selbst besorgten Ausar⸗ beitung das feinste Werk der Welt. Compilationen haben keinen absoluten Werth“ ꝛc. S. 25. Aeußerst unwissende und verstandesschwache Jünger und die niedern Schichten des Volkes schreiben das feinste Werk der Welt, das aber doch nur eine werthlose Compilation ist: in solchen unsinni⸗ gen Behauptungen und Widersprüchen ist Renan unerschöpflich. Besonders giftig wird Renan allemal, wenn er von dem Evangelium St. Johannis redet. Zwar lobt er dasselbe nach seiner Weise als „viel an⸗ sprechender und genauer, als die synoptischen Bücher“, es enthält „die lau⸗ tersten, richtigsten und wahrhaft evangelischen Darlegungen,“ S. 28, „wundervolle Aufblitze, Züge, die wirklich von Jesu stammen,“ S. 34. Aber: „Weit entfernt, von dem einfachen, uneigennützigen, sich nur an die Sache haltenden Tone der synoptischen Schriften, legt das Evangelium Jo⸗ hannis fortwährend die Vorurtheile des Apologisten, die After⸗Meinung des Sectirers, und die Absicht, eine Thesis zu beweisen und die Gegner zu über⸗ zeugen, an den Tag. Jesus gründete sein erhabenes Werk nicht auf anma⸗ ßende, plumpe, schlecht geschriebene Tiraden ohne viel Rücksicht auf den moralischen Sinn,“ S. 33. „Wir betreten die dürren Wüsten der Meta⸗ physik, die Dunkelheit des abstracten Dogmas. Hier weht nicht der Geist