# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1864_S144 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 144 Grundtvig. So viele Wandlungen auch Grundtvig im Einzelnen durchgemacht hat und so verschieden auch zu verschiedenen Zeiten seine Stellung den Zeitgenossen und besonders der Staatskirche gegenüber gewesen ist, so treten doch einige Hauptzüge von Anfang bis zu Ende bei ihm unverändert hervor. Abgesehen von seiner nationalen Richtung und von dem formalen Prinzip der Glaubens- und Gewissensfreiheit, worin er sich immer gleich geblieben ist, erscheint besonders seine eigenthümliche Auffassung der Begriffe von Taufe, Taufbund und Glaubensbekenntniß als charakteristisch. Die Beharrlichkeit, mit welcher er diese Singularität stets festgehalten hat, erinnert an den Weg aller Sektenstifter, der ja regelmäßig von einem mehr peripherisch gelegenen Punkte ausgehend, diesen Punkt in das Centrum des gesammten Lebens und Strebens zu rücken sucht. Hierauf haben wir daher etwas näher einzugehen. Die „unvergleichliche Entdeckung“ Grundtvig's (wie seine Anhänger sie zu nennen lieben), daß so wenig das freie Denken des Afterprotestantismus wie die bisher als unumstößlich angesehenen Grundprinzipien der protestantischen Kirche — das formale Schriftprinzip und die Rechtfertigung aus dem Glauben — den festen Grund der Kirche bilde, sondern allein das durch die Taufe traditionell fortgepflanzte apostolische Symbolum als das „lebendige Wort des Herrn“, tritt zuerst 1825 in seinem Streite mit dem damals noch entschieden rationalistischen Prof. Clausen hervor. Die Thatsache einer in ununterbrochener Continuität bestehenden Gemeinde weist auf den Herrn als „den in seinen Stiftungen Gegenwärtigen und Heilschaffenden“ zurück. Das Wort der Schrift, im Buchstaben firirt, ist an sich todt und kann für sich kein Leben schaffen; überdies ist es von der Exegese der ungläubigen Wissenschaft mißdeutet und mißhandelt. Die Reformatoren haben unrecht gethan, den Glauben der Gemeinde allein auf die Bibel zu gründen; sie haben damit ein neues Papstthum aufgerichtet, in dessen Besitz jeder Bibelerklärer sich zu setzen wagt. Bibel und Bekenntnißschriften können ihr Licht und ihren rechten Verstand nur aus dem lebendigen Worte der Tradition empfangen. Von Christus selbst ist Taufe, Abendmahl, Vaterunser und Symbolum der Kirche überliefert, letzteres in den vierzig Tagen vor der Himmelfahrt, und wie diese Stücke den Aposteln übergeben waren, so sind sie unverändert durch den Strom der Zeiten gegangen. Auch die Abrenunciation gehört zu dieser ursprünglichen lebendigen Ueberlieferung. Nur wo daran ohne die mindeste Abweichung festgehalten wird, ist der richtige Taufbund. Wo das geschieht, da ist die wahre Gemeinde; alles Andere ist von untergeordneter Bedeutung. Ohne Zweifel ist Grundtvig zu diesen Sätzen vornehmlich durch die Mißhandlung der Agende, durch die willkührlichen Aenderungen, welche die Geistlichen mit derselben vorzunehmen sich erlaubten, geleitet worden. Indeß nicht im Interesse der kirchlichen Ordnung nimmt er und seine Partei Anstoß an diesen Aenderungen, sondern weil ihm an der wortgetreuen Fassung das Heil der Seelen, die wirkliche Theilnahme an der Erlösung, die Mitgliedschaft am Reiche Gottes hängt. Man hatte es freilich arg genug gemacht,