# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1864_S172 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 172 Martin Chemnitz über den Wucher. Dinge stehen, könne ohne Wucher nicht bestehen; darum könne, wenn in Einforderung des Wuchers die bürgerlichen Verordnungen gehalten würden, dieselbe ohne Gewissensverletzung geschehen. Andere aber zerreißen unter dem Namen des Wuchers alle rechtmäßigen Contracte und verdammen ehrlichen Gewinn. Wir werden daher die vornehmsten Hauptstücke dieser Disputation so, wie es in den Schulen geschieht, zusammen lesen und in eine Anzahl Glieder eintheilen. 1. Nicht ohne Nutzen ist es, die Benennungen zu erwägen. Die Lateiner nennen den Wucher Usura, darum, weil wegen des Usus (Gebrauche) des Entlehnten zum Capital etwas hinzukommt. Foenus, will man, werde derselbe darum genannt, gleich als wäre er der Foetus (das Erzeugte), sowie die Griechen ihn τόκος nennen, dessen Etymologie Aristoteles im 1. Buch der Politik Cap. 7. dahin erklärt, daß im Wucher das Geld nicht dem Gebrauche gemäß, zu dem es erfunden worden ist, als Tauschmittel in den Contracten angewendet wird, sondern etwas sich Aehnliches erzeugt, nehmlich Geld, während dies nicht der Natur des Geldes entspricht. Suidas citirt aus Aristophanes: „Der Wucher ist ein solches und zwar unvernünftiges Thier, welches allmonatlich und täglich immer mehr Geld erzeugt im Verfluß der Zeit.“ Die hebräische Sprache aber hat drei sehr merkwürdige und bezeichnende Benennungen. Die erste ist Naeschech, dessen Wurzel die Bedeutung des Beißens und Zernagens hat. Denn mit dieser Vergleichung wird der Geiz Mich. 3, 3. beschrieben: „Ihr fresset das Fleisch meines Volkes, und wenn ihr ihnen die Haut abgezogen habt, zerbrechet ihr ihnen auch die Beine.“ Es wird aber Naeschech fast immer vom Schlangenbiß gebraucht, welcher nicht sowohl durch Zernagung, als durch das Gift schadet. Der Grund der Benennung ist sehr treffend. Denn der Schlangenbiß schneidet und haut das Glied nicht sogleich ab, sondern inficirt es mit seinem Gifte, daß es nach und nach und langsam aufgerieben wird. So zernagt der Wucher nach und nach das Vermögen des Menschen, obgleich man es erst nicht merkt; desgleichen ist er auch dem Wucherer selbst ein Gift, nach dem Spruch Prov. 28, 8.: „Wer sein Gut mehret mit Wucher und Uebersatz, der sammelt es zu Nutz der Armen.“ Die zweite Benennung ist Nassa, welches die Bedeutung hat, eine Bürde oder Last auflegen, auf Jemanden einstürzen. In diesen Wörtern werden überaus merkwürdige Abbildungen der Wucherer vorgestellt. Denn 5 Mos. 24, 10. 11. gebietet Gott den Reicheren, daß sie die dürftigen und aus Armuth schon dahin sinkenden Brüder erfassen oder ergreifen sollen; sie aber stürzen auf die ein, welche schon gefallen sind und am Boden liegen, und drücken sie durch Auflegung einer Bürde noch mehr nieder; oder es soll damit angezeigt werden, daß sie, indem sie sich stellen, als ob sie die Gefallenen durch ihr Leihen unterstützen und aufrichten wollen, sie heimlich beißen, so daß sie, ehe sie es merken, gänzlich abgenagt sind. Chrysostomus legt jene Vergleichung zu dem 5. Kapitel Matthäi sehr schön also aus: „Der Wucher ist dem Bisse einer Viper ähnlich. Denn wer von einer Viper gestochen worden ist, fällt mit einem angenehmen Gefühle in Schlaf und durch