# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1864_S163 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Die moderne Theorie von den verschiedenen Lehrtypen des neuen Testaments. 163 Theorie von den verschiedenen Lehrtypen des N. T., die heutzutage allent⸗ halben gang und gäbe ist und worunter also, wie der Ausdruck anzeigt, nicht eine in der Verschiedenheit der Individuen und der Umstände begründete Ver⸗ schiedenheit des Stils und dergleichen — denn diese leugnen wir keineswegs — sondern eine Verschiedenheit der Lehre unter den heiligen Schreibern zu ver⸗ stehen ist. — Die Entstehung dieser Theorie fällt naturgemäß in die Zeit des herein⸗ brechenden Unglaubens, sie wurde als ein Schooßkind gehegt und gepflegt vom Rationalismus des vorigen und dieses Jahrhunderts, und die heutige Theo⸗ logie hat sich nicht ganz derselbigen entledigen können, weil sie überhaupt des Rationalismus nicht ganz losgeworden ist. Sobald man den Glauben an die unmittelbare, absolute göttliche Eingebung der h. Schrift als einen über⸗ wundenen Standpunkt über Bord warf, und die Bibel als ein menschliches Buch ansah, konnte man auch in den geschichtlichen Berichten und Lehren der Evangelisten und Apostel, nichts Anderes sehen als selbstständige Erzeugnisse verschiedener menschlicher Individuen, deren Abweichung voneinander darum als wahrscheinlich schon vorauszusetzen war; die scheinbaren Schwierigkeiten und Widersprüche bei den verschiedenen Verfassern waren so leicht zu erklären; nichts ist ja natürlicher, als daß verschiedene Referenten über eine und die⸗ selbe Sache auch verschieden darüber berichten, auseinandergehende Ansichten darüber haben. Wenn der der Erleuchtung und Leitung des hl. Geistes be⸗ raubte menschliche Verstand die verschiedenen Ausdrucksweisen betrachtete; wenn man sah, daß der eine Verfasser diese Seite der Heilslehre, der andere eine andere vorzugsweise betonte, so war bei einer solchen oberflächlichen Be⸗ trachtung der hl. Schrift nichts natürlicher, als daß man in der Verschieden⸗ heit der Ausdrücke und der Hervorhebung dieses oder jenes Punktes eine Ver⸗ schiedenheit der Vorstellungen, verschiedene Gesichtspunkte sah, von denen die wesentliche Heilsthatsache betrachtet worden sei, zumal da der schon mit dem natürlichen Verderben gesetzte und durch die bereits geschehene Lossagung vom Glauben gesteigerte böse Wille hinzukam. Denn es ist doch gewiß nicht anzu⸗ nehmen, daß die bloß irregeleitete, dabei aber aufrichtig die Wahrheit suchende wissenschaftliche Forschung des Rationalismus zu solchen Resultaten gelangte, sondern es zeigt sich im Einschlagen und Verfolgen dieser Richtung durchaus ein dogmatisches Interesse. Es war dem Rationalismus darum zu thun, die Autorität der ihm verhaßten biblischen Lehre wankend zu machen. Daher mußte er zeigen, daß die höchste Autorität des Glaubens selbst schon verschie⸗ dene Typen, verschiedene, in der Sache selbst von einander abweichende Lehr⸗ formen enthalte. Die rein grammatisch-historische Interpretation half diese Unterschiede um so leichter auffinden, als man keine Einheit sehen wollte, sondern von vornherein mit der Voraussetzung und der Absicht daranging, Unterschiede, und zwar so große, als möglich, zu finden. So fand man denn Differenzen nicht bloß im Lehrbegriff der neutestamentlichen Schriftsteller, son⸗ dern meinte auch zwischen der Lehre Christi und der Apostel scharfe Gegensätze wahrzunehmen, welche nur auf einem befangenen Standpunkte geleugnet