# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1864_S156 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 156 Kirchlich-Zeitgeschichtliches. Schenkel, der gefeierte Unionsagitator, hat eine Schrift herausgegeben: „Charakter⸗ bild Jesu“, worin er, was in seinem Herzen eigentlich stecke, nun so deutlich an den Tag gegeben hat, daß selbst die „Neue Ev. Kz.“ vom 27. Febr. Folgendes schreibt: „Man meint in der That hier und da die Expectorationen des Wolfenbüttler Fragmentisten oder eines Strauß zu lesen, wenn man sieht, mit welcher wilden Zerstörungslust Herr Dr. Schenkel die evangelischen Berichte von Christi Auferstehung in unversöhnlichen Widerstreit mit einander zu bringen bemüht ist. .... So viel gibt sich zur Genüge, daß dieses „„Charakterbild Jesu““ in keiner Weise als eine Gegenschrift, sondern lediglich als ein trauriges und dem dermaligen Stande unserer deutschen Theologie nicht eben sonderlich zur Ehre gereichendes Seitenstück zu Renan's „„Leben Jesu““ betrachtet werden kann. Die praktische Tendenz, ausgehend auf Gewinnung der Massen für ein gewisses philosophisch sublimirtes und doch zugleich naturalistisch verflachtes Christenthum, ist ohnehin fast ganz die nämliche wie bei dem Pariser Renan, wie bei dem Heidelberger Professor und Kirchenrathe, dessen Agitation für die Errichtung einer demokratischen Volks- und Allerweltskirche mehr und mehr in's gemein Demagogische und entschieden Unkirchliche ausarten zu wollen scheint.“ Schweiz. Vor kurzem sollte in Uster, einem Fabrikorte an der Eisenbahn östlich von Zürich, ein Prediger gewählt werden. Als Candidat wurde ein junger bisheriger Vicar aufgestellt, gegen dessen Wahl etwa 100 Glieder eine Art Protestation bei dem Kirchen⸗ rathe einlegten. Ihre Protestation stützten diese damit, daß der Candidat als seinen Glauben öffentlich in Predigten und in der Kinderlehre ausgesprochen habe: 1. die Bibel sei von An⸗ fang bis zu Ende voll Fabeln und die meisten Schriften der Apostel untergeschoben; 2. Jesus sei nicht, was das N. T. von ihm sage, sondern ein natürlicher und ein sündiger Mensch wie wir alle gewesen; 3. er sei gestorben und nicht auferstanden, noch lebe er in der Herrlichkeit fort, denn niemand wisse, ob es eine Fortdauer nach dem Tode gebe; 4. Jesus sei ein Schwärmer und Phantast gewesen u. s. w. Die Protestirenden beriefen sich ferner darauf, daß Art. 4 der Staatsverfassung die christliche Religion nach dem reform. Lehrbegriff als „die vom Staate anerkannte Landesreligion“ erkläre. Die Antwort des Kirchenrathes war die einstimmige Erklärung, es sei kein gesetzlicher Grund, einzuschreiten; er habe Böses und auch Gutes von dem Manne gehört. So ist denn die Wahl mit einem Hurrah, „von dem die Kirchenfenster zitterten“ — wie eine Zeitung triumphirend meldet — zu Stande gekommen. Aus 1010 Stimmen erhielt der Mensch 865. Glaubwürdige Ohrenzeugen theilen über den Erwählten noch mit, in einer Osterpredigt habe er eine Parallele zwischen Judas und Christus gezogen, die den Eindruck gemacht habe, daß er den Erstern über den Letztern stelle, weil Judas freiwillig sein Leben für seine Ueberzeugung geopfert, während Christus das nicht gethan habe, indem er ja von Andern gewaltsam getödtet worden und nur insoweit freiwillig gelitten habe, als er nichts zu seiner Befreiung unternommen. Zwingli habe ein größeres Opfer gebracht, als Christus, weil Ersterer Weib und Kind zurückgelassen, während Letzterer blos eine Mutter zu verlassen gehabt habe. Die drei Theile einer Himmelfahrtspredigt seien gewesen, er wolle beweisen: 1. Jesus sei nicht auferstanden, 2. nicht in den Himmel gefahren, 3. werde auch von dannen nicht wieder kommen. Dieses alles berichtet die Neue Ev. Kirchenzeitung. Großherzogthum Hessen. Daher schreibt ein Correspondent der Ev. Kz. in den Nummern vom 5. und 12. Decbr. u. A. Folgendes: Die letzten Mittheilungen aus unserm Lande berichteten von dem über das neue Ordinationsformular entbrannten Streite. Das Jahr 1863 hat den Kirchlichen des Landes neue Kämpfe gebracht. Wir geben hier kurzen Bericht darüber, besonders auch um die Theilnahme unserer theuren Glaubensgenossen in Rath und Gebet dadurch zu erwecken. — Zunächst ist es die Kirchenverfassungsfrage, welche unsre Kirche zur Zeit aufs Tiefste bewegt. Die Vorgänge in Baden und in der Pfalz konnten nicht verfehlen, auf unser Hessen Einfluß zu üben. Mit den politischen Bewegungen unsrer Zeit tauchten auch die alten kirchlichen Wünsche aus den Jahren 1848 und 1849 wie⸗ der auf, und nach bekannter Taktik bemächtigte sich die Demokratie dieser Sache und beutete sie für ihre Zwecke aus. Zwei liberale Abgeordnete der fortschrittlich gesinnten zweiten Kammer hielten sich für berufen, einen Antrag in Bezug auf die Verfassung der evangelischen Kirche