# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 24_S178 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ganz gemildert, wie ſie überhaupt ſich in genauen Beſtimmungen nicht bewegen, ſo daß der Arminia⸗ nismus ſchon früh großen Eingang unter der Mehrzahl der Lehrer finden konnte. So ein ern⸗ ſter Zug innerlicher Frömmigkeit theilweiſe ſammt der Gabe eines beſondern Scharfſinnes in den theologiſch-kirchlichen und aſketiſchen Schriften des engliſchen Volkes ſich auch zeigt, ſo haben ſie doch niemals mit deutſcher Tiefe die Lehre von der Rechtfertigung aus Gnaden entwickelt und dar⸗ geſtellt, indem es leicht geſchieht, daß Evangelium und Geſetz, der neue und der alte Menſch in der Wiedergeburt und Heiligung, der Glaube und ſeine Aeußerungen, als Glieder von Begriffen, die zwar eng verbunden ſind, aber doch keineswegs in einander fließen dürfen, nicht genug umgränzt und aus einander gehalten werden. Dazu kommt nun, daß ſie einen weſentlichen Unterſchied der Biſchöfe und ſogenannten Presbyter (Prieſter, Pfarrer) be⸗ haupten nach göttlichem Recht, und den erſtern allein die Macht Prieſter zu weihen und der Fir⸗ melung zueignen, ſo daß keine Handauflegung anderer Gemeinſchaften gültig ſei, wo die biſchöf⸗ liche Reihenfolge ſeit der Apoſtel Zeiten fehle. Aus dem übereinſtimmenden Zeugniß der Kirchenväter und alſo auch dem Inhalt öffentlicher Symbole wird nicht etwa bloß ein geſchichtlicher Beweis für den Zuſammenhang der Kirche in Glaubens⸗ und Disciplinarfragen und ihre Aneignung des Evangelii durch Ausſprechen ſeines Inhalts ge⸗ ſchöpft, ſondern eine der Schrift zunächſt ſtehende Richtſchnur gemacht, damit zugleich die nothwen⸗ dige Eriſtenz von traditioneller Auslegung und kirchlicher Bekenntnißvorſchrift geſetzt“), obgleich ſie ſonſt ſchlechterdings die Irrthumsloſigkeit der⸗ ſelben neben der Schrift leugnen. Dieſe beiden letztern, auf die auswendige Seite der Kirche in ihrer Geſtaltung bezüglichen Sätze werden feſt⸗ gehalten in der Meinung, daß dadurch allein die Einheit der Kirche JEſu Chriſti bewahrt und ge⸗ fördert werde — und doch ſind bis auf unſere Zeit gewiß nur wenige kirchliche Gemeinſchaften von Kämpfen mehr heimgeſucht worden, als die eng⸗ liſche Episcopalkirche; noch vermögen ſie etwa kräftige Gegenmittel wider einreißende Sitten⸗ verderbniß an die Hand zu geben — von jeher iſt lutheraner“ werden müßte! Das iſt der innige Wunſch der in dem HErrn verbundenen Brüder, ja der aller Orten betenden heiligen Gemeinde. *) Iſt die heilige Lehre des Evangeliums in dem geſchrie⸗ benen Worie Goites deutlich und zur Seligkeit hinreichend enthalten, oder bedarf es einer fortwährenden kirchlichen Auslegung? Das iſt der Punkt, um den es ſich hier dreht; nicht aber: Gibt es Einen in äußerlichen geſchichtlichen Zeugniſſen vorliegenden Geſammtglauben (wahrhaft katho⸗ liſche Lehre) der Kirche durch alle Jahrhunderte hindurch? Ohne aufgeſtellte Norm, das ewige Bekenniniß aller Gläu⸗ bigen zu faſſen, kann wohl keine zum Geſetz erhobene Ver⸗ faſſung der Kirche nach dem Moment der Beſonderung (wegen Appellationen und Entſcheidungen), wohl aber ſie ſelbſt in der Geſchichte gedacht werden. Die Schrift iſt ein ewiger Buchſtabe (daß ich ſo rede), die Artikel des Glaubens aus derſelben zuſammengeſtellt in ihrer gegebenen Gliede⸗ rung (regula, summa fldei) das Vorbild der heilſamen Lehre, 2 Timoth. 1, 13. f., 1 Timoth. 6, 3.; darum aber noch keine beſtimmte, aus dem Fortſchritt der Lehrwiſſen⸗ ſchaft hervorgehende Form, die ganz zuläſſig ſein kann, allein wenn ſie der Schrift, die nicht Parthei, nur Richterin iſt, entſpricht. dadurch im Gegentheil entweder geiſtloſer Prieſter⸗ glaube und Werkgottesdienſt, oder um ſo ärgerer Weltſinn und Gleichgültigkeit in Sachen der Re⸗ ligion in die Kirche eingedrungen, der übrigen Nachtheile eines vornehmen und reichen Klerus und politiſchen Zerwürfniſſe jetzt nicht zu ge⸗ denken. Allein es iſt gerade der Lehrſatz von der Bi⸗ ſchöfe Reihenfolge oder Succeſſion, daß ohne die⸗ ſelbe keine wahre Kirche ſei, die engliſche jedoch ſolche ohne einige Unterbrechung bis zu der Apo⸗ ſtel Stühlen als ihrer Wurzel zurückführen könne, überhaupt die Würde dieſer Hierarchen göttlichen Urſprungs und Anſehens ſei — welcher, wie ſchon früher, ſo namentlich in unſern Zeiten die Ge— wiſſen wiederum häufig bedrängt. Nun kann, ſo⸗ weit die Chriſtenheit reicht, nirgends eine ununter⸗ brochen zuſammenhängende Reihe der Biſchöfe, ſo daß immer die nachfolgenden von den vorher⸗ gehenden rechtmäßig konſekrirt worden ſeien, mit Sicherheit hiſtoriſch nachgewieſen werden, am allerwenigſten freilich in der römiſchen Kirche, eher in der griechiſchen, am wahrſcheinlichſten noch in der engliſchen (obſchon auch hier Zweifel übrig bleiben), weshalb ſogar der bedenkliche D. Spe⸗ ner in Berlin jenem angefochtenen königsberger Magiſter Joh. E. Grabe, einem fleißigen, ſtillen Gelehrten, dem es aber doch, ſoviel er ſonſt in der Kritik ſich auszeichnen mochte, an erleuchteter Verſtandesgabe mangelte, als er ſchon im Begriff war ſich zum Pabſtthum zu bekennen, den merk⸗ würdigen Rath für ſeine in den Kirchenvätern verſtrickten Skrupel gab, daß, wenn er einmal auf die äußerliche Succeſſion der Biſchöfe ſo dringe, er ſie in der engliſchen, gegen römiſchen Lehrbegriff zugleich auch proteſtirenden Kirche am beſten finden würde. Derſelbe D. Spener hatte kurz vorher auf Befehl ſeines Kurfürſten folgende Schrift heraus⸗ gegeben: Rettung der evangeliſchen Kirche von falſcher Beſchuldigung der Trennung, den in das kurfürſtlich ſamländiſche Conſiſtorium eingegeb⸗ nen dubiis M. Joh. Ernſt Grabes entgegenge⸗ ſetzt 1695. (In gleichem Auftrag mit ihm hatten gegen Grabe geſchrieben der damalige halliſche Prorektor D. Joh. Wilh. Bayer und der luthe⸗ riſche Biſchof zu Königsberg D. Bernhard von Sanden. Und wunderbarer Weiſe mußte Grabe, ehe er noch ſein Vorhaben römiſch zu werden weiter eröffnet hatte, Speners Schrift in einem Buchladen zu Erfurt in die Hände bekommen, die ihn zu einer mündlichen Unterredung mit dem Verfaſſer bewog, worauf er dann nach London reiſ'te und daſelbſt, als Lehrer der Theologie wie— wohl mit unbefriedigtem Herzen, geſtorben iſt.) Wie dürfte demnach auf eine ſo ungewiſſe, bloß in menſchlichen Zeugniſſen beruhende Sache als auf ein nothwendiges Kennzeichen die Wahrheit der Kirche, außer welcher iſt kein Heil, gebaut ſein? Aus Goites Wort iſt es unmöglich herauszu⸗ glauben, daß, wo keine biſchöfliche Folge, auch nicht die wahre Kirche, oder wenigſtens, wie mil⸗ dere Episcopale behaupten, eine nicht ſo heilige und vollkommene Kirche ſei; die ganze Lehre von inſofern dieſe nicht als allgemeines Gut und kirchlicher Organismus, ſondern als Vorzug eines beſondern Standes betrachtet wird, und demnach von einer ſichtbaren Anſtalt, die Chriſtus gegrün⸗ det habe, iſt ſchriftwidrig. Den Augsburger Confeſſionsverwandten kommt es viel darauf an zu beweiſen, daß derjenige, deſſen gewaltiges Zeugniß das' Antichriſtenthum ſo erſchüttert, ſammt ſeinen Gehülfen keiner biſchöflichen Beſtä⸗ tigung zu ſolchem Werke bedurfte, ſowie daß ihre Prediger wahre apoſtoliſche Biſchöfe oder Pfan⸗ herren ſeien. Von wem hatte doch der heilige Paulus die Auflegung der Hände erhalten? We⸗ der vom HErrn, noch von einem Apoſtel, ſondern von einem Jünger Ananias, den ſelbſt die Tra⸗ dition als einen der 70 bezeichnet. Die Ordina⸗ tion iſt keine von Chriſto und Seinem Geiſte be⸗ fohlene (ſacramentliche) Weihe; wohl aber hat dieſer die rechtmäßig berufenen und verordneten Aelteſten oder Vorſteher einer Theilkirche zu Bi⸗ ſchöfen geſetzt, zu weiden die Gemeinde, die Got⸗ tes Sohn durch Sein eigen Blut erworben hat (Ap. Geſch. 20, 17. 28.). Die Kirche im An⸗ fang des Neuen Bundes kannte — die Unfehl⸗ barkeit des Zeugniſſes der Apoſtel und ihre Lei⸗ tung ſammt Propheten und Evangeliſten abge⸗ rechnet — im Allgemeinen nur Einen Unterſchied zwiſchen Biſchöfen (Aelteſten, Hirten, Lehrem) und ihren Gehülfen (d. i. Diakonen, auch wohl ſelbſt Aelteſte genannt), nicht ſowohl dem Range, als den Verrichtungen nach — geiſtlichen und die das Leibliche mehr betreffen in Kirchenſachen, Ap. Geſch. 6. 1 Petri 5, 1. ff. (2 Joh. 1.) Tit. 1, 5. 7. vgl. Phil. 1, 1. 1 Tim. 3, 1. ff. 8. ff. 5, 17. Das heilige Amt (2 Cor. 3, 4. 5. 6., das nicht eher aufhört, als bis kein Chriſt mehr auf Erden iſt und der HErr gekommen, es iſt ja nichts Geringeres, als das Prieſterthum aller Auserwählten (1 Petri 2, 9.), das ſich, damit die Heiligen zugerichtet werden zum Bau des Leibes Chriſti, konzentrirt in der Regierung durch das Wort und dem Haushalt der himmliſchen Familie, dazu ſich Niemand ſelbſt die Ehre nimmt, ſondern zu ſolchem Werk und Dienſte Gottes, der es als ſolches auch will erkannt haben, von den Gläubigen durch Lenkung einer höhern Hand er⸗ fordert wird, ſo daß der Vorſtand mit ſeinen Ga⸗ ben und einzelnen Verzweigungen herauswächſt als der innerſte Kreis aus dem Schooß der gan⸗ zen Gemeinde. (Eph. 4, 11. f. Hebr. 13, 17. 5, 4. 1 Cor. 4, 1. 3, 22. Cap. 12.) Die wahre Kirche iſt weit entfernt, eine ſchran⸗ kenloſe Willkühr und Unabhängigkeit der einzel⸗ nen Gemeinden im Kirchenregiment, Liturzie, Zucht und dergleichen Formen für die Freiheit, die das Evangelium lehrt, auszugeben; ſie er⸗ kennt das Gebot der Liebe und der Einigkeit im Geiſt des Glaubens durch das Band der Ord⸗ nung und des Friedens als das königliche Geſetz, Jac. 2, 8., dem gemäß auch ihr äußerlicher Ein⸗ tritt in die Welt geſchehen ſoll; es iſt die Idee, welche der Verfaſſungsform der erſten Jahrhun⸗ derte, wie ja Hieronymus und Andere laut bezeugen, zum Grunde lag, dadurch das unſicht⸗ der Einſetzung perſönlicher Träger der Hierarchie, bare Weſen der Kirche zeitlich erſchien, die inner⸗