# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1864_S173 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Martin Chemnitz über den Wucher. 173 den angenehmen Schlaf stirbt er, weil dann das Gift verborgener Weise durch alle Glieder geht. So empfindet der, welcher mit der Verbindlichkeit, Wucher zu entrichten, borgt, zeitweilig eine Art Wohlthat, aber der Wucher geht durch alle seine Habe und verwandelt Alles in Schuld“ ꝛc. So sagt auch Baldus, daß der Wucher dem Holzwurm ähnlich sei, welcher, wenn man ihn anfühlt, sanft und lind zu sein scheint, aber er hat sehr harte Zähne und zernagt den Kern des Holzes so, daß die Oberfläche unversehrt zu sein scheint. Die dritte Benennung ist Marbit oder Tarbit. Es bedeutet dies aber die Vermehrung der Quantität, wenn nehmlich beim Leihen mehr eingefordert, als gegeben und ausgezahlt wird; und wenn die Pflicht des Leihens in der Absicht ausgeübt wird, nicht, damit dem Mangel des Nächsten zu Hülfe gekommen, sondern daß das Geld gemehrt werde. Die alte Uebersetzung hat das Wort mit „Uebersatz“ oder „mehr wiedernehmen“ gegeben. Die Juden zu unserer Zeit nennen (den Wucher) von derselben Wurzel Rabbath oder Ribbis. 2. Aus gewissen und deutlichen Zeugnissen der Schrift ist festzustellen, daß der Wucher keine an sich und ihrer Art nach gute Sache, noch in dem Sinne ein Mittelding sei, daß er nach dem Gebrauch oder Mißbrauch beurtheilt und zwar das Maßhalten gebilligt, aber nur das Zuweitgehen verdammt würde, sondern daß es eine an sich und ihrer Art nach böse, sündliche und verdammte Handlung sei. Denn viele denken, wie in den übrigen rechtmäßigen Contracten nur das Zuweitgehen, die Fehler und der Mißbrauch verdammt werden, so sei auch ein mäßiger Wucher keine Sünde und es werde nur das Zuweitgehen verdammt.*) Und zwar ist bei den Römern zuerst der *) In unserer deutschen Sprache ist es, nachdem der Wucher wie eine Sündfluth in alle Geschäftsverhältnisse gedrungen ist, dahin gekommen, daß man unter Wucher nur das Verleihen des Geldes auf höhere Zinsen versteht, als durch das Staatsgesetz erlaubt ist. Dieser neue, auf Verleugnung des Wortes Gottes gegründete Sprachgebrauch hat unermeßlichen Schaden gethan. Die Folge ist gewesen, daß selbst diejenigen, welche sich noch vor Gottes Wort (das den Wucher absolut verdammt) fürchten, in den Wucher gerathen sind, ohne es zu wissen und zu ahnen. Es ist daher unter uns Deutschen nöthig geworden, daß, wenn die Lehre des göttlichen Wortes vom Wucher vorgetragen werden soll, den Zuhörern vorerst klar gemacht werden muß, was das Wort Wucher bedeute; daß nehmlich dieses Wort und die demselben in allen Sprachen der Welt entsprechenden Benennungen nichts anderes bedeuten, als das Leihen auf Zinsen oder das Leihen und mehr Wiederfordern, als man geliehen hatte. Um dies zu beweisen, darf man sich nur irgend eines guten Wörterbuches bedienen, in welchem die eigentliche Bedeutung der Wörter angegeben ist. Um hier nur ein Beispiel anzuführen, so schreibt Eberhard in seinem vortrefflichen synonymischen Wörterbuch unter der Ueberschrift: „Wucher, Zinse“, Folgendes: „Uebereinstimmende Bedeutung beider Wörter ist: Der Preis, welchen der Borger dem Leiher für die Benutzung des geliehenen Geldes verspricht. Verschiedenheit: Der gemeine Sprachgebrauch unterscheidet Wucher von Zinsen dadurch, daß er unter Wucher unrechtmäßige Zinsen versteht.“ Sehr naiv heißt es in dem Conversationslexikon von Brockhaus (5. Ausg.) unter dem Titel: „Wucher“, wie folgt: „Das Wort Wucher hatte in älteren Zeiten nicht die schlimme (!) Bedeutung, in welcher es jetzt durchaus genommen wird. Man verstand darunter den Gewinn, den man von seinem Eigenthume im Handel und Wandel hatte, folglich Zinsen. Geld auf Wucher, d. h. auf Zinsen, leihen, war ehemals ein ge⸗